Dinge des Lebens

Warum das Taschenmesser mehr als ein Werkzeug ist

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Dirk Tonn (49) aus Berlin-Tempelhof erzählt über sein geliebtes Taschenmesser.

Foto: Amin Akhtar

Ohne dieses Messer hätte er vielleicht ein paar Freunde und einen Stuhl weniger. Kann sein, dass er auch einige Ouzo weniger getrunken hätte. Auf jeden Fall wäre Dirk Tonns Leben um eine Geschichte ärmer. Nämlich um die, wie er dieses Messer vor 42 Jahren erstmals in seine Hand nahm und es seitdem eigentlich nicht mehr losließ.

Es lag auf der Straße. In Charlottenburg, an der Bayern-, Ecke Preußenallee. Irgend jemand musste es da verloren haben. Ein siebenjähriger Junge – es war früher Morgen und der Kleine war gerade auf dem Weg zur Schule – hob es auf. Später zu Hause sagte sein Vater, er müsse es abgeben, bei der Fundstelle der Polizei. Aber ein Messer gibt man nicht gern weg, zumal, wenn man ein Kind und mächtig stolz auf so ein Fundstück ist. Er tat es trotzdem, schweren Herzens.

Einige Monate später erhielt er ein Schreiben. Es hatte sich niemand gemeldet, der ein Messer vermisste. Nun konnte es ordnungsgemäß in den Besitz des Jungen übergehen. „Bitte holen Sie sich Ihr Fundstück ab“, stand in dem Brief.

„Eine Superqualität“

Dirk Tonn zieht das große Messer heraus, dann das kleine, zeigt den Schraubendreher („hat mir sehr gut geholfen“), den Dosenöffner („habe ich nie groß gebraucht“) und den Korkenzieher („stabiler Dorn, eignet sich gut für die Arbeit an Windspielen“). Er streicht über das Horn an der Oberfläche und sagt: „Faszinierend. Eine Superqualität. Heutzutage fangen die Teile nach einiger Zeit an zu wackeln. Aber das hier, das ist was fürs Leben. Fantastisch verarbeitet, und es musste nie was repariert werden.“

Man muss dazu wissen, dass Dirk Tonn in der Werbebranche arbeitet und sicher weiß, wie man etwas anpreist. Aber das eben, das hat er mehr zu sich selber gesagt. Die Begeisterung ist echt.

Tonn hat viel gesehen von der Welt. Er reist gern. Kuba, Griechenland, Bosnien, Frankreich, Österreich. Das Messer war und ist immer im Reisegepäck dabei. Vor vielen Jahren, auf Korsika, was hätte er da bloß beispielsweise ohne den kleinen Schraubendreher gemacht.

Mit Freunden hatte er sich in einen VW Käfer gesetzt und war in den Süden Frankreichs gedüst. Bis zum Dach war das Auto vollgepackt. Als Tonn dann auf Korsika einen schönen, alten Bistrostuhl erstand („für drei Oranginas durfte ich ihn behalten“) und ihn mit nach Hause nehmen wollte, waren die Freunde überhaupt nicht begeistert. Dank des Messers gelang es ihm, das Stück auseinanderzuschrauben. Der Stuhl steht heute noch im Schlafzimmer.

Seit 17 Jahren fährt Tonn nach Griechenland. In letzter Zeit auf die Insel Samos. „Sehr urtypisch. Ein bisschen, als wären die Dolomiten ans Mittelmeer angebaut.“ Während andere am Strand einfach nur faul in der Sonne liegen, schnitzt der 49-Jährige. Er sammelt Treibholz und fertig daraus Windspiele an. Am Abend, wenn er dann mit seiner Frau essen geht, nimmt er sein Werk vom Tage mit. Die Wirte der Restaurants am Strand kennen ihn mittlerweile. Man hat sich angefreundet. Tonn wird zum Ouzo eingeladen. Und auf der Terrasse des Restaurants wird wieder eines von seinen Windspielen aufgehängt.

Noch nie hat er es vergessen

„Natürlich war das Messer auch bei jedem Ski- und Bergurlaub mit“, sagt Tonn, „denn damit haben wir früher die Skibindung je nach Gelände etwas nachgestellt beziehungsweise im Sommer auf den Wandertouren Hüttenspeck und Kaminwurzn untereinander aufgeteilt.“ Zuhause liegt das Messer in einer Schreibtischschublade. Vor jeder Reise macht Tonn eine To-do-Liste, auf der es ganz oben notiert ist. Noch nie wurde es zu Hause vergessen. Er packt es auch in das normale Gepäck. Denn eines Tages, in Amsterdam, hat er gesehen, was aus Messern wird, die man am Flughafen abgeben muss, weil sie im Handgepäck waren. Auf einem Flohmarkt sah er eine ganze Kiste voll mit solchen Messern, die dort verkauft wurden.

Es gibt nicht vieles im Leben eines Menschen, das er so lange mit sich herumträgt wie Tonn eben dieses Messer. Tonn hat aber etwas, das er länger besitzt als dieses Messer. Er nennt es seinen Glücksbringer. Es ist eine alte chinesische Münze. Die Eltern seines damals besten Freundes brachten sie ihm aus Hongkong mit, als er sechs Jahre alt war. Tonn trägt sie an einer Kette am Hals. Die Schriftzeichen sind mittlerweile verschwunden, durch das Reiben am Körper. Der Herkunft lässt sich nur schwer erraten.

Das Messer aber leistete bereits in seiner Kinderzeit gute Dienste. Etwa als er mit dem Vater, bei Ausflügen im Gebirge, abends am Lagefeuer Würstchen briet. Sie hatten sich kleine dünne Stöcke zurechtgeschnitzt und vorne das Fleisch draufgespießt.

Seinem Neffen schenkte er ein ähnliches Messer

Oder ein anderes Mal, beim Schnitzen von Indianermessern aus Holz, war es gut, das Straßen-Fundstück dabeizuhaben. Der Vater hatte eine Lupe mit. Er brachte ihm bei, wie man damit einen Punkt so fokussieren kann, dass man Schriftzeichen oder Verzierungen auf das Holzstück brennen kann. Seinem Neffen schenkte Tonn später ein ähnliches Messer. Auf der Nordseeinsel Juist sammelten sie Treibholz und schnitzten gemeinsam. Tonn erklärte dem Jüngeren, was sein Vater schon ihm beigebracht hat. Wie er das Messer halten sollte beim Schnitzen. „Immer vom Körper weg schneiden.“

„Viele Messer sind nicht schön, sie sind keine Handschmeichler“, sagt Tonn, der seit 23 Jahren in Tempelhof lebt. Handschmeichler? „Ich nenne es so, weil man es einfach gern in die Hand nimmt.“

Manchmal dient das Messer aber auch ganz profanen Dingen. Etwa wenn Tonn in Griechenland bei einem Bauern anhält, ein paar Äpfel, Pfirsiche und ein Stück Käse ersteht. Dann wird am Strand angehalten. Hungrig von dem Ausflug, werden die Sachen zu einem kleinen Picknick aufgebaut. Und der Käse muss ja auch geschnitten werden. Wie gut, dass Dirk Tonn dann sein Messer dabei hat.

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