Vernachlässigung

Pflegekinder bekommen Geborgenheit auf Zeit

Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Fälle von verwahrlosten, misshandelten Kindern wie in Berlin. Sie werden von ihren Eltern allein gelassen und geschlagen. In Pflegefamilien finden die Kinder Zuwendung. Oft zum ersten Mal in ihrem Leben.

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Es ist dieser Moment, der Angelika Hildebrandt immer weiter machen lässt. Der Augenblick, in dem plötzlich ein Lächeln über ein ernstes Kindergesicht huscht. Oder sich eine kleine Hand in die eigene schiebt. Erstes zaghaftes Vertrauen. Manchmal dauert es ein paar Stunden, bis es soweit ist, manchmal Tage. Je nachdem, was das Kind schon erlebt hat. Ob es misshandelt wurde. Oder in einer verwahrlosten Wohnung zurückgelassen. Angelika Hildebrandt ist Pflegemutter, sie bietet Kindern in ihrer Familie ein Zuhause auf Zeit.

Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Fälle von verwahrlosten, misshandelten Kindern wie in Berlin. Das liege zum einen an der Großstadt "mit den vielen Problembezirken", so Hans-Joachim Blume, Leiter des zuständigen Dezernats 12 im Landeskriminalamt. Zum anderen aber auch daran, dass es nur in Berlin ein eigenes Kommissariat für dieses Fälle gibt. Im vergangenen Jahr befreite die Polizei in Berlin 569-mal Kinder aus verdreckten Wohnungen. In weiteren 579 Fällen mussten die Beamten wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen ermitteln.

Angelika Hildebrandt erschüttert jeder einzelne Fall. Denn sie weiß, dass diese Kinder wahrscheinlich nie vergessen werden, was sie erleben mussten. "Verlassen werden ist eine traumatische Erfahrung", sagt sie. Seit zwei Jahren nimmt sie kurzfristig Kinder auf, die schnell aus ihren Familien müssen. Sie will diesen Kindern helfen, ihnen zumindest für eine kurze Zeit ein bisschen Geborgenheit schenken. Solange, bis das Jugendamt entschieden hat, was aus ihnen werden soll. Ob sie zurück zu ihren Eltern können. Oder ob sie in einer Dauerpflegestelle besser aufgehoben sind.

Immer wieder Abschiede

Der Abschied vom Pflegekind nach ein paar Wochen oder Monaten fällt Angelika Hildebrandt jedes Mal schwer. Trotzdem hat sie sich bewusst für diese Form, die sogenannte Krisenpflege, entschieden. "In meiner Familie war noch Platz für andere Kinder", sagt sie. "Allerdings nicht auf Dauer, noch einmal so ein kleines Kind großziehen, das passt nicht zu meiner Lebenssituation." Angelika Hildebrandt ist 55 Jahre alt, gelernte Kinderkrankenschwester und Erzieherin. Ihre eigenen vier Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Zwei sind bereits erwachsen und aus dem Haus. Die beiden anderen, ein Junge und ein Mädchen, sind Teenager, wohnen bei ihr in Kreuzberg. Auch ihretwegen, und wegen des Geredes, das es in der Schule und der Nachbarschaft geben könnte, will Angelika Hildebrandt ihren richtigen Namen lieber nicht sagen.

Svenja* war eines der ersten Kinder, das Angelika Hildebrandt bei sich aufgenommen hat. "Wir brauchen einen Platz für ein zweijähriges Mädchen", sagte eine Frau am Telefon damals zu Angelika Hildebrandt, "ganz schnell." Polizei und Jugendamt hatten die Kleine gerade aus einer völlig verdreckten Wohnung befreit, das Mädchen war dort ganz allein. Zwei Stunden später stand Svenja dann mit einer Sozialarbeiterin vor der Tür von Angelika Hildebrandt. "Sie trug einen Schlafanzug, war verdreckt, die Haare verfilzt", erzählt sie, "ihr Gesicht war ernst, erstarrt. Sie ließ alles einfach so über sich ergehen." Ganz still saß sie auf dem Sofa, beachtete das Spielzeug nicht, wollte weder Essen noch Trinken.

