Kinderserie

Wenn ich einmal groß bin, werd‘ ich… Raumfahrer

York Steinmetz träumt von eigenen Raumschiffen und der Bekanntschaft mit Außerirdischen. Mit seinem Wissen über alles, was mit Weltall und Raumfahrt zu tun hat, überrascht der Elfjährige auch Experten.

Foto: Reto Klar

Die Gleichung sieht so unergründlich aus, dass man versucht ist, sie gar nicht bis zum Ende zu lesen. N=R*.fp.ne.fl.fi.fc.L. Muss man das verstehen? Und müssen wir dieses N überhaupt kennen — eine Variable für außerirdisches Leben, oder, genauer: für die Anzahl kommunikationstechnisch entwickelter, intelligenter Zivilisationen in unserer Milchstraße?

Oh doch, wir müssen. Findet jedenfalls York. Ein wilder Blondschopf, wache Augen, ein Kopf voller Visionen, wie sie Elfjährige eben haben. Nur dass es bei York, wenn er von seinen Träumen erzählt, immer ein bisschen so klingt, als habe er den Businessplan schon in der Tasche.

Professor Dieter Hermann jedenfalls hat er schwer beeindruckt. Der Gründungsdirektor des Zeiss-Großplanetariums und bis 2012 Präsident der Leibniz-Wissenschaftssozietät hatte die sogenannte Greenbank-Formel des US-Astrophysikers Frank Drake in einem Vortrag vor dem Spaceclub des Familien- und Freizeitzentrums FEZ in Köpenick vorgestellt.

Formel für extraterrestrische Intelligenz

Seine Zuhörer: Kinder und Jugendliche, die in diesem Club gemeinsam und unter Anleitung des FEZ-Raumfahrtzentrums Orbitall ihrer Leidenschaft für Astronomie und Raumfahrt nachgehen.

So waren es auch eher die wenigen Eltern, die angesichts der Formel für extraterrestrische Intelligenz Mühe hatten, bei der Sache zu bleiben. York dagegen reckte seinen Finger schon in die Luft, bevor Herrmann überhaupt ansetzen konnte, die Unbekannten in der Gleichung zu erläutern: fl, klar wisse er das, sei die Zahl der Planeten mit Leben, fi die der Planeten mit intelligentem Leben; fc stehe für Zivilisationen, die so wie wir Interesse haben dürften, mit anderen Individuen im All zu kommunizieren.

Szenenwechsel. Eine riesige Werft schwebt in der Umlaufbahn der Erde. Auf ihr wird emsig geschraubt und gelötet. Große Raumschiffe entstehen hier, ausgestattet mit Ionentriebwerken und Solarsegeln für die Fortbewegung, mit vollautomatischen Schusswaffen und Lenkraketen für die Verteidigung gegen Angriffe aus den Weiten des Universums. Geplant und konstruiert werden die Raumschiffe vom erwachsenen York. Das Geld kommt von einem privaten Financier, um staatliche Einflussnahme auszuschließen.

„Es wäre überheblich zu meinen, dass nur wir da leben“

Der elfjährige York hat sich das bereits genau überlegt. „Wenn der Staat sich beteiligt, dann verfolgt der seine eigenen militärischen Interessen. Und es wird alles mögliche erforscht, Gesteinsproben vom Mars oder Asteroide oder so etwas.“

Einen „Haufen Felsbrocken zu erklären oder zu zählen, wie viele es davon gibt“, hält der Grundschüler mit seinem Spezialwissen, das die meisten Abiturienten ausstechen könnte, für Zeitverschwendung. „Die eigentliche Frage ist, gibt es andere Völker im Universum? Wo sind sie, und mit welcher Technik können wir sie erforschen?“

Dabei hat York die erste dieser Fragen für sich längst beantwortet. Natürlich gibt es außerirdische Intelligenz: „Ich glaube das nicht, ich weiß das“, sagt er mit fester Stimme. Schließlich sei das Universum unendlich und breite sich stetig weiter aus. „Es wäre überheblich zu meinen, dass nur wir da leben.“

Als Kommandeur auf selbst konstruierten Raumfähren

Wenn er groß ist, dann will er nicht nur, nein, dann wird er sich auf den Weg zu den fremden Lebensformen machen. Als Kommandeur auf seinen selbst konstruierten Raumfähren. Am Ende, so der Plan, steht die Kolonisierung des Alls. Eine Kuppel auf fernen Planeten, unter der eine Atmosphäre menschliches Leben ermögliche, wo U-Bahnen fahren und Hochhäuser entstehen. Zauderei, Zweifel gar haben in dieser Vision keinen Platz.

Man könnte all das als Träumerei abtun, wenn es nicht mit dieser beachtlichen Portion an Partialkenntnissen und unermüdlich gesammelten Detailwissen untermalt wäre. Wann bei York die Begeisterung für Weltall und Raumfahrt ihren Anfang nahm, weiß er nicht. „Das Interesse war schon immer da, es ist nur immer weiter gewachsen“, sagt er.

Seine Mutter hat noch heute die abendlichen Autofahrten vor Augen, wenn sie und ihr kaum einjähriger Sohn den Vater von der Arbeit abholten. „Es war immer alles gut, solange er den Mond sah. Aber sobald es bewölkt war, wusste ich, er wird weinen“, sagt Peggy Steinmetz.

Der Erfinder des Warp-Antriebs

Als Kindergartenkind kannte York sich im Sonnensystem aus. Und als er in der dritten Klasse nach seinen größten Wünschen gefragt wurde, war das die Erfindung des Warp-Antriebs — eines vorerst nur in der Sciencefiction möglichen Raumfahrtantriebs für Überlichtgeschwindigkeit.

Bei den Gleichaltrigen stößt York mit diesem Ehrgeiz und seiner unerschöpflichen Wissbegier schnell auf Unverständnis. Am ehesten findet er noch Gleichgesinnte bei Weltraum-Strategiespielen am Computer. Umso lieber geht York zu den Treffen des Spaceclub, der seit Ende Februar besteht. Dort, sagt er, „bin ich endlich mit Leuten zusammen, mit denen ich reden kann“.

Und das, obwohl er zu den Jüngsten in der Runde zählt. Neben Fachvorträgen machen die Space-Fans im Orbitall Experimente, basteln Raketen, beobachten den Mond, trainieren an Geräten, wie sie in ähnlich auch Astronauten benutzen, oder besteigen den Sojus-Simulator. Auch Astronauten werden sie treffen.

Es ist ein Anfang. Ein Schritt auf dem Weg hoch hinaus. Verlassen will sich York ohnehin vor allem auf sich selbst. Dass er an die Wissenschaft glaube, sagt er. Achtung habe er vor Menschen wie Newton, Einstein oder Stephen Hawking. Aber auch, dass er für seine Pläne doch eher den eigenen Kopf anstrengen müsse. „Und das“, sagt York, „kann ich ja auch ganz gut.“

Alle Folgen der Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/traumberuf