Dinge des Lebens

Warum eine kleine braune Kuh zwei Leben verbindet

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Laura Réthy

Foto: Marion Hunger

In seinem ersten Leben war Dieter Schubert Kunstlehrer, dann setzte die Krankheit seiner beruflichen Tätigkeit ein jähes Ende. In seinem zweiten Leben wurde er Schiffshistoriker.

Dieter Schubert erzählt von seinen zwei Leben. Dabei ist das eine nicht das gute und das andere das schlechte. Es sind einfach zwei.

In seinem ersten Leben war er „der Herr Schubert", der Kunstlehrer, den man auf der Straße grüßte und dessen Schultag erst lange nach dem Läuten der Schulglocken zu Ende ging, weil es immer noch so viel zu tun gab. Dann kam die Krankheit und setzte all seinem Enthusiasmus und seiner Hingabe für den Beruf ein Ende.

Dieter Schubert sitzt auf dem hellen Sofa seiner Köpenicker Wohnung, zwischen akkurat angeordneten Kissen. Es ist nicht die Wohnung eines Kunstliebhabers und künstlerischen Machers, wie man sie sich in einer romantischen Vorstellung ausmalt. Kein mit Papier überladener Schreibtisch, keine Stapel mit alten Skizzen und Kunstbänden, die den Boden bevölkern. Kein Geruch nach vergilbtem Papier und Farbe. Es ist ordentlich hier, fast steril. Die Sonne gibt nicht einen Fingerabdruck auf dem kleinen Glastisch preis, auf dem Dieter Schubert Kaffee serviert.

Schiffe mag er genauso wie das Zeichnen

Das Ende seines ersten Lebens kam 1994, kurz vor seinem 60. Geburtstag. Doch Dieter Schubert wollte nicht zulassen, dass sein Leben ins Stocken gerät. Und sowieso ist Langeweile etwas, das es in seinem Leben nie gab.

Wenn also nicht mehr die Kunst, dann eben Schiffe. Die hatte er schon immer geliebt, genauso wie das Zeichnen. In seinem zweiten Leben wurde er Dieter J. Schubert, Schiffshistoriker mit eigener Visitenkarte, der hundert dicke weiße Ordner angesammelt hat mit technischen Daten, Konstruktionsplänen und tausenden Fotos von Schiffen aller Form, Funktion und Größe.

Der eine eigene Vitrine für seine selbst gebauten, bis ins letzte Detail originalgetreuen Modellschiffe in eine Ecke des Arbeitszimmers gebaut hat. Die Sachen hat er bereits dem Deutschen Technikmuseum vermacht. Er findet es schön, mit dem Spuren zu hinterlassen, was er liebt.

Die Kuh ist eine Konstante, seit 26 Jahren

Es gibt also diese zwei Leben. Und es gibt etwas, was beide Leben miteinander verbindet: Eine kleine Kuh, die ihren Betrachter aus großen Augen munter anblickt. Sie war immer da – in den letzten Jahren seines geliebten Berufs, als die Krankheit ihn herausriss und als Dinge geschahen, die das Leben mit sich bringen kann, über die Dieter Schubert aber heute nicht gerne spricht. Seiner Frau Helga zuliebe.

Die Kuh stand immer braun und zerbrechlich auf einem weißen Regalbrett im Durchgang zwischen Wohn- und Arbeitszimmer. Seit 26 Jahren hat sie diesen Platz nicht verlassen. Die Kuh ist eine Konstante, die das Hier und Jetzt mit dem Früher verbindet. Und sie ist eine Spur, die jemand bei ihm hinterlassen wollte.

Gesine Borchardt, das zierliche blonde Mädchen mit dem Bubikopf, war 1987 in einer großen Pause mit einem Keramikzirkel aus Tierfiguren zu ihm gekommen, den sie in ihrer Freizeit selbst getöpfert hatte. Er solle sich eine Figur aussuchen hatte sie zu ihm gesagt. Sie wollte sich für den tollen Unterricht bedanken und sich verabschieden. Denn Gesine zog mit ihren Eltern weg aus Berlin.

Postkarten aus dem Urlaub, Blumen zum Geburtstag

Spontan griff sich Dieter Schubert die kleine Kuh aus Ton. „Denn so ein Motiv ist in der Bildplastik eigentlich untypisch“, sagt er und muss lachen. „Es war einmalig. Frech wie Oskar hat sie da gestanden.“ So gerne würde er wissen was aus Gesine geworden ist. Er würde sie fragen, ob die Kunst einen Platz in ihrem Leben gefunden hat und ob die Eltern noch immer eine Kunstgießerei betreiben.

Eigentlich hat Dieter Schubert noch viel Kontakt zu ehemaligen Schülern. Er bekommt Postkarten aus dem Urlaub und Blumen zum Geburtstag. Es ist eine schöne Bestätigung für das, was er geleistet hat.

Dass er Lehrer geworden ist, war eigentlich gar nicht so klar. Er hätte vieles werden können, Tischler, Künstler, Seefahrer. Denn er liebte die Arbeit mit Holz, zeichnete alles, was nicht niet- und nagelfest war und war schon immer begeistert von Schiffen. Und dass mit dem Tischler hatte schon recht konkrete Züge angenommen. Denn der Tischler in Barby, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, wo Elbe und Saale zusammenfließen und wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte, hatte so seine Pläne mit ihm. Er wollte gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und Dieter Schubert das Geschäft und die Tochter überlassen. Dass er dann Lehrer wurde, ist eben das Leben, wie es so spielt. Mehr ein Zufall als ein Plan.

Kunst als Möglichkeit, Altes festzuhalten

Seit 1964 unterrichtete er an der heutigen Schule an der Dahme in Köpenick, diesem alten Ziegelbau, den man früher die „Holzpantinenschule“ nannte, weil die Kinder der Fischer mit Holzschuhen in den Unterricht kamen. Er bemalte zusammen mit den Schülern die Schulflure, leitete Kunst-Freizeiten und organisierte Ausstellungen mit bekannten DDR-Künstlern wie Walter Womacka oder Bert Heller.

Die Kunst war für ihn immer eine Möglichkeit, Altes für die Nachwelt festzuhalten. So sind auch die Bilder, die er selbst malt – bis heute. „Ich bin Realist. Meine Bilder muss ich niemandem erklären.“

Mit Bert Heller saß er oft in dessen Atelier bei einem Glas Rotwein zusammen und sie redeten über die Kunst und das Leben. Eine zarte Freundschaft entwickelte sich, und Dieter Schubert setzte sich dafür ein, die Schule nach seinem Freund zu benennen. 1975 wurde aus der 5. Sekundarschule die Bert Heller Schule. Sein Freund erlebte diesen Tag nicht mehr, er starb 1970.

Geblieben ist das Porträt eines unbekannten Mädchens

Doch nach dem Fall der Mauer musste auch der Name weichen. „Alle Spuren, die mit der neuen Zeit nichts mehr zu tun hatten, mussten verschwinden“, erzählt Dieter Schubert. Von seinem Freund ist ihm ein Gemälde an der Wand seines Arbeitszimmers geblieben. Das Porträt eines unbekannten Mädchens.

Die kleine Gesine hat er nie wieder gesehen. Hört man sich ein bisschen um, erfährt man, dass es in einem 600-Seelen-Dorf in Brandenburg eine Kunstgießerei Borchardt gibt. Und es soll auch eine Tochter geben. Ja, Gesine könnte sie heißen.

Vielleicht meldet sie sich ja mal und sieht nach, was aus dem Mann geworden ist, der ihrer Kuh einen festen Platz in seinem Leben gegeben hat.