Dinge des Lebens

Ein Bomber-Blech als Zeichen der Versöhnung

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Gerlinde Schulte

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Ralf Drescher aus Lichtenberg erzählt über ein Fundstück aus dem Zweiten Weltkrieg.

Ralf Drescher ist ein Sammler. In seiner Lichtenberger Wohnung hängt Vitrine an Vitrine voller Kameras, alte Fotoapparate und Filmkameras, meist schwarz-silbern glänzend, gepflegt und staubfrei hinter Glas. 150 dieser Schönheiten hat der gelernte Fotograf im Laufe seines Lebens zusammengetragen, kann sich an Linsen und Objektiven freuen, über Fabrikate in Fahrt reden. Wenn es allerdings darum geht, den Gegenstand zu zeigen, der ihn am meisten bewegt hat und ihm bis heute am Herzen liegt, muss er in eine Schublade greifen. Das Ding, das er zutage fördert, ist ein hartes Stück Aluminium, 14 cm lang und vier Zentimeter breit, von Ruß geschwärzt, an einer blank polierten Stelle eine Herstellernummer in winziger Schrift und ein Firmenstempel.

Das Ding verschwindet fast in den Händen des kräftigen Mannes. „Das ist eine Tragflächenverstrebung, ein Teil eines britischen Halifax-Bombers“ erklärt der sonst eher heiter wirkende Mann fast ein wenig ehrfürchtig. „Am 20. Januar 1944 wurde der über Köpenick abgeschossen, 61 Jahre später habe ich Reste davon im Wald ausgegraben. Dieses Teil habe ich als Erinnerung behalten.“ Das Flugzeugteil ist kein Weltkriegssouvenir für Ralf Drescher: „Für mich steht es für ein Stück deutsch-britische Geschichte – zum einen für die Zerstörung und zum anderen für die Versöhnung", sagt er. Beides habe er in dieser Angelegenheit hautnah miterlebt.

Der 54-Jährige hat sein ganzes Leben in Lichtenberg verbracht, eine Jugend in Ost-Berlin, Wehrdienst als Funker bei der Luftwaffe, dann die Lehre bei einem Fotografen. Nach dem Mauerfall begann er als freier Journalist mit Schwerpunkt Treptow-Köpenick zu arbeiten, denn er sammelt nicht nur gern Kameras, er sammelt auch Geschichten. Kein Zufall, dass er auch stellvertretender Vorsitzender des Köpenicker Heimatvereins ist, den er 2007 mitgründete.

Suche nach der Absturzstelle

Am Anfang stand eine E-Mail eines ehemaligen Bomber-Navigators an das Heimatmuseum Köpenick. Das war 2005. Der Brite Reginald Wilson war da 84 Jahre alt und glaubte, vor seinem Tod noch etwas klären zu müssen. Als 21-Jähriger konnte er sich mit seinem Fallschirm aus dem brennenden Bomber retten, geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Zwei seiner Kameraden, ein Kanadier und ein Brite, galten seither als verschollen. Reginald Wilson, der nach dem Krieg nie über seine Erlebnisse gesprochen hatte, wollte die Unglücksstelle finden und seiner Kameraden gedenken, vielleicht sogar ihr Schicksal klären. Der Leiter des Heimatmuseums erzählte Ralf Drescher davon, der eine Geschichte darüber für das Wochenblatt schrieb. Schnell fand sich ein Zeitzeuge, der die Angriffe im Keller erlebt und Tagebuch geführt hatte. Mit seiner Hilfe konnte die Absturzstelle nahe der S-Bahn-Trasse gefunden werden.

Nichts auf der Lichtung im Wäldchen erinnerte daran. Das Wrack war noch im Krieg zerlegt und abtransportiert worden. Längst hatte die Natur das Gelände zurückerobert. Mit Glück gäbe es vielleicht noch Kleinteile. Sie stocherten im sandigen Waldboden und fanden die Verstrebung mit der Nummer. Um auszuschließen, dass es sich um Schrott handelte, machte Drescher in Oranienburg einen Luftwaffenexperten ausfindig, der anhand der Nummer feststellen konnte, dass das Metallstück von der Halifax LW 337 stammte. Spätestens jetzt ließ die Geschichte Ralf Drescher nicht mehr los. „Das ist die Story meines Lebens“, sagte er sich und blieb bis zu ihrem Abschluss drei Jahre später dabei. Mit einem Metalldetektor zog der Experte mit dem angereisten Wilson, dem Zeitzeugen und Drescher erneut in den Wald und half bei einer gründlicheren Suche. Sie fanden weitere kleine Teile. Reginald Wilson flog mit diesen im Gepäck und mit der Gewissheit nach England zurück, dass er die Stelle gefunden hatte. Und mit einem Gefühl der Versöhnung. Warum hätten ihm sonst ausgerechnet jene, die damals zitternd im Keller saßen, ohne Ressentiments bei der Suche helfen sollen? Bomberbesatzungen wurden nach dem Krieg nicht als Helden gefeiert.

Für Drescher war der Fall nicht abgeschlossen. Aus Sorge, dass im Wald eventuell noch Munition liege, mobilisierte er den Förster. Im November 2006 kamen Sprengstoffexperten der Polizei, Drescher begleitete sie und hielt ihre Suche mit seiner Videokamera fest. Wie Archäologen gruben die Experten in dem Waldstück, Munition fanden sie nicht, dafür stießen sie auf weitere Wrackteile und auf einige wenige Menschenknochen – ein Wirbel, ein halber Unterkiefer eines offenbar jungen Menschen. Um auszuschließen, dass es sich um ein Verbrechensopfer handelte, stellte die Polizei die Knochen sicher. Doch was, wenn sie nun auf Nimmerwiedersehen bei ungeklärten Fällen im Archiv landeten?

Beisetzung mit militärischen Ehren

Drescher rief die britische Botschaft an und erzählte die Geschichte. Die Briten bekamen die Knochen ausgehändigt, doch auch hier hätte eine Untersuchung lange dauern können. Zwar gab es zwei Namen als Anhaltspunkte, aber gab es Verwandte, um die Identität des Toten zweifelsfrei festzustellen? Eine Meldepflicht gibt es in Großbritannien nicht. Wilson wollte nicht warten. Über einen Zeitungsartikel in Newcastle, dem Heimatort des vermissten Engländers John Bremner, fand er dessen Schwester. Ein DNA-Abgleich bestätigte die Identität des ehemaligen Bordingenieurs. Im Oktober 2008 wurden seine sterblichen Reste mit militärischen Ehren auf dem britischen Soldatenfriedhof an der Heerstraße beigesetzt. Die Briten hatten Angehörige der damaligen Crew eingeflogen. Ralf Drescher war auch dabei, gehörte er doch längst irgendwie zu Wilsons Familie.

Für Reginald Wilson war der Krieg nun endlich vorbei und für den Journalisten die Recherche abgeschlossen. Was bleibt, ist eine Freundschaft, die ihn mit dem nun 90-Jährigen Briten verbindet. Und der Eindruck, ein Stück Geschichte mitgeschrieben zu haben. Manchmal überlegt Ralf Drescher, ob er sein Andenken daran nicht doch in eine Vitrine legen soll.

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