Frühchen

Wenn das Leben zu früh beginnt

Heute ist der Tag des Frühgeborenen: Er will auf Babys wie Layla aufmerksam machen, die fünf Wochen zu früh auf die Welt kam

Foto: Massimo Rodari

Als sich Kassama Groenendijk abends auf ihr Sofa legte und Schmerzen bekam, machte sie das Sofa verantwortlich. Viel zu unbequem! Also ging sie ins Bett. Und nicht einmal, als die Schmerzen da noch nicht aufhörten, dachte sie ernsthaft an Wehen. Wieso auch? Der errechnete Geburtstermin war schließlich der 4. Dezember. Klar wusste sie, dass das Baby auch zwei Wochen früher oder später kommen kann. Aber heute war doch erst der 29. Oktober! Also blieb sie liegen und versuchte zu schlafen. Jede Stunde machte das Ziehen im Bauch sie wach, dann sogar jede halbe Stunde. Nachmittags um drei fuhr sie ins St. Joseph Krankenhaus Tempelhof. Um 16.08 Uhr war Layla Teresa da.

Fünf Wochen zu früh. Und viel zu leicht: 1420 Gramm hat das kleine Mädchen bei der Geburt gewogen, fast zwei Kilo weniger als das Normalgewicht eines Neugeborenen. Damit zählt sie zu den "sehr kleinen Frühgeborenen", den Babys, die mit einem Gewicht von unter 1500 Gramm auf die Welt kommen, aber nicht zu den "extrem kleinen Frühgeborenen" - das sind die Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1000 Gramm.

Knapp sieben Prozent aller Babys in Deutschland kommen laut Statistischem Bundesamt mit einem Geburtsgewicht von unter 2500 Gramm auf die Welt und werden damit statistisch als "Frühgeborene" geführt. Nach Angaben der Organisation EFCNI (European Foundation for the Care of Newborn Infants) sind sogar rund neun Prozent der Babys in Deutschland Frühgeborene - sie rechnet alle Babys dazu, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren wurden.

"Nur mal zur Kontrolle"

Warum Layla so früh auf die Welt wollte, weiß niemand ganz genau. Eine Genitalinfektion der Mutter, Schwangerschaftskomplikationen, aber auch chronischer Stress oder Rauchen vor oder in der Schwangerschaft können neben vielen anderen Ursachen eine Frühgeburt auslösen. Bei Kassama Groenendijk deutete nichts darauf hin, dass Layla es keine neun Monate im Bauch aushalten würde. Deshalb hatte sie ihren Klinikkoffer noch nicht einmal gepackt, als die Wehen anfingen. Bevor sie ins Krankenhaus fuhr, suchte Kassama schnell alles zusammen - und ließ den Koffer dann doch zu Hause stehen: "Ich dachte, ich fahr nur mal zur Kontrolle", erzählt die 26-Jährige, die aus Holland nach Berlin gezogen ist, und muss über sich selbst lachen.

Eigentlich hatte sie sich an dem Nachmittag mit einer Freundin verabredet - sie wollten zusammen Babysachen kaufen. Stattdessen kam die Freundin dann mit ins Krankenhaus. Das war auch gut so, denn Kassamas Mann war gerade nicht in Berlin - woher sollte er auch wissen, dass er an dem Tag Vater wird?

Jetzt liegt Layla in ihrem Babybettchen neben dem Bett ihrer Mutter, in einem viel zu großen fliederfarbenen Strampelanzug. "Größe 62", sagt Kassama und hebt die Schultern, Sonst trägt Layla gerade einmal Größe 46 - und das, obwohl sie seit der Geburt schon 340 Gramm zugenommen hat. "Für die noch kleineren Frühchen kaufen die Eltern oft Puppensachen", erzählt Dr. Beatrix Schmidt, die Chefärztin der Kinderklinik im St. Joseph Krankenhaus Tempelhof.

Die richtige Garderobe allerdings ist die geringste Sorge der Eltern: Denn Frühgeborene und ihre Eltern haben oft mit Spätfolgen zu kämpfen. "Sie leiden häufiger unter ADHS, sind zappliger, haben Konzentrationsstörungen", erklärt Beatrix Schmidt. Außerdem haben sie häufig mit chronischen Atemwegserkrankungen zu kämpfen, weil die Lunge bei der Geburt noch nicht ausgereift war. Entwicklungsverzögerungen und motorische Störungen gelten ebenfalls als mögliche Spätschäden, vor allem wenn die Babys mit einem Gewicht von weniger als 1000 Gramm auf die Welt kommen.

