Auf dem Weg zu Elisabeth Voigtmanns Glaskugel wird einem bewusst, wie Berlin noch sein kann. Kein Berlin-Mitte. Keine Friedrichstraße. Kein Kreuzberg. Kein Kotti.
Irgendwann kurz vor der Station Schulzendorf, wo wir hinmüssen, um in die Kugel zu schauen, wird die S25 von Teltow nach Hennigsdorf nämlich einspurig. Nur noch ein Gleis ist da für beide Richtungen. Erst fährt ein Zug in die eine Richtung und zehn Minuten später kommt einer aus der anderen. Jeder, der seine Bahn verpasst, muss zwanzig Minuten warten. Das ist unpraktisch und schön zugleich.
Kleine Häuschen stehen an der Allee. Mit einem elektrischen Schraubendreher repariert einer den Zaun. Die Post kommt gerade, als ein Nachbar über die Grundstücksgrenze grüßt. An der Polizeidirektion 1 – Referat Zentrale Aufgaben – ist alles ruhig. In Heiligensee ist alles ruhig.
Nur der Hund bellt, als wir Frau Voigtmann treffen. Frau Voigtmann ist sechsundsechzig und lebt mit ihrem Mann in Heiligensee. Der Hund hat schwarzes krauses Fell. Frau Voigtmanns Haare sind weiß. Aber sie sieht sehr jugendlich aus und irre freundlich. Roter Lippenstift. Rote Fingernägel. Einen Schal mit Leopardenmuster umgeworfen. Auch an ihren Schuhen trägt sie Leopardenmuster.
Sie hat extra Brot gebacken für den Besuch, die Scheiben mit Schmalz bestrichen und Obstteller hergerichtet. Jeweils zwei Apfelscheiben, eine Viertelbirne, Mandarinen und ein paar Mandelkerne sind darauf. Die Tischdecke ist grün. Und das Brot schmeckt so, wie sich der Reporter erinnert, dass das Brot mal aus einem fränkischen Backhaus geschmeckt hat. Frisch. Nach Feuer. Nach Gewürzen, die Bäcker heute nicht mehr kennen, weil sie die Teiglinge aus Warschau bekommen und die von Ungelernten morgens in ihrem Backshop aufbacken lassen.
Früher waren Bonbons und Blumen darin
Die Kugel jedenfalls ist eigentlich keine richtige Kugel. Sie sieht mehr nach einem Goldfischglas aus. „Die hatte meine Mutter schon“, sagt Frau Voigtmann, „aber natürlich hat sie sie nicht so benutzt wie ich. Früher waren da Bonbons oder Blumen drin. Das Spirituelle kam erst durch mich.“ Und der Hund riecht an den Knien des Besuchs, er lässt sich über den Kopf streicheln und verschwindet dann wieder.
Frau Voigtmann ist eine tolle Frau. Ihr Enkel wird bald achtzehn. Dem hat sie die Kugel auch gezeigt und ihm erklärt, dass das ihre persönliche App sei. Natürlich hat er sie angeschaut und mit dem Kopf geschüttelt. Aber das ist wirklich so, die Kugel ist Frau Voigtmanns App. Irgendwas zwischen Zeitmaschine, Familienalbum und Geborgenheitsgenerator mit Zufriedenheitsantrieb. „Sie twittern. Sie twattern. Sie machen Facebook an. Und da sind 100.000 Leute, die ich eigentlich gar nicht will. Sie haben dann 100.000 Freunde, aber eigentlich keinen, dem sie persönlich etwas sagen wollen.“ Dafür hat Frau Voigtmann die Kugel, wenn sie sich selber etwas sagen will, wenn sie sich erinnern will, wenn sie wissen will, woher sie kommt.
Die Oma als Vorbild
In der Kugel sind die Erinnerungen an die Oma gespeichert, deren Mann, ein Gärtner, so früh gestorben ist. Und wie sie die Kinder dann allein groß gezogen hat. Sie, die emanzipierte Oma von Frau Voigtmann, in einer Zeit, in der es noch keine Emanzipation gab.
Auch die Schmalzstullen sind in der Kugel. Wenn Frau Voigtmann aus der Schule kam, zuerst in Lichterfelde und dann später in Zehlendorf, dann bekam sie die. Ihre drei Brüder, die kamen auch aus der Schule. Zwei später als Frau Voigtmann, weil die älter waren. Und einer früher, weil der jünger war. Aber für alle gab es diese Schmalzstullen aus ganz kräftigem Brot. Doppelt belegt natürlich. Und die Obstteller. Weil keiner merken sollte, dass die kleine Elisabeth, also unsere Frau Voigtmann, was von den Tellern geklaut hat, hat sie immer von jedem Teller das Gleiche weggenommen.
„Ich bin ja nicht altersdement. Und denken Sie nicht, jetzt fängt das bei mir an, dass ich nur an früher denke. Aber ich muss doch meinen Enkeln und Kindern etwas geben. Etwas vererben, außer Geld.“
Frau Voigtmann vererbt Erinnerungen. Gedanken. Kleinode. Fragmente einzelner Erinnerungen, die als Miniatur für das große Bild Deutschland sprechen. Die Stullen, der Eintopf am Mittagstisch, die Höhere Handelsschule, und wie Frau Voigtmann ihren Mann kennengelernt hat mit siebzehn, und wie sie sich vier Jahre Zeit lassen mussten. Ihr Vater war ja streng. Jetzt sind sie schon fünfundvierzig Jahre verheiratet.
Nur schöne Gedanken
Die Kugel, die sie von ihrer Mutter geerbt hat, ist Bezugspunkt, Landmarke, Chronik und Blick in die Zukunft gleichermaßen. Ein Ding mit Inhalt und doch ja eigentlich leer. Kein Feststoff wird dort aufbewahrt. Sie ist das Gedächtnis einer Generation, die kurz nach dem Krieg geboren wurde. Die heute noch weiß, was Hunger ist, was es heißt, auf einen Brief zu warten, was es heißt, eine Stadt, ein Land wieder aufzubauen, von vorne anzufangen, unter der Last einer Verantwortung aus der Vergangenheit.
Und doch enthält die Kugel ausschließlich schöne Gedanken. Die anderen kommen da nicht rein. Manchmal räumt Frau Voigtmann auch auf. Dann dreht die Dame mit ihren so gepflegten Händen das Glas mit der Öffnung nach oben. Das zeigt sie uns jetzt. Sie schmeißt eine Erinnerung raus und gibt eine andere hinein. In einer einzigen fließenden Handbewegung, die wie der elegante Schwung eines Zauberstabs wirkt. Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man auch den Zauberstaub, der aufgewirbelt wird.
„Das Praktische ist, ich brauche keinen Strom dafür“, meint Frau Voigtmann. Und wir denken an Barack Obama und an „Yes, we scan“, und dass jeder so eine Kugel haben sollte, weil die NSA da garantiert nichts mitschneiden kann.





