Dinge des Lebens

Wie eine Kaffeekanne die Wirren des Kriegs überstand

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Heute: die silberne Kaffeekanne von Barbara und Peter Saalborn.

Foto: Amin Akhtar

Ehepaare! Ach, es kann schon komisch sein, sie zu beobachten. Wenn es beispielsweise darum geht, ob sie oder er jetzt reden soll. Barbara und Peter Saalborn sind seit 46 Jahren verheiratet, also mehr als ihr halbes Leben, und sie sagt: „Peter, lass mich erzählen, bei dir dauert es länger.“ Er schluckt ein bisschen, zwinkert dann, schmunzelt – und, naja, gibt bei. Soll sie doch erzählen, von seiner Familie, wie das mit ihnen beiden angefangen hat – und natürlich, von dieser silberne Kaffeekanne, die auf dem Glastisch vor ihnen steht. Also, Barbara Saalborn soll nun erzählen, wie das alles war, mit dem Krieg, der Liebe, dem vergangenen Reichtum.

Es ist eine wunderschöne Kanne, sie blitzt. Späte Gründerzeit, schätzt man. Aber auch ein bisschen Art Deco ist dabei. So ganz genau lässt sich das nicht sagen. Anfang der Zwanziger Jahre sah Peter Saalborns Mutter sie zum ersten Mal in dem Haus ihrer Tante in der Neuköllner Weserstraße. Sie stand dort auf einer kleinen Anrichte mit anderem silbernen Service. Benutzt wurde sie nicht, sie sollte einfach nur angeschaut werden. Anna Saalborn muss damals sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, und sie wollte mit der Kanne spielen, immer wieder.

Sie war oft bei der Tante. Ihre Eltern hatten wenig Zeit. Sie betrieben ein böhmisches Spezialitätenrestaurant hinter dem Admiralspalast, später noch ein Hotel in Woltersdorf. Über die Tante in der Weserstraße sagte man, dass sie viel Zeit mit der Nichte verbracht hat. Kurz bevor sie 1939 an Zucker starb, rief sie die an ihr Bett. „Ännchen“, sagte sie, „ich möchte dir was vererben.“ So kam neben Geld und Schmuck auch die silberne Kanne in den Besitz von Anna Saalborn.

Es wurde kein gutes Jahr

Sie war zu diesem Zeitpunkt etwa 23 Jahre alt und hatte schon geheiratet. Der Mann war sehr sportlich, er konnte beim Schlittschuhlaufen über Bierfässer springen, das hatte ihr imponiert. Sie lebten nun auch in Woltersdorf, nicht weit von dem Hotel der Eltern entfernt. 1939, im selben Jahr, in dem ihre Tante starb, wurde aber auch ein neues Leben geboren. Peter, ihr einziges Kind, kam zur Welt.

Es war aber sonst kein gutes Jahr, weil der Zweite Weltkrieg begann. Peters Vater wurde eingezogen, er kam an die Front nach Russland. Erst 1949 sollte er seine Familie wiedersehen.

Woltersdorf wurde von den Kriegswirren weitgehend verschont. Nur in den letzten Monaten fiel eine der wenigen Bomben in das Nachbarhaus der Saalborns. Nur noch die Wände standen, es hätte aber auch ihr Haus treffen können. Die Mutter und ihr Sohn waren zu dem Zeitpunkt in Sicherheit. Nach dem Krieg bezogen russische Soldaten Quartier in Woltersdorf. Und sie nahmen mit, was sie fanden. Wertgegenstände, die im Hühnerstall vergraben waren. Die Russen gingen mit einer Picke hinein, stachen in den Boden, bis sie auf die Kiste stießen. Und auch die silberne Kanne war aus der Wohnung mitgenommen worden. Anna Saalborn lebte zu diesem Zeitpunkt nicht weit entfernt bei einer Tante in Schöneiche. Auch dort war Schmuck entdeckt worden. Er war in einem Weckglas versteckt, das in dem Kamin hochgezogen worden war. Die Russen wussten anscheinend schon um die Kniffe der Deutschen, sie kamen mit einem Spiegel und fanden die Kostbarkeiten.

Eine russische Offizierin trug die Kanne

Immer wieder fuhren Frau Saalborn und ihr Sohn in das weitgehend leergeräumte Heim nach Woltersdorf. Dort konnten sie noch Obst von den Bäumen holen und Kartoffeln ernten. Wertvolle Lebensmittel in dieser Zeit, zum eigenen Verzehr oder zum Tauschen. Eines Tages schauten sie beide aus dem Fenster und ihr Blick blieb an einer russische Offizierin hängen, die die Straße entlang ging. In ihrer Hand trug sie die silberne Kanne. Die Mutter war geschockt. Am liebsten wäre sie rausgerannt, um sich ihre Kanne wieder zu holen. Aber das durfte sie ja nicht.

Ein paar Wochen später hatten die russischen Soldaten ihr Quartier in Woltersdorf geräumt. Anna Saalborn war wieder einmal in ihrem alten Haus, streifte über das Gelände und entdeckte zwischen Schutt und Müll etwas Silbernes aufblitzen. Ihre Kanne. Der Henkel war verschwunden, die Tülle abgetrennt. Sie nahm die Kanne, putzte sie und ließ nach einiger Zeit die Tülle und einen neuen Henkel anlöten. So vieles war verloren, aber die Kanne und damit ein Stück schöner Vergangenheit hatte sie wieder gefunden.

Jahre später forderte ihr Sohn, mittlerweile 20 Jahre alt, bei einem Ball im Hilton, ein junges Mädchen im weißen Kleid zum Tanzen auf. „Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines gut aussehenden, dunkelhaarigen Mannes“, erinnert sich Barbara Saalborn. Ein Wiener Walzer wurde gespielt, „den liebte ich“. Es sollte aber noch einige Zeit dauern, bis die beiden ein Paar wurden. Wenn sie bei ihrer Schwiegermutter zu Besuch war, bewunderte sie immer die silberne Kanne, bis sie sie ihr vor 13 Jahren schenkte.

Ihr Enkelkind fragte sie eines Tages: „Omi, kann ich damit spielen?“

„Ich wollte nicht nein sagen“, erzählt Barbara Saalborn. „Ich erklärte ihr aber: ,Clara, du musst schön darauf aufpassen. Und später kannst du sie einmal haben.’“

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