Ein Trabi, endlich. Und was für einer. Tino Stadie ist keiner, der sich leicht beeindrucken lässt. Doch alte Autos haben ihn schon immer fasziniert. Und dieses Auto gehört dazu.

Es ist ein Trabant 601 Tramp, eines dieser seltenen Exemplare, die man als Cabrio nutzen kann. Eine Standheizung und eine Tankanzeige hat er auch, aber der Clou steckt im Kaufvertrag, in einer Unterschrift in eckigem Sütterlin. Dieser Trabi gehörte Willi Stoph (1914-1999), einem der mächtigsten Politiker der DDR. Die graue Eminenz im Politbüro. Einer, der erst dann Gesicht zeigte, als er den Staats- und Parteichef zum Rücktritt drängte: „Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen.“

Tino Stadie sagt, er habe an einen Scherz geglaubt, als er 2005 bei dem Oldtimer-Händler seines Vertrauens vorfuhr und ihm ein Kumpel erzählte, wem das Fliewatüüt im zeitlos geschmacksneutralen „Papyrus-Weiß“ auf dem Hof einmal gehört hatte. Baujahr 1984, 26 PS, nur 1632 Kilometer auf dem Tacho. Scheckheft-gepflegt, wenn man so will.

Gelenkigkeit war erforderlich

Die Vorstellung war ja auch absurd. Willi Stoph war schon siebzig Jahre alt, als er den Trabi-Tramp auf seinen Namen anmeldete. Was wollte so einer mit einer sportiven Rennpappe, in der man jedes Schlagloch spürte? Schon das Einsteigen erforderte ja eine gewisse Gelenkigkeit. Tino Stadie erinnerte das an einen bekannten Trabi-Witz: „Lieber Gott, mach mich krumm, dass ich aus dem Trabi kumm.“

Stadie ist ein schmaler Mittvierziger, mit Lachfältchen in einem Gesicht, das wettergegerbt ist vom Motorradfahren. Er sitzt auf dem Hof vor seiner Wohnung in Grünau und holt eine Digitalkamera hervor. Dort sind sie gespeichert, die Fotos von seinem Schatz. Er hat den Trabi Tramp 2005 von allen Seiten fotografiert, sogar von unten. Hammer und Sichel auf dem Nummernschild. Keine Beule, nicht einmal ein Kratzer. Das hat er, der gelernte Kfz-Mechaniker, auf den ersten Blick erkannt. „Der hatte Gebrauchsspuren vom vielen Stehen“, sagt er lakonisch. Was Männer eben so sagen, wenn sie von einem Kindheitstraum sprechen. Tino und der Trabi, das ist die Geschichte einer unerfüllten Liebe.

Plaste-Porsche adé

Er war achtzehn, als er sich einen Trabi bestellt hatte, den Volkswagen der DDR. Er wusste, dass er darauf lange warten würde, zehn Jahre, mindestens. Er konnte nicht ahnen, dass nur drei Jahre später die Mauer fiel. Der Traum vom Plaste-Porsche war geplatzt. Doch er musste nicht traurig sein. Er konnte jetzt die Autos ausprobieren, auf die er schon ein Auge geworfen hatte, als er noch in einer Kfz-Werkstatt an Wartburgs und Ladas schraubte.

Golf, Ford, Mercedes: Die Marken klangen wie Versprechen für eine bessere Zukunft. Schicke Schlitten, die beinahe von alleine fuhren, mit mehr PS, aber ohne Seele. Es dauerte nicht lange, und er hatte genug von ihnen. Tino Stadie sagt, heute fahre er am liebsten Autos, die er selber reparieren könne. Den gelben Golf zum Beispiel, der vor dem Haus parkt, in dem er mit Freundin und Katze wohnt. „Das ist ein Golf I von 1976.“

Stophs Spaßmobil steht jetzt in Zwickau. Tino Stadie hat es dem August-Horch-Museum als Leihgabe überlassen. Sein Traum hatte sich erfüllt. Jetzt sollen andere daran teilhaben. Stadie sagt, so schließe sich der Kreis. „Der Trabi kam aus Zwickau. Nach Zwickau kam er zurück.“ Er klingt bewegt.

Bei 80 km/h wurde ihm schwindelig

Der Tramp ist eine Rarität. In den 80-er Jahren wurde er für den Export ins Ausland produziert, doch ein Renner war er nicht. Was vielleicht erklärt, warum er in der Garage eines greisen Parteisoldaten landete und eckige Reifen bekam. „Die Autos, die man nicht los wurde, hat man an die Bonzen verschenkt“, unkt Stadie. Nur einmal ist er mit dem Trabi über die Autobahn gebrettert. Er hat sich nicht getraut, das Gaspedal ganz durchgetreten. Bei 80 km/h wurde ihm schwindelig. Der Motor knatterte. Das Radio lauter zu drehen, um den Lärm zu übertönen, ging auch nicht. „Es gab nur Kurzwelle.“

Tino Stadie sagt, doch, natürlich habe es anfangs gekribbelt, aber nach dieser Tour habe er genug gehabt. „Dieser Trabi fuhr auch nicht viel besser als andere Trabis.“ Es war eine trostreiche Erkenntnis, irgendwie. Er dachte an den Landrover, in dem sich Erich Honecker zum Jagen hatte chauffieren lassen. Er sagt: „Dass der olle Willi nur so einen Trabi hatte, hat ihn mir schon fast wieder sympathisch gemacht.“

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