Medizin in Berlin

Modellprojekt soll Frühgeburten vorbeugen

Rund 1700 Frühchen kamen im vergangenen Jahr in Berlin zur Welt. Sie liegen meist über Wochen verkabelt im Inkubator - eine dramatische Zeit für Eltern und Kind. Ein neues Projekt soll dafür sorgen, dass die Babys später kommen.

Foto: picture-alliance / Juergen Berge / picture-alliance / Juergen Berge/picture alliance

Miriam Schäfer war erst in der 31. Woche, als Ärzte entschieden, die Zwillinge per Kaiserschnitt auf die Welt zu holen. Johannes war von beiden Frühchen das schwächere, wog bei der Geburt gerade mal 970 Gramm, halb so viel wie sein Bruder Christian. Für die 38-Jährige war es eine Risikoschwangerschaft, der Mutterkuchen bot nicht genügend Nährstoffe für beide Säuglinge. Seither liegen die Zwillinge im Perinatalzentrum des Vivantes Klinikums im Friedrichshain. Dank modernster Intensivmedizin sind die Jungen sechs Wochen nach der Geburt wohlauf. Sie hatten Glück, denn nicht immer verläuft eine Frühgeburt so glimpflich.

Rund 1700 Frühchen kamen im vergangenen Jahr in Berlin zur Welt. Bei 30.000 Neugeborenen in der Hauptstadt sind das mehr als fünf Prozent. „Eltern und Kinder erleben nach einer solchen Geburt sehr dramatische Stunden“, sagt Karl Schunk, leitender Oberarzt am Vivantes Klinikum im Friedrichshain. Frühchen liegen meist über Wochen in Inkubatoren, viele müssen beatmet werden. Die Winzlinge sind über Kabel mit unzähligen Apparaten verbunden, weil Herz- und Pulsschlag ständig kontrolliert werden müssen.

Ein neues Modellprojekt soll dafür sorgen, dass die Geburtenrate der Frühchen in Berlin sinkt. „60 Prozent der Kinder erleiden eine lebenslange körperliche oder psychische Störung“, sagt Gabriela Slawik von der DAK. Die Krankenkasse sah dringenden Handlungsbedarf, mehr bei der Prävention zu tun. Berliner Arztpraxen und Krankenhäuser haben jüngst mit der DAK die stärkere Vernetzung und bessere Vorsorge vertraglich vereinbart. „Willkommen Baby“ heißt das neue Versorgungskonzept, das die Frühgeburtenrate im kommenden Jahr um zehn Prozent senken soll.

Risiken vorbeugen

In dem Netzwerk interagieren sieben Berliner Perinatalzentren und 139 niedergelassene Gynäkologen. Der Berufsverband der Frauenärzte, der das Modellprojekt unterstützt, hofft, dass bald noch mehr Praxen mitmachen. „Das Angebot der DAK verbessert die bisherige Versorgung deutlich“, sagt Gynäkologe Stefan Skonietzky. „Die Schwangere erhält früh die Möglichkeit, vermeidbare Risiken auszuschalten.“ Bereits zu Beginn der Schwangerschaft sollen Frauen eine Checkliste führen. Anhand dieser Information kann der betreuende Frauenarzt mögliche Risikofaktoren erkennen und mit Mutter und Klinik besprechen. Solche Gespräche klären Frauen auf, über gesunde Lebensweise beispielsweise. Noch immer sind Alkohol- und Nikotinkonsum, Bewegungs- oder Nährstoffmangel die Hauptursache für Frühgeburten.

Neben den Beratungen will die Kasse zusätzliche Leistungen zahlen. Mehr Ultraschalluntersuchungen soll es geben, auch regelmäßige Tests des Unterleibs der Mutter – oft sind es nämlich Infektionen, die dazu führen, dass das ungeborene Kind über den Mutterkuchen nicht ausreichend versorgt werden kann.

Klaus Vetter leitet eine der größten Geburtskliniken Deutschlands, 3500 Kinder werden am Vivantes Klinikum Neukölln geboren. Auch wenn der medizinische Fortschritt in der Neonatologie große Fortschritte gemacht habe, sei es dringend notwendig, in Prävention zu investieren. „Wir müssen uns mehr um die werdenden Mütter kümmern“, sagt er. Länder wie Portugal oder Schweden seien vorbildlicher. „Dort funktionierten die Netzwerke sehr gut, in diesen Ländern ist die Zahl der Frühgeburten viel geringer.“

In Berlin gibt es sieben Perinatalzentren. Sie sind so etwas wie Intensivstationen für Frühchen, hoch sensible Bereiche, in denen sich spezialisierte Mediziner, Schwestern und Pfleger um Kinder kümmern, die bei der Geburt weniger als 1250 Gramm wiegen oder vor der 29. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen sind. Sie kümmern sich aber auch um die Familien, die sich in der Zeit um den Nachwuchs sorgen.

Miriam Schäfer hat die letzten Wochen im Perinatalzentrum des Vivantes Klinikum im Friedrichshain verbracht. Sechs Wochen ist die Geburt ihrer Zwillinge nun her. Sie sitzt in einem hellen Zimmer, zwischen Inkubatoren, in denen Frühchen ihre winzigen Arme und Beine strecken. Die Mutter hat Johannes aus dem Inkubator genommen, nun liegt sein kleiner Kopf an ihrer nackten Schulter. Er schläft und sieht sehr zufrieden aus. Einige hundert Gramm hat er zulegt, Frühchen werden über eine Magensonde mit abgepumpter Muttermilch ernährt. Neben Miriam Schäfer sitzt die Großmutter, sie wiegt – im Takt mit ihrer Tochter – Johannes Bruder Christian.

Oberarzt Karl Schunk fördert den Mutter-Kind-Kontakt, auch Familienmitglieder sind willkommen. Früher sagt Schunk, guckten die Eltern immer durch dicke Glasscheiben, durften nur selten zu den Babys. Die Furcht vor Keimen oder Bakterien war zu groß. „Da hat sich viel geändert“, sagt Schunk. „Je mehr Körperkontakt die Frühchen mit der Mutter haben, desto besser ist das“, sagt er. Das könne körperlichen und psychischen Störungen vorbeugen. Auch die Vernetzung der Angehörigen sei ihm wichtig, denn auch sie durchleben nach einer Frühgeburt schwere Wochen. „Es ist gut, wenn sich Mütter und Väter in einer solch schwierigen Zeit austauschen“, sagt Schunk.

Einige Wochen werden Johannes, Christian und Mutter Miriam Schäfer noch im Klinikum im Friedrichshain bleiben müssen. Oberarzt Karl Schunk ist zuversichtlich. Er geht davon aus, dass die Zwillinge ein gesundes Leben führen werden.

Entdecken Sie Top-Adressen in Ihrer Umgebung: Geburtshilfe in Berlin