Manchmal findet die Liebe einen zufällig. Bei Christa Bayer war es noch dazu Liebe auf den ersten Blick, die zu einer großen Sammel-Leidenschaft wurde. Sie war gerade dabei, ihrem Freund Günther zu helfen, die Laube auszumisten, die dieser neu gepachtet hatte. Und da stand sie, ein Überbleibsel der früheren Laubenpieper.
„Wat willste damit, is doch kaputt und hat keenen Deckel“, habe Günther gesagt, erzählt Christa Bayer. „Aber sie hat mir doch so gut gefallen.“ Fast zärtlich schaut die heute 69-Jährige auf ihre alte Kaffeekanne mit den rosa Rosen und lila Blümchen, auf deren schlanke Statur und den verspielten Griff. Der Deckel fehlt und die Tülle ist „angeschubst“. Egal. Christa Bayers Sammelleidenschaft war geweckt. Mittlerweile hat sie 64 Kaffeekannen, darunter auch zwei, die ihr Mann Reinhard ihr zum Hochzeitstag geschenkt hat. Die meisten jedoch stammen vom Flohmarkt.
„Wenn ich auf dem Trödel etwas Schönes sehe, muss ich es immer mitnehmen“, gesteht Christa Bayer. Das kann auch ein schöner Teller oder eine hübsche Tasse sein. Hauptsache aus Porzellan: „Es fühlt sich so schön an!“ Auf dem Schrank und in der Vitrine im Wohnzimmer in Lichtenrade können Besucher die Schmuckstücke bewundern. „Die Tüllen müssen alle nach vorn stehen, damit man auch den Griff noch sehen kann“, erklärt Christa Bayer ihre Ordnung im kleinen privaten Kaffeekannen-Museum. Aber ihre erste Kanne ist und bleibt ihr liebstes Stück. Denn sie hält die Erinnerung an die einst so enge Freundschaft mit Günther und an dessen unglückliche Liebesgeschichte wach. „Wir haben viel zusammen erlebt, aber die Zeit war ganz traurig.“
13 Jahre lang sahen sie sich nicht wieder
Günther war Christa Bayers Nachbar, vor fast fünfzig Jahren, als sie noch in Steglitz lebte. Die Familien hatten sich eng angefreundet. „Bei der Hochzeit mit meinem ersten Mann hat Günthers Tochter Andrea Blümchen gestreut“, erinnert sich Christa Bayer mit glänzenden Augen. Die Freunde haben in guten Zeiten ebenso zusammen gehalten wie in schlechten. Zu diesen gehörte Günthers Nachkriegs-Tragödie. „Seine Frau stammte aus Ostberlin“, erzählt Christa Bayer und nun wird ihr Blick traurig. Sie denkt an den Tag, als die Berliner Mauer gebaut wurde. „Sie hat am 13. August 1961 ihre Eltern besucht. Und sie haben sie nicht mehr raus gelassen. Dreizehn Jahre lang.“ Eine sehr lange Zeit, in der der Mann die Ehefrau und das Kind seine Mutter nicht sehen durften. Beide wurden an der Grenze zu Ostberlin immer wieder abgewiesen. Nicht nur das: „Die Stasi war auch da und hat Günther überprüft“, erinnert sich Christa Bayer.
Mit Christa konnte Günther offen über all das sprechen, sie litt mit ihm und versuchte zu trösten. „Die Oma hat die Kleine großgezogen, er hat dann bei seiner Mutter gelebt“, erzählt Christa Bayer. Und als die Frau dann endlich nach Westberlin zurück gekommen sei, sei sie kurz darauf verstorben.
Über dem Sofa hängt eingerahmt ein Foto von Christa Bayers Töchtern, aufgenommen vor vielleicht 35 Jahren, als sie einen Ausflug mit Günther machten. Später fand er eine neue Lebensgefährtin und vor etwa dreißig Jahren brach der Kontakt ab. Aber die Kaffeekanne ist Christa Bayer geblieben. Nun steht das Fundstück im Bad, wo sie es jeden Tag sieht, mit einem großen Strauß weißer Stoffblumen darin.
„Ich habe eine Blumenmacke“
„Die Kanne passt auch zu mir, weil ich eine Blumenmacke habe“, sagt Christa Bayer und lacht. Wie zum Beweis zeigt sie ihr zweites Lieblingsstück aus Porzellan: eine große, weiße Schüssel. Auch auf ihr sind kleine Blümchen aufgemalt, und auch dieses Stück liebt Christa Bayer besonders, weil es sie an eine vor kurzem verstorbene Freundin erinnert. Christa Bayer hatte die 88-Jährige kennen gelernt, als sie nach vielen Jahren als Stenokontoristin eine neue Arbeit gesucht hatte. Ihre Firma hatte pleite gemacht, und Christa Bayer arbeitete für eine Zeitarbeitsfirma. „Aber das hat mir keinen Spaß gemacht“, erzählt sie. Also fing sie in Lichtenrade in einer Seniorenresidenz an. „Ich habe bei den alten Leute sauber gemacht, die waren so dankbar.“ Dort arbeitete sie die verbliebenen fünfeinhalb Jahre bis zur Rente und danach betreute sie einige der alten Herrschaften privat weiter: „Das tut dem Herzen gut.“ Auch Frau Winkler, von der die Schüssel stammt, gehörte zu ihren Schützlingen. Ein Berliner Original sei sie gewesen, manchmal ganz schön ruppig. „Sie hatte einen Ziegenbock, mit dem isse an der Leine durch’n Wald jeloofen, einen Terrier mit Namen Herr Schmidt und zwölf Kanarienvögel.“ Einen Garten besaß Frau Winkler auch. Vor allem aber konnte sie malen. Und da sie Christa Bayers Liebe zu schönem Porzellan kannte, bemalte sie ihr eine Schüssel.
Ganz klar, die darf natürlich nicht im Schrank versteckt verstauben. Die möchte Christa Bayer ebenso wie ihre Lieblings-Kaffeekanne jeden Tag sehen. Für die Pistazien auf dem Tisch ist sie jedoch zu groß, also darf sie der erklärte Liebling des Haushalts benutzen: Kater Larry, den ihr Mann als ausgesetztes Kätzchen beim Blumenhändler gegenüber gefunden und sofort ins Herz geschlossen hatte. Nichts ist Christa Bayer so wertvoll wie die frühe Morgenstunde mit ihrem Kater. „Ich stehe extra früher auf“, erzählt sie. „Dann sitze ich unter der Lampe auf dem Sofa und lese. Larry sitzt neben mir und schaut ins Buch, als würde er mit lesen.“ Dabei trinkt sie ihre erste Tasse am Tag, die sie in einer ihrer Kaffeekannen aufbrüht. Aber nicht etwa Kaffee. Christa Bayer ist passionierte Teetrinkerin. über den Tag verteilt nimmt sie zwei große Kannen zu sich.
Eigentlich benutzt sie dafür immer die gleiche Kanne. Doch dass die anderen oben auf dem Schrank einstauben, das sei doch schade, denkt sie plötzlich laut. Also fasst sie einen Plan: „Ich nehme ab sofort jeden Tag eine andere!“ Dann lächelt sie ihren Mann verschmitzt an: „Ich weiß auch schon, wer sie mir vom hohen Schrank herunter holt.“ Es sei denn, sie nimmt die Lieblingskanne, die im Badezimmer steht. An die reicht Christa Bayer selbst heran.