Layla aber hat ja schon bei der Geburt deutlich mehr gewogen - und holt seither kräftig auf. "Man muss Frühgeborene immer mit Babys vergleichen, die um den errechneten Geburtstermin herum auf die Welt gekommen sind - wenn man überhaupt vergleichen will", betont Beatrix Schmidt. Bis dahin hat Layla noch ein paar Wochen Zeit, weiter an Gewicht zuzulegen. Dann passen ihr vielleicht auch die winzigen rosa Socken, die jetzt noch lose von ihren puppengroßen Füßen herunterhängen. Und auch die zarte Stimme, mit der sie protestiert, wenn ihre Mutter die Windeln wechselt, wird bis zum 4. Dezember mit Sicherheit noch etwas lauter werden. Kassama Groenendijk sieht der Entwicklung gelassen entgegen: "Mein Baby weint doch so wenig", sagt sie.

In den ersten Tagen lag Layla im Brutkasten, "sie hatte eine etwas auffällige Atmung", sagt Beatrix Schmidt. Aber auch da durfte sie schon neben dem Bett ihrer Mutter schlafen. Im St. Joseph Krankenhaus Tempelhof können Eltern auch dann mit ihren Neugeborenen ein Zimmer teilen, wenn die Babys auf einer Intensivstation liegen müssen. Gerade bei Frühgeborenen sei die Beziehung zwischen Eltern und Kind oft gestört, sagt Beatrix Schmidt - das liege auch daran, dass viele Eltern "Angst vor der Intensivstation" hätten. Wenn die Mutter "sechs Wochen vor dem Inkubator" sitze und ihr Baby nur durch die Wand betrachten dürfe, sei es schwer, ein inniges Verhältnis zum Neugeborenen zu entwickeln. Deshalb gehört das "Känguruen" im St. Joseph zum Konzept: Dabei liegt das nackte Baby auf der Brust der Mutter, es hört den Herzschlag, den es schon im Bauch gehört hat, und nimmt die bekannte Stimme und den vertrauten Geruch war. Sogar spezielle verstellbare Stühle gibt es dafür, in denen die Mütter die gemütlichste Kuschel- und Stillposition aussuchen können.

Atemgeräte und rote Kängurus

Leuchtendgelbe Wände, warmes Licht, freundliche rote Kängurus, die überall von den Wänden lächeln - auf der Station erinnert nichts an Intensivmedizin. Jedenfalls so lange, bis sich eine der Türen öffnet und dahinter zum Beispiel die Geräte sichtbar werden, mit denen die Atmung der Neugeborenen überwacht werden kann. Gerade ist ein Baby aus dem Kreißsaal gekommen, das nach 31 Wochen geboren wurde. Gleich daneben liegt "der kleine Star", wie Beatrix Schmidt ihn liebevoll nennt: Der Junge wurde mit einem Geburtsgewicht von unter 1000 Gramm geboren und musste immer wieder beatmet werden, bis zum vergangenen Wochenende: "Seit Samstag atmet er allein", berichtet die Chefärztin - ein großer Schritt, an dem die ganze Station Anteil nahm.

Wenn die Neugeborenen beatmet werden müssen, können Baby und Mutter derzeit noch nicht gemeinsam in ein Zimmer ziehen. Aber die Eltern dürfen jederzeit zu ihnen und müssen keine festen Besuchzeiten einhalten. Sobald eine Atemhilfe ausreicht, stehen ihnen die 16 Rooming-in-Plätze der Station zur Verfügung.

Auch das Zimmer von Layla und Kassama ist jetzt wieder frei. Nach gut zwei Wochen im Krankenhaus durften Mutter und Baby gestern nach Hause. Kassama fühlt sich gewappnet: "Ich habe hier so viel Beratung und Hilfe bekommen", sagt sie, während sie ihrer kleinen Tochter mit geübten Griffen einen neuen Strampelanzug anzieht. Und auch wenn sie noch lange nicht mit Layla gerechnet hatte: Babybett und Kinderwagen stehen zu Hause in Steglitz schon bereit.