Dinge des Lebens

Der Schatz von der Ostsee

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Perdita Maschke aus Britz erzählt von einem Reisetagebuch ihrer Großmutter.

Foto: Reto Klar

Auch in kleinen Dingen findet sich das Besondere. Das lehrt das kleine schwarze Büchlein, das Perdita Maschke hütet wie einen Schatz. Gerade einmal 14 mal acht Zentimeter misst es, hat einen schwarzen Einband aus Stoff, ein Futter aus kunstvoll marmoriertem Papier und seitlich eine Lasche fürs Schreibwerkzeug.

Die karierten Blätter sind eng mit roter Tinte beschrieben und bergen für den, der die Sütterlin-Schrift nicht beherrscht, nur Hieroglyphen. Doch Perdita Maschke weiß, was in dem Büchlein steht: Es ist ein Reisebericht ihrer Großmutter, den diese während eines Urlaubs in Vitte auf Hiddensee verfasste, zwischen dem 26. Mai und dem 12. Juni 1918.

Olga Dabbert: So hieß die Großmutter von Perdita Maschke. Eine Visitenkarte mit diesem Namen und dem Ortshinweis „Berlin-Reinickendorf“ steckt noch in dem Reisetagebuch. „Die genaue Adresse gab eine Dame damals natürlich nicht an, das geziemte sich nicht“, sagt Perdita Maschke und lacht. Dabei war die Großmutter für ihre Zeit eine sehr moderne, emanzipierte Frau. Sie arbeitete als Substitutin im Kaufhaus Israel. Ihre Domäne: Damenoberbekleidung.

„Zwei Betten wundervoll weich“

28 Jahre alt war sie zum Zeitpunkt der Reise, doch noch nicht verheiratet. Nur begleitet von ihrer Freundin Liesel machte sich Olga Dabbert damals, vor fast 100 Jahren, an die Ostsee auf. Das Ziel: eine kleine Pension in Vitte, der Wunsch: einige unbeschwerte Tage des Wanderns und Badens. Das Reisetagebuch, eine damals angesagte Art der Dokumentation, berichtet davon, wie die beiden jungen Frauen ihr Ziel erreichten und sich ihren Wunsch erfüllten.

Mit dem D-Zug ging es nach Stralsund, dann weiter mit dem Dampfer nach Vitte und von dort zum Strand-Hotel. „Ganz reizend liegt unser Stübchen, ein Fenster führt zur See hinaus, das andere gestattet einen Ausblick auf den Bodden & friedliche Fischer-Hütten. 2 Betten wundervoll weich, 2 Stühle, 1 Schrank, 1 Waschtoilette, darüber der Spiegel, 1 ovaler Tisch, 2 Nachttische & Bettvorleger bilden das ganze Mobiliar“, schreibt Olga Dabbert. „Null Komma fünf packten wir unsere Sachen aus & als uns der Kaffee gebracht wurde, standen wir schon vom Reisestaub gesäubert da & stürzten gleich beide über die umfangreiche Kanne & 2 Butterstullen für jeden her.“

Perdita Maschke lacht erneut. Was es auf Hiddensee zu essen und zu trinken gab, hat ihre Großmutter fast genauer beschrieben als die zahlreichen Naturerlebnisse und ihre Begegnungen mit Einheimischen und anderen Touristen. Milchsuppe, Pellkartoffeln, Kalbsbraten, Räucheraal, Wurst und Schinken, Rhabarber, Käsekuchen, Schokoladenspeise, Plinsen mit Blaubeeren und vieles mehr: Die „lucullischen Genüsse“ bereiteten den beiden einen paradiesischen Zustand. In der Hauptstadt sah es am Ende des Ersten Weltkriegs deutlich anders aus, wie Olga Dabbert andeutet: „Mir ist schon Angst & Bange, denke ich an die Versorgung von Lebensmitteln in Berlin.“

Gedanken an Berlin rufen Schrecken hervor

Sie ängstigte sich um ihre Familie und ihre kranke Freundin Elsa, die in Berlin bleiben musste. Auch um ihr berichten zu können, schrieb sie ihre Erlebnisse wohl so detailliert auf. Sie lobte die „idyllische Ruhe & Abgeschiedenheit“ auf Hiddensee, die „gewaltige romantische Schönheit“, während die Gedanken an Berlin und das „alte Einerlei“ in der Heimatstadt „Schrecken“ hervorriefen. Schwer fällt ihr der Abschied von ihrer „Märchen-Insel“: „So gern möchte ich noch bleiben... Wie schön war’s doch mal so dahin leben zu dürfen, nicht denken nur genießen.“

Die Enkelin streicht ihre wilden dunklen Locken aus dem Gesicht. Ihr Blick schweift zu den Schwarz-Weiß-Fotografien der Großmutter, die sie in ihrem Zuhause in Britz aufgestellt hat. Eine Ähnlichkeit zwischen den beiden ist nicht von der Hand zu weisen. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum Perdita Maschke so an dem Reisetagebuch hängt: „Ich sehe da eine Linie zwischen meiner Großmutter, meiner Mutter und mir.“ Auch innerlich: Frei im Denken, geradeheraus, selbstständig, das ist auch sie. Und die Oma ein Vorbild: „Meine Großmutter hat immer gesagt: Man soll sich nicht abhängig machen.“

Als Olga Dabbert 1972 starb, ging das Reisetagebuch in den Besitz der Mutter über, nach deren Tod 2006 nahm Perdita Maschke es an sich. Damals barg es noch ein Geheimnis. Erst seit wenigen Monaten weiß die 51-jährige Kosmetikerin, was genau in dem Büchlein steht: Eine Kundin hat für sie die schwer lesbare Handschrift entziffert und ihr zum Geburtstag eine 26 Seiten umfassende Computer-Abschrift geschenkt. Und damit auch eine Seite der Großmutter offenbart, die Perdita Maschke immer erahnt, aber zu Lebzeiten der Großmutter nicht präsentiert bekam. Es ist das Bild einer jungen, sensiblen Frau mit einer künstlerischen Ader.

Tagebuch als Dauerleihgabe für Heimatmuseum Hiddensee

Diese Seite hat Olga Dabbert nie ausgelebt. Zwei Jahre nach der Reise nach Hiddensee heiratete sie einen Kaufmann, mit dem sie bis zur Rente einen florierenden Tabakladen in Friedrichshain führte. Sechs Tage pro Woche bestimmten die Geschäfte ihr Leben. An einem Sonntag pro Monat war Familientag. Da fuhr die Mutter von Perdita Maschke mit Mann und Tochter über die Grenze in den Ostteil der Stadt zu ihren Eltern. Die kleine Perdita wurde verwöhnt mit Aufmerksamkeit und Liebe. Und mit einem Ratschlag, den die Großmutter immer und immer wiederholte. Er hieß: „Fahrt doch mal nach Hiddensee!“

Bald könnte es für Perdita Maschke so weit sein. Sie hat das Tagebuch ihrer Großmutter dem dortigen Heimatmuseum als Dauerleihgabe angeboten und ist damit auf große Begeisterung gestoßen. Es soll zum Schmuckstück der Dauerausstellung werden, die natürlich auch Perdita Maschke besuchen will. Gerade die vielen kleinen, bei oberflächlicher Betrachtung fast belanglosen Details des Reiseberichts sind es, die die Heimatforscher als wertvoll erachten. Graupensuppe, Blumen pflücken, Mittagsschläfchen, Segelfahrt: Spektakulär war der Aufenthalt von Olga Dabbert nicht. Aber einzigartig für eine junge Frau und für nachfolgende Generationen.