Die Super-Mamis

Berliner Mutter rechnet mit Angelina Jolie ab

Sie heißen Angelina Jolie oder Heidi Klum und sie machen echten Müttern das Leben zur Hölle. Weil sie ständig perfekt sind - als Mutter, als Frau und im Beruf sowieso. Und niemals zugeben, dass ihnen ein Heer von Helfern zur Seite steht. Jetzt reicht es, findet eine Berliner Mutter mit Ringen unter den Augen. Und rechnet ab mit den Super-Mamis.

Foto: Getty Images

Das Make-up ist perfekt. Ein zarter Roséton bedeckt die Wangen. Die Lider sind mit Bronzestaub bepinselt. Die Lippen habe ich vorsichtig ausgemalt, gerade so, dass es nicht danach aussieht, als hätte ich zu tief in den Farbtopf gegriffen, sondern höchstens ein bisschen zu ausdauernd geknutscht.

Und dann erst das Kleid! Ein Traum in pflaumenfarbenem Jersey. Es hat mich maximal vier Wochen Diät gekostet, um in das Ding zu passen.


Die Reaktion bleibt nicht aus. "Wow", ruft meine Freundin, "Süße, du siehst fantastisch aus! Und erst die Ohrringe!" Sie tritt näher, um das goldene Gehänge genauer betrachten zu können. Ihr Blick gerät kurz ins Stolpern. "Was ist denn das?", fragt sie dann und zeigt mit dem Finger Richtung Hals. "Ist das Kotze?"

Makellos nach der Entbindung

Mein erster Gedanke: Angelina wäre das nicht passiert. Angelina Jolie kann unmittelbar nach der Geburt von Zwillingen mit drei, nein, vier weiteren Kindern zum Chipskaufen auf die Straße gehen und sieht makellos aus. Ich schaffe es nicht mal, mich zum Ausgehen schick zu machen. Angelina kriecht in Darfur durch den Wüstenstaub, spendet zig Millionen für wohltätige Zwecke und lächelt dazu gütig in die Kameras - und ist immer noch die schärfste Braut Hollywoods. Ich kriege nicht mal den Kuchen zum Kindergarten-Basar rechtzeitig fertig. Unter uns: Angelina Jolie Super-Mom geht mir ganz schön auf die Nerven.

Es ist nicht so, als würde ich mich nicht bemühen. Zum Beispiel versuche ich mich ausgewogen zu ernähren. Trotzdem wiege ich zehn Kilo zu viel oder sechs, je nachdem. Wahrscheinlich, weil ich zwischendrin immer mal wieder etwas auf die Hand nehme, da ich vor lauter Kinderanziehen (es sind immerhin zwei) und Frühstückmachen selbst vergessen habe zu frühstücken. Könnte Angelina nie passieren. Sie ist dünn wie ein Stock, so schmal, dass sich Zeitschriften auf der ganzen Welt Sorgen machen: "Angst um Angelina: Ist sie zu dünn?" Kein Mensch macht sich Sorgen um mich. "Furcht um Susanne: Wird sie zu fett?" So was steht natürlich nirgends. Ich interessiere die Öffentlichkeit nicht. Ich bin nicht Angelina. Ich bin nur irgendeine Mutter.

Das Problem mit normalen Müttern ist, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als den Makel zur Absicht zu machen. Babykotze auf dem Körper? Parfüm drüber. Essensreste auf Kleidungsstücken? Schnell eine Brosche drauf. Concealer hilft prima gegen dunkle Augenringe, allerdings nur in den ersten drei Monaten. Und irgendwann findet man sich damit ab: Was auch immer ich tue, ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Ja, ja, ich weiß. Perfektion als Zustand ist völlig überbewertet. Makellosigkeit ist die kleine Schwester der Langeweile. Ein Mensch ohne Kanten und Fehler ist öde. Was bliebe einem am Ende des Tages dann übrig, als jeden Abend zu hauchen: "Schatz, du warst heute wieder mal vollkommen perfekt!" Das kann in den ersten drei Monaten putzig sein, nach einer gewissen Weile aber wird man den Gedanken kaum noch ertragen können. Wie erfrischend garstige Gedanken für eine zwischenmenschliche Beziehung sein können, muss einem auch erst mal klar werden. Erst nach einem herzhaften "Du blöder Hund, du kannst dich auch mal um den Kindergeburtstag kümmern" kann sich die Beziehung zu neuen Höhen aufschwingen.

