Dinge des Lebens

Das erste Teil kam vom Schrottplatz

Bernd Müller war Schornsteinfeger in Berlin-Hellersdorf - fast 50 Jahre lang. In seiner Freizeit betrieb er ein ungewöhnliches Hobby: Er sammelte Feuerstätten.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Das Geheimnis des Glücks liege nicht im Besitz, sondern im Geben, sagte André Gide. „Wer andere glücklich macht, wird glücklich.“ Diese Weisheit könnte man als Motto über den Lebenslauf von Bernd Müller schreiben. Zeit seines Lebens war er, der Schornsteinfeger, ein Glücksbringer par excellence. In voller Montur radelte er durch die Straßen von Hellersdorf, betreute bis zu 2600 Grundstücke, wurde von den Anwohnern freudig begrüßt.

Auch heute noch, als Rentner, hat Bernd Müller eine Mission. „Ich möchte der jungen Generation zeigen, wie gut es ihr geht“, sagt er. Dazu braucht der 81-Jährige keine Leiter und Kehrgeräte mehr. Heute erzählt er Geschichten. Oder er lässt sie erzählen: von seiner einzigartigen Sammlung von Feuerstätten, die im sächsischen Knappenrode zu bewundern ist.

Doch der Reihe nach – auch wenn es schwer fällt. Denn die Geschichten purzeln nur so heraus aus Bernd Müller, diesem stattlichen Mann mit dem schlohweißen Schopf, der so verstrubbelt ist, dass man sich den Senior gut als kleinen, wilden Jungen vorstellen kann. Geboren und aufgewachsen ist er im Herzen Berlins, am Nikolaikirchplatz 4-5. In der Poststraße 12 führte der Vater einen Kaufladen, die Mutter kümmerte sich um die drei Söhne. 1942 fiel der Vater im Krieg, da war Bernd elf Jahre alt.

Als der Krieg vorbei war, war auch die Existenz der Familie zerstört: das Nikolaiviertel ausgebombt, die Wohnung ein Trümmerhaufen. Zwar stand der Laden noch, aber die Kundschaft blieb aus. Die Mutter siedelte mit den Jungen in eine Laube um, brachte sie irgendwie durch. „Als arm habe ich meine Kindheit aber nicht empfunden“, sagt Bernd Müller. „Ich hatte Kleidung und Essen. Wir haben zusammengehalten, es gab Bescheidenheit und Ehrlichkeit.“

Die Zeugnisse waren mies

Mit 16 Jahren ging Bernd Müller in die Lehre. Einen aufregenden Beruf wollte er haben, um seine Abenteuerlust zu stillen. Tiefseetaucher oder Munitionsentschärfer, das wäre es gewesen. Doch die Zeugnisse waren mies. So blieb das Schornsteinfegerwesen. Zum Glück: Dieser Beruf habe ihn voll erfüllt, lebenslang, bis zur Rente mit 65, sagt Bernd Müller.

Und gefährlich war die Arbeit auch, dazu schmutzig. „Mit nackten Händen und Füßen, eine Binde als Schutz vor dem Mund, sind wir die Fabrikschornsteine hochgestiegen, teilweise 60 Meter hoch“, erzählt Müller. Gerade mal 200 Mark gab es für die Schinderei pro Monat. Später verdiente er mit dem Verkauf von Eiern sowie von Gemüse und Kräutern, gezogen in fünf Gewächshäusern im eigenen Garten, etwas dazu, um Frau und Kinder zu ernähren.

Das mit dem Sammeln kam später, im Jahr 1988. Bernd Müller war mit dem Fahrrad in Hellersdorf beruflich unterwegs, als er hörte, wie ein etwa fünfjähriger Junge seine Mutter fragte, was ein Schornsteinfeger sei und ob die eigene Familie auch einen Ofen habe. „Da wusste ich, es muss etwas geschehen“, sagt Müller. „Ich beschloss, Feuerstätten zu sammeln, damit die Geschichte nicht verloren geht.“

Eine Ofenplatte aus dem Jahr 1480

Das erste Teil kam vom Schrottplatz, für drei Mark. Dann begann Müller, gezielt Annoncen zu schalten. Er erhielt Angebote aus ganz Deutschland. Nach der Wende fuhr er an jedem Wochenende los, Benzinkanister und Decken im Kofferraum, einen Hänger hintendran, um Feuerstätten aufzusammeln. 800 Stücke aus zehn Nationen hat der Sammler über die Jahre zusammengetragen, das älteste eine Ofenplatte aus dem Jahr 1480, das jüngste ein Kochherd aus der DDR von 1980. Dazwischen Badeöfen, elegante Jugendstilöfen, praktische Bügeleisenöfen, Waschkessel und Leimherde, handliche Stövchen. Und immer wieder Notöfen: eine umgebaute Fliegerbombe, ein Herd aus Trümmerziegeln, ein Schützengrabenofen.

Um den Wert ging es Müller nie, auch wenn er für einige Stücke bis zu 2000 Mark bezahlen musste. Sondern um die Geschichten, die die Feuerstätten lebendig machen. Um die Öfen drehte sich früher das Leben, und das berührt sein Herz.

Tief getroffen hat es ihn, dass die Berliner seine originelle Sammlung, die in seinem Haus und seinen Depots bald keinen Platz mehr fand, nicht wollten. Doch Bernd Müller ist keiner, der lange einer Sache nachhängt. Die Feuerstätten wurden 2005 nach Sachsen verkauft, andere Projekte in Angriff genommen. Zum Europatag 1989 radelte Müller, wiederum in voller Montur, mit dem Fahrrad nach Paris – als Friedensbote.

Erzählungen aus dem alten Berlin

Als Stadtführer erzählte er Touristen jahrzehntelang vom alten Berlin, vom Leben „mittenmang“, bis ins Jahr 2010. Seitdem schreibt Bernd Müller vor allem: über das, was er und seine Familie erlebt haben. Ein dicker Ordner liegt vor ihm mit den Feldpostbotschaften seines Vaters und Briefen der Verwandtschaft, etwa aus Ecuador. Sie alle will er transkribieren und kommentieren.

Es ist wahr: Bernd Müller hat wirklich keine Zeit, lange bei einer Episode zu verweilen. Auch das Foto für die Zeitung muss schnell geschossen werden. Es zeigt ihn mit dem einzigen Stück aus seiner Sammlung, das in Berlin verblieben ist: einem Pyramidenofen aus Dänemark, gefertigt 1912. „CX“ ist in das zwei Zentner schwere und 2,20 Meter hohe Stück aus Gusseisen geprägt, umrahmt von Eichenkranz und Krone – eine Hommage an Christian X., damals dänischer König. Der Ofen stammt aus Niebüll in Schleswig-Holstein, jetzt steht er im Müllerschen Wintergarten. Warum dieser? „Weil er meiner Frau besonders gut gefällt“, sagt Bernd Müller schlicht.

Reich sei er, stellt der Mann beim Verabschieden noch fest. Weil er alles habe, was er brauche: „Eine gute Frau, eine heile Familie, ein dichtes Dach, Brot und Wasser, Gesundheit“. Er steht am Gartenzaun und winkt. Und man fühlt sich beschenkt von ihm und seinen Geschichten. Und, ja: glücklich.