Wie wirken Filme auf Kinder? Wie können Eltern kindgerechte Filme erkennen? Darüber sprach die Berliner Morgenpost mit Stefan Linz. Er ist Sprecher der Film- und Videowirtschaft bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) und gehört zu den 270 Prüferinnen und Prüfern, die über die Altersfreigabe von jährlich rund 2000 Filmen entscheiden.
Berliner Morgenpost: Warum ist das erste Kinoerlebnis für viele Menschen so bedeutsam und unvergesslich?
Stefan Linz: Darauf eine Gegenfrage. Wo widmet man heute noch einer Sache 90 Minuten lang seine volle Aufmerksamkeit? Der Kinosaal ist ein geschützter Raum, frei von äußeren Reizen wie Verkehrslärm oder Handyklingeln. Was man dort erlebt, ist beeindruckend und gerade beim ersten Mal ein herausragendes Erlebnis. Ich werde meinen ersten Film im Kino auch nicht vergessen: die Kinderbuchverfilmung Ronja Räubertochter.
Schauen Kinder Filme heute anders als Erwachsene in ihrer Kindheit?
Vor 60 Jahren gab es Filme nur im Kino, heute sind sie auch auf dem Fernseher oder auf dem PC und dem Tablet zu sehen. Filme sind im Alltag präsenter, doch sie verschaffen Kindern deswegen nicht weniger intensive Erlebnisse. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass die heutigen Kinder früh mit verschiedenen medialen Inhalten in Berührung kommen und daher auch eine andere Medienkompetenz entwickeln. Das kann zur Folge haben, dass sie zum Beispiel filmischen Handlungen anders folgen können.
Inwiefern unterscheidet sich die kindliche Rezeption von der Erwachsener?
Da muss man zwischen den Altersgruppen unterscheiden. Kleinkinder erleben filmische Darstellungen unmittelbar und spontan. Schon schnelle Schnitte können Ängste hervorrufen. Es ist daher wichtig, dass sich einzelne spannende Episoden schnell positiv auflösen. Eine geradlinige Erzählstruktur ist in diesem Alter zentral für ein inhaltliches Verständnis.
Und ältere Kinder?
Grundschulkinder können mit Bedrohungsmomenten schon besser umgehen, die ja auch wichtige filmische Mittel sind, um Spannung zu erzeugen. Allerdings dürfen sie nicht zu lang andauern. Kinder ab zwölf Jahren haben schon eher die Fähigkeit zur distanzierten Wahrnehmung. Sie wissen, dass Filme Kunstprodukte sind und verkraften auch längere Spannungsbögen. 16-Jährige verfügen über eine bereits weit entwickelte Medienkompetenz und kennen praktisch alle filmischen Genres. Problematisch bleibt aber unter anderem die Darstellung von Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung.
Hexen, Gespenster, Zauberer und Monster: Sind das Figuren, die für Kinder besonders schwer zu verarbeiten sind?
Nicht unbedingt. Fantasiegestalten müssen ja nicht zwingend negativ konnotiert sein. Es gibt schließlich auch hilfreiche Hexen wie Bibi Blocksberg und liebenswerte Monster wie zum Beispiel den Oger Shrek. Schwierig wird es eher, wenn eine Handlung Angst macht, etwa weil eine Figur im Film ein Kind bedroht. Das kann genau so ein Gespenst wie auch ein Erwachsener sein. Wenn sich dann kindliche Protagonisten souverän behaupten und selbst keine Angst zeigen, kann das die Wirkung wesentlich „entschärfen“. Daher arbeitet die FSK auch nicht nach einem festgelegten Kriterienraster, sondern beurteilt die Wirkung einzelner Szenen im Gesamtkontext des Filmes.
Wie funktioniert das eigentlich genau?
Jeweils fünf Prüferinnen und Prüfer
in einem plural besetzten Gremium schauen sich einen Film an, dann wird gemeinsam über die Wirkung auf Kinder und Jugendliche diskutiert und eine Altersfreigabe festgelegt. Ganz wichtig: Die FSK Altersfreigaben sind keine Empfehlungen und auch kein Gütesiegel. Vielmehr geht es darum auszuschließen, dass filmische Inhalte die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen beeinträchtigen.
Auf welche Inhalte reagieren Kinder besonders sensibel?
Kinder reagieren besonders sensibel auf Themen, die mit ihrer eigenen Lebensrealität zu tun haben, wie zum Beispiel die Darstellung von Familie im Film. Dabei ist es weniger entscheidend, ob im Zentrum der Handlung eine Familie von Clownsfischen wie bei „Findet Nemo“ steht oder eine Familie in einem Münchner Vorort wie bei „Pünktchen und Anton“. Vor allem bei kleinen Kindern ist es wichtig, dass belastende Themen und Szenen wie zum Beispiel ein Streit zwischen Eltern positiv aufgelöst werden. Und wenn doch einmal eine Szene das Kind belastet: Gespräche helfen, und Nähe tröstet.
Wo finden Eltern Informationen über gute Kinderfilme?
Wer sich über gute Filme für Kinder informieren will, kann dies etwa bei spinxx.de tun. Dort besprechen Kinder Filme für Kinder. Auch die Prädikate der Filmbewertungsstelle unter fbw-filmbewertung.com bieten eine gute Orientierung.
Welche Bereicherung bedeuten Filme für Kinder – und für ihre Eltern?
Filme sind eine Kunst- und Kulturform. Im Film können Kinder, Jugendliche und Erwachsene neue Welten entdecken und alltägliche Situationen aus einem neuen Blickwinkel wahrnehmen. Große Gefühle und Humor gehören dabei genauso dazu wie Spannung und Konflikte. Nicht zuletzt wollen Filme unterhalten und Spaß machen. Wenn ein Film dann noch eine wertvolle Botschaft vermittelt, umso besser.