Als Mutter gedemütigt

Aber ich schweife ab. Wie es in der Beziehung zwischen Brad und Angie aussieht, weiß ich nicht, obwohl man natürlich so einiges hört. Kein Wunder. Vermutlich wird der arme Brad nur an den fruchtbaren Tagen ins Bett vorgelassen. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, wie man nach einem Tag mit sechs Kindern, voller Wohltätigkeit und Verpflichtungen, noch Lust auf Sex haben kann.

Dann wiederum: Wahrscheinlich kriegt Angelina das ohne Probleme hin. Sie bringen gemeinsam die Kinder zu Bett, lesen ihnen eine lehrreiche und tief gehende Geschichte vor, bevor sie sich dann mit einer Schale Rohkost vor den Kamin zurückziehen, um einander ihre Liebe zu gestehen und übereinander herzufallen. Ich gönne es ihnen.

Gleichzeitig könnte ich mich beständig übergeben. Denn wann immer Angelina auf den Titelseiten auftaucht, fühle ich mich in meiner Rolle als Mutter gedemütigt. Finde mich zu unförmig, zu wenig stressresistent, zu wenig karriereorientiert. Wohltätig bin ich auch nicht, wenn man von gelegentlichen Spenden für Greenpeace absieht. Ich will nicht ständig ins Gesicht geschmiert bekommen, dass andere Mütter das Gesamtpaket doch auch hinkriegen. Heidi Klum zum Beispiel. Sprecht den Namen nicht laut aus! Ich kriege Pickel davon.

Ich weiß, ich weiß, Angelina hat eine Armee von Helfern und Helfershelfern. Heidi auch. Wäre ich reich oder zumindest wohlhabend, würde ich auch eine Haushälterin anstellen. Oder wenigstens eine regelmäßige Putzfrau. Eine Köchin. Für abends ein Kindermädchen und für tagsüber zwei. Würde ich dann besser aussehen? Fraglich. Wahrscheinlich würde ich die Köchin zwingen, jeden Abend Schweinebraten zu servieren.

Und dann finde ich am nächsten Tag wieder mal ein Heftchen mit Angelina vorne drauf. Samt Brut, versteht sich. Sie lächelt locker entspannt, trägt ein Kind auf der Hüfte (und ein langes Kleid am Leib, ohne sich darin zu verheddern, ein ewiges Rätsel) und hält ein anderes an der Hand. Sie sind gerade wieder von L.A. nach Südfrankreich gejettet oder in die andere Richtung. Mich überfordert schon eine Reise zum Supermarkt. Ich plane den Einsatz zwischen vollen Regalen stundenlang. Ist es sinnvoll hinzufahren, nachdem ich die Kinder zum Kindergarten gebracht habe? Dann könnte ich stressfrei einkaufen, würde allerdings kostbare Arbeitszeit verlieren. Oder fahre ich doch am Nachmittag, dann aber mit viel "Nein, das kaufen wir jetzt nicht" und Kleingeld für das verdammte "Cars"-Gefährt direkt am Eingang?

An den meisten Tagen machen meine Nerven das nicht mit. Darum muss ich die verlorene Arbeitszeit abends nachholen - aber erst, nachdem gegen Viertel nach neun das letzte Mal "Mama, ich muss noch mal pinkeln" ertönt ist. Oder schlimmer, nachdem nichts zu hören war. Dann heißt es Bettwäsche wechseln, die Matratze trocknen und nasse Klamotten in die Waschmaschine stopfen. Vorgänge, die scheinbar zusammenhanglos im Raum schweben, sich in der Folge aber bleischwer auf meine Lider legen. Die Ringe unter den Augen werde ich nicht mehr los.

Ich will mich nicht beschweren. Angelina hat es bestimmt nicht leicht. Vielleicht ist sie auch müde. Und wenn sie müde ist, muss sie vor Kameras über Autos springen, während ich mich nur an den Schreibtisch setzen muss. Ich möchte nur, dass sie aufhört, sich als Über-Mutter zu stilisieren. Sie soll aufhören, so zu tun, als würde sie das alles ohne Hilfe schaffen. Wenigstens ein Mal mit ungewaschenem Haar aus dem Haus kommen und genervt gucken. Wie eine echte Mutter eben. Das würde mir schon reichen. Danke.