Dinge des Lebens

Oberammergauer Krippe ist für Dieter Henning die schönste

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Antje Hildebrandt

Foto: Reto Klar

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Sammler Dieter Henning (80) erzählt über seine Lieblingskrippe.

Für die einen ist die Oberammergauer Krippe eine Krippe wie alle anderen. Doch Dieter Henning hütet seine wie einen Schatz. Er hat sie sich 1958 nach seiner Hochzeit gekauft. Maria, Josef und das Jesus-Kind, handgeschnitzt, aus Lindenholz.

Der Berliner Dieter Henning sammelt Krippen. 563 Exemplare hat er schon. Ein bisschen spleenig, denkt man, und man darf das sogar laut denken, denn manchmal manchmal denkt er das auch selber. Er sagt: „Sie haben einen Verrückten vor sich.“

Dieter Henning ist achtzig Jahre alt, ein leiser Herr im Rhomben-Pullover, der jedes seiner Worte so sorgsam auswählt, als gelte es, einen Vorlesewettbewerb zu gewinnen. Einen „strammen Protestanten“ nennt er sich und drückt einem zur Begrüßung erst mal einen Kleiderbügel in die Hand, denn die Jacke salopp über den Garderobenhaken zu werfen, das sieht er, der pensionierte Grundschullehrer, überhaupt nicht gerne. „Ich bin nämlich Preuße.“

Die Kombination aus beiden Eigenschaften erklärt vielleicht, warum Dieter Henning Krippen sammelt wie andere Herren in seinem Alter Briefmarken oder Taschenuhren. Man darf ihn sich als einen Menschen vorstellen, der sogar noch sein Hobby mit einer gewissen Disziplin betreibt.

Ein Stück Familiengeschichte

Von achtzig Heiligabenden, die er gefeiert hat, hat er 55 Heiligabende mit eben dieser Krippe gefeiert. Sie begleitet ihn, seit er das erste Weihnachtsfest mit seiner Frau gefeiert hat, zum ersten Mal ohne seine Großfamilie. Das war 1958, in einer winzigen Einzimmer-Wohnung. Er sagt: „Der Baum stand in der Ecke und hat die Couch bedrängt.“

Inzwischen lebt er mit seiner Frau in einer geräumigen Altbauwohnung am Südstern in Kreuzberg. Und wenn man die vielen Fotos über der Essecke im Wohnzimmer sieht, von den drei Kindern und vier Enkeln, dann ahnt man: Diese Krippe ist Teil der Familiengeschichte.

Weihnachten ist fest verankert in seinem Herzen. Dieter Henning sagt: „Es ist das Fest der Familie und das Fest des Friedens.“ Man kennt diese Worte aus Werbeslogans. Doch wenn sie dieser stramme Protestant strapaziert, bekommen sie plötzlich eine völlig neue Bedeutung. Dieter Henning ist ein Kriegskind, der zweitjüngste Spross eines Dorfschullehrers, aufgewachsen in einem Dorf an der Oder.

Das Zusammensein war wichtiger als Geschenke

Er war zwölf, als die Familie im Januar 1945 Hals über Kopf vor der Roten Armee fliehen musste. Er sagt, das Wichtigste hätten sie in Koffer und Reisetaschen geworfen. Die Figuren der Weihnachtskrippe, man ahnt es schon, gehörten dazu. Ohne sie ging es eben nicht. Dieter Henning sagt, er könne sich an Heiligabende erinnern, an denen es nur Pellkartoffeln zu essen gab. Geschenke? „Ach, wo denken Sie hin.“ Sie waren fünf Kinder zu Hause. Mal ein Paar Handschuhe, mehr habe es nicht gegeben. Aber darum sei es ja auch nicht gegangen am Heiligabend. „Hauptsache, die ganze Familie war zusammen.“

Alle fünf Kinder haben die Flucht überlebt, sie feiern noch heute jedes Jahr Weihnachten zusammen. Wohl wissend, dass das nicht selbstverständlich ist. Ausgerechnet an Weihnachten holt sie die Erinnerung an den Winter 1945 wieder ein. Das Rattern der Stalinorgel. Die Schreie der Erschossenen. Und das Blut. Der Krieg war ihr Lehrmeister. Er hat sie Demut und Dankbarkeit gelehrt. Dieter Henning sagt, daran müsse er jedes Mal denken, wenn er heute sehe, welche Geschenke sich unter manchen Weihnachtsbäumen stapelten. Dann liege es ihm auf der Zunge zu sagen: „Ihr wisst ja gar nicht, wie gut Ihr es habt.“

Doch mit seiner Geschichte hausieren zu gehen, käme ihm nicht in den Sinn. Er ist eben der geborene Pädagoge. Neben seinem Job als Lehrer hat Dieter Henning jahrzehntelang Kindergottesdienste in der Melanchthon-Gemeinde mitgestaltet. Dort, wo alles begann. Wo sich seine Eltern einst im Kirchenchor kennengelernt hatten.

Ausstellung der kostbarsten Exemplare

Er weiß, wie man andere bekehrt. Auf die sanfte Tour, nicht mit erhobenem Zeigefinger. So hat er es schon mit seinen eigenen Schülern gemacht. „Denen habe ich am Montagmorgen immer erzählt, was am Wochenende Thema im Kindergottesdienst war.“ Krippen hat er ihnen natürlich auch mitgebracht. Wie zum Beweis zeigt er ein Exemplar aus Pappe. Wo er es gefunden hat, weiß er nicht mehr. Nur, dass es nur einen Groschen gekostet hat. Seine kostbareren Exemplare stellt er seit einigen Jahren in Kirchen und Geschäften aus.

Sein kleinstes Sammlerstück passt in eine Walnusshälfte. Die größte ist eine bayrische Barock-Krippe, Kosten: rund 5000 Euro. Eine Krippe mit Motiven des Comic-Zeichners Gerhard Seyfried gibt es auch. Er hat sie aus einem Plakat ausgeschnitten und auf Pappträger geklebt. Josef trägt einen grünen Iro, das Jesus-Kind ist schwarz und liegt in einer Umzugskiste. Die Weihnachtsgeschichte als Kreuzberg-Comic. Dieter Henning sagt, in seiner Kirchengemeinde hätten einige gemurrt, als er dieses bonbonbunte Kleinod mit in die Kirche brachte. Doch seinem Argument konnten sie nichts entgegensetzen: „Wenn das Weihnachtsfest nicht auch für solche Leute da ist, brauchen wir es gar nicht erst zu feiern.“

Vorsichtig nimmt Dieter Henning einen handgeschnitzten Hirten aus seiner Oberammergauer Krippe und streicht mit der Fingerkuppe über dessen Hand. „Sehen Sie, die ist schon mal abgebrochen. Ich habe einfach einen Holzsplitter mit Zweikomponentenkleber drangeklebt.“ Der Preuße ist da nicht zimperlich. Verleihen würde er die Krippe aber nicht. Das Schmuckstück bekommt den Ehrenplatz in seiner Stube.

Und was legt man ihm als Geschenk unter den Baum? Diese Frage hat ihm seine 20-jährige Enkeltochter auch gerade gestellt. „Ach“, hat er gesagt, „ich habe doch schon alles. Vielleicht ein Buch – oder nein, lieber eine Krippe.“

Eine Auswahl von Dieter Hennings Krippen ist ab dem 1. Advent (1. Dezember 2013) in der Passage Breite Straße in Schmargendorf und in Geschäften in der Körtestraße in Kreuzberg zu sehen.