Nach ein paar Stunden kam Svenja langsam zu sich. Zaghaft lächelte sie ihre große Pflegeschwester an. Angelika Hildebrandt badete das Mädchen, zog ihr neue Sachen an, machte ihr etwas zu essen. "Sie kannte das alles gar nicht", sagt sie und ihre Stimme klingt noch heute ganz betroffen. "Sie konnte nicht allein aus einem Becher trinken, aß nur mit den Fingern und weinte viel."

Das sind dann die Momente, die die eigene Familie auf eine Belastungsprobe stellen. "Die macht ja alles kaputt", sagte Angelika Hildebrandts Sohn entsetzt, als Svenja statt zu spielen, alles zerstörte.

Der Anfang von Vertrauen

"Es ist nicht einfach mit einem Pflegekind", sagt Angelika Hildebrandt, "darüber muss sich die ganze Familie von Anfang an klar sein, das müssen wirklich alle wollen." Denn da kommt von einem Tag auf den anderen plötzlich ein Kind dazu. Eines, das unter Umständen traumatisiert ist. Das sich ganz und gar nicht so verhält, wie die anderen. Das mit Sachen schmeißt, tobt und schreit. Das klammert und Angst hat. "Das ist sehr anstrengend", sagt Angelika Hildebrandt, "manchmal ein 24-Stunden-Job". Sie hält einen Moment inne, dann sagt sie leise: "Aber wenn das Kind dann anfängt zu vertrauen. Wenn es sich entwickelt, Fortschritte macht, das gibt einem sehr viel."

Svenja lernte spielen und lachen, sprechen und am Tisch essen. Ihre leibliche Mutter meldete sich kein einziges Mal. Sie interessierte sich nicht für ihr Kind. "Sie hatte auch überhaupt keinen Begriff davon, was sie ihm angetan hatte", sagt Angelika Hildebrandt. Das Amt entschied deshalb in diesem Fall, dass Svenja in einer Dauerpflegestelle besser aufgehoben ist, als bei ihrer Mutter. Nach zwei gemeinsamen Monaten, Monaten, in denen Vertrauen und Zuneigung aufgebaut worden waren, musste Angelika Hildebrandt Abschied nehmen von Svenja. Sie packte die wenigen Sachen des Mädchens zusammen, klebte Fotos in ein Erinnerungsbüchlein, "damit Svenja später weiß, wo sie mal ein paar Monate verbracht hat" und brachte sie zu ihrer neuen Familie.

Es war ein schwerer Abschied, "aber ich bin froh, dass Svenja ein gutes Umfeld gefunden hat", sagt Angelika Hildebrandt. "Wenn die Kleine zu ihrer Mutter gekommen wäre, hätte ich mir Sorgen gemacht." Oft entscheidet das Jugendamt anders, schickt die Kinder zurück zu ihren Eltern. "Das ist unser erklärtes Ziel", sagt Heike Dorr-Sallmann, Regionalleiterin im Jugendamt Wedding. "Wir wollen die Eltern dabei unterstützen, dass sie sich selbst um ihre Kinder kümmern können." Nur wenn das Kindeswohl gefährdet ist, werden die Kinder dauerhaft in einer anderen Familie untergebracht. "Man muss sich die Situation immer genau ansehen", sagt Heike Dorr-Sallmann. "In welchem Zustand ist die Wohnung? Wie ist die Bindung von Eltern und Kind? Welchen Eindruck gewinnt man insgesamt?"

Bei dem kleinen Mädchen, das jetzt gerade bei Angelika Hildebrandt lebt, ist der Eindruck gut. Die Mutter war zwar überfordert, konnte sich nicht ausreichend kümmern. "Doch jetzt meldet sie sich oft, will wissen, wie es ihrer Tochter geht", sagt Angelika Hildebrandt. Ein paar Wochen noch, dann kann das Mädchen vielleicht schon wieder zurück nach Hause. "In diesem Fall wünsche ich mir das auch", sagt die Pflegmutter, "denn da ist eine Bindung zwischen Mutter und Kind. Mit ein bisschen Unterstützung können die beiden eine glückliche Familie sein."

* Name geändert

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