Ding des Lebens

Der 222 Jahre alte Messingeimer

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Beatrix Fricke

Foto: Sergej Glanze

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Christel Rinck (85) erzählt über ein Erbstück von ihren Urgroßeltern

Der Weg zu Christel Rinck führt durch ein elegantes Foyer, vorbei an einer freundlichen Rezeptionistin, dann aufwärts in einem verspiegelten Aufzug. Seit vier Jahren lebt die 85-Jährige in der Seniorenresidenz Rosenhof, die eher anmutet wie ein gehobenes Hotel als wie ein Wohnheim für ältere Menschen. Das passt zu Christel Rinck, die zeit ihres Lebens einen Sinn für Stil hatte, genauso wie ein großes Herz für die Menschen, die sie liebte. Beides vereint sich in einem Gegenstand. Es ist ein Eimer aus Messing, der in der Form eines Henkelkorbs gestaltet ist. 35 Zentimeter misst er in der Länge, 50 Zentimeter in der Höhe. Und ist erstaunlich leicht für seine ausladenden Maße. In die Breitseite des Ovals ist ein Bouquet aus Tulpen ziseliert – und eine Jahreszahl: 1791.

222 Jahre alt ist dieser Eimer? Christel Rinck nickt. „Er gehörte einst meinen Urgroßeltern mütterlicherseits, die ich sehr geliebt und verehrt habe.“ Gut erinnert sie sich noch an die Besuche vor dem Zweiten Weltkrieg in deren Haus in Gesundbrunnen, gemeinsam mit der Mutter. Diese saß mit den betagten Herrschaften am Tisch, die Tochter lauschend und staunend neben ihr. „In dem Haus war es wunderschön, alles war ganz alt. Im Eingang gab es farbige Fenster, die tauchten alles in buntes Licht. Da habe ich mich sehr gefreut als Kind.“

Ein Symbol, dass sie etwas Besonderes ist

So herzerwärmend wie das Licht seien auch die Bewohner des Hauses gewesen, sagt sie. Vor allem ihre Urgroßmutter, eine zierliche Frau mit dunklen Haaren und Augen. Zu ihrem sechsten Geburtstag habe sie für sie getanzt, erzählt Christel Rinck schmunzelnd, dabei müsse die Urgroßmutter da schon weit über 80 Jahre alt gewesen sein. Der Urgroßvater sei hugenottischer Abstammung gewesen. Zu gern wüsste sie mehr über diese Familie mit dem klangvollen Namen „Odignal“, der auch der Mädchenname der Mutter war. Weiter als bis ins Jahr 1739, bis zu ihrem Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater, einem Steueraufseher, ist Christel Rinck aber trotz zahlreicher Bemühungen in der Ahnenforschung nicht vorgedrungen. Umso wertvoller ist für Christel Rinck der Messingeimer, der von den Händen der Urgroßeltern in die der Großeltern, dann die der Mutter und schließlich in ihre wanderte. Er ist für sie auch ein Symbol dafür, dass sie etwas Besonderes ist. Denn als solche wurde sie, das Einzelkind, von den Ahnen ihrer Mutter behandelt – anders als von der väterlichen Linie. „Mein Vater hatte zehn Geschwister, da war ich ein Enkelkind unter vielen“, sagt sie.

Etwas Besonderes sein, mit Liebe, Fürsorge und Achtung bedacht werden: Das ist zudem etwas, das ihr in den kommenden schweren Kriegsjahren verwehrt blieb. 1943, mit 15 Jahren, wurde die junge Christel vom elterlichen Haus in Französisch Buchholz nach Polen verschickt, zusammen mit allen Schulkameradinnen. Zweieinhalb Jahre dauerte die Evakuierung, zehn verschiedene Lager durchlief sie. Zuletzt landete sie in Bayern, wusste monatelang nicht, ob ihre Eltern überhaupt den Krieg überlebt hatten, bis sie im Juni 1946 nach Berlin zurückkehren konnte. Im selben Jahr verstarb ihr Vater. Die Tochter führte nun den Haushalt, die Mutter verdiente als Klavier-, Geigen- und Gesangslehrerin den Lebensunterhalt. „Dann ergab sich eine Ausbildung als Arzthelferin“, erzählt Christel Rinck, die eigentlich Fotografin hatte werden wollen, lakonisch.

Berufliche und private Erfüllung

Immerhin: Die Berufswahl erwies sich als Glücksgriff. Christel Rinck sammelte bei verschiedenen Ärzten und im Krankenhaus in Pankow über die Jahre viele Erfahrungen. Sie liebte den Kontakt zu den Patienten und bildete sich zur Röntgenassistentin weiter. „Das hat ja auch etwas mit Fotografie zu tun“, sagt sie lächelnd. Ab 1967 arbeitete sie im Krankenhaus in Lichterfelde und fand dort nicht nur berufliche Erfüllung, sondern auch ihren Traummann. Er war der ärztliche Direktor, ein großer, ernster, arbeitsamer Mann, den sie rückhaltlos bewunderte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich nach meiner ersten, gescheiterten Ehe noch mal einen so tollen Mann kennenlerne“, sagt sie verträumt. Er fehlt ihr immer noch, auch 15 Jahre nach seinem Tod, genauso wie das Haus in Schlachtensee und Familienhund Oscar, der nicht mit in die Seniorenresidenz ziehen durfte.

Die 85-Jährige hält in ihrer Erzählung inne. Schwer und leicht zugleich: So sei ihr Leben gewesen, sagt sie nachdenklich. Sie hat viel von der Welt gesehen: New York, Kapstadt, London, Irland, die Niagarafälle. Sie liebt Literatur, Geschichte, den Film. Doch das Wertvollste, das ist für sie immer noch die Familie. Fast ehrfürchtig streicht Christel Rinck über die ziselierten Tulpen auf dem Messingeimer. Tulpen: Sie stehen in der Blumensprache für Liebe und Zuneigung.

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