Blonde Zöpfe hat sie, wache braune Augen, ein Gesicht wie aus Porzellan und ein weißes Spitzenkleid, genäht aus einer alten Tischdecke. Gestatten: Erika. So heißt die Puppe, die Christel Ertmann seit 70 Jahren begleitet. Es ist die kunstvolle Verarbeitung, die die Besitzerin fasziniert. Doch noch mehr sind es die Erinnerungen, die mit der Puppe verbunden sind. Das gemeinsam Erlebte macht Christel Ertmann und Erika seit den Kindheitstagen in Königsberg zu einem unzertrennlichen Paar.

„Na, komm doch mal her“, sagt Christel Ertmann, nimmt Erika in den Arm und streicht ihr liebevoll übers Haar. Es sind keine Kunsthaare, sondern echte, etwa 20 Zentimeter lang. Christel Ertmann hat sie kürzlich geflochten und aufgesteckt. Ein lebendiges Kind könnte es nicht besser haben als diese Puppe in dem Haus in Buckow, das Christel Ertmann mit ihrem Mann Peter bewohnt. Erika wird umsorgt, bekommt freundliche Ansprache – und genießt ein Vertrauen, von dem die meisten Menschen träumen.

Dieses Vertrauensverhältnis ist über Jahrzehnte gewachsen. Es war der vierte Geburtstag der kleinen Christel, als Tante Ernie ihrer Nichte die Puppe auf den Gabentisch zauberte, ein Fabrikat der thüringischen Firma Kämmer & Reinhardt, die auf Charakterpuppen spezialisiert war. Christel Ertmanns Erika trägt im Nacken das Signum „K & R“, zudem die Nummern „38/41“ und „728/6“, die das verwendete Material und das Modell bezeichnen. Eine Besonderheit bei Erika sind die beweglichen Augen, die sich nach links und rechts drehen und schließen können.

Man bot ihr 350 Mark für Erika

Ziemlich abgewetzt wirkt der 39 Zentimeter lange und 700 Gramm schwere Puppenkörper. Dennoch bot man Christel Ertmann Mitte der 70-er Jahre in der Puppenklinik am Tempelhofer Damm 350 Mark für Erika. Doch Christel Ertmann lehnte ab. Sie zahlte lieber die 80 Mark für die Reparatur. Wie hätte sie ihre Erika weggeben können, die sie durch gute wie durch die schlimmsten Zeiten begleitet hat?

Denn es war nur wenige Monate nach Christels Geburtstag, dass die heile Welt in der ostpreußischen Heimat zusammenbrach. Der Vater wurde eingezogen, Königsberg bombardiert, die Mutter mit Sohn und Tochter im Keller verschüttet. „Ich erinnere mich, wie ich durch die Straßen lief, es brannte und überall Scherben herumlagen“, erzählt Christel Ertmann. Und, dass sie Erika im Arm hatte, der sie ihre Ängste anvertraute, auch später auf der Flucht, die die Familie zunächst ins mecklenburgische Neuruppin führte. Aus Angst vor Bombenangriffen schlief die Familie im Wald. Erst im brandenburgischen Eldenburg fand sie etwas Ruhe, konnte sich dort nach Kriegsende sogar eine bescheidene Existenz aufbauen. Der Vater arbeitete als Grundschullehrer und gab zusätzlich auf dem Land Klavierstunden, gegen Stullen mit Sirup für die Kinder.

„Mit ihr konnte ich alles besprechen“

1950 jedoch musste die Familie aus politischen Gründen erneut flüchten und landete in Berlin. Der „goldene Westen“: Er war eine Offenbarung für die zehnjährige Christel. „In Hülle und Fülle“ habe es dort alles gegeben, erinnert sich die heute 74-Jährige, auch wenn ihre Familie längst nicht an allem teilhaben konnte. Erst recht nicht, als der Vater starb und die Mutter als Hilfsmontiererin bei Siemens die Kinder durchbringen musste. „Doch Erika gab mir immer Trost und Sicherheit, mit ihr konnte ich alles besprechen“, sagt Christel Ertmann.

Während ihrer Ausbildung als Zahnarzthelferin in Grunewald muss es gewesen sein, dass Erika, mittlerweile mit losen Armen und Beinen, in einem Karton landete. Doch nach Christels Hochzeit mit Peter und dem Umzug ins gemeinsame Heim im Jahr 1975 durfte die Puppe wieder ans Tageslicht, wurde repariert und hat seitdem einen Ehrenplatz im Schlafzimmer. „Und mit Erika sprechen“, sagt Christel Ertmann, „das mache ich immer noch gern“.

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