Um bis zu elf Zentimeter sind entlang der Oder die Pegel auf deutscher Seite gegenüber dem Vortag gestiegen. Das sagte ein Sprecher des Hochwassermeldezentrum am Donnerstagvormittag in Frankfurt (O.). Die Pegel stehen damit zwischen 46 und 69 Zentimeter unter der Marke für die erste Warnstufe. Am Mittwoch waren noch Wasserstände gemessen worden, die zwischen 50 bis 80 Zentimeter unter dem Richtwert der ersten Alarmstufe lagen.

Doch das Hochwasser wird nach Angaben von Donnerstagmittag Brandenburg voraussichtlich später als erwartet erreichen. Das Landesumweltamt rechne erst Mitte kommender Woche mit dem Höchststand, hieß es in einer Mitteilung. Die Wasserstände in Ratzdorf, am Eintritt der Oder nach Brandenburg, befänden sich derzeit fast einen halben Meter unter dem Richtwert für die Alarmstufe 1. Mit der Alarmstufe 1 werde an diesem Wochenende gerechnet, mit dem Hochwasser-Scheitel rund drei Tage später. Vor allem durch die Flutung von Poldern auf der polnischen Seite und Überschwemmungen bei Opole verschiebe sich das Eintreffen der Hochwasserwelle leicht nach hinten.

Bislang war der Scheitelpunkt der Hochwasserwelle von den Behörden am Pfingstmontag in Ratzdorf erwartet worden, wo die Oder von Polen ins Bundesgebiet übertritt. Das Landesumweltamt empfahl Bauern und Schäfern, das an die Oder grenzende Vorland zu räumen. Möglicherweise werde es nötig, die vorgesehenen Flutungspolder im Nationalpark Unteres Odertal zu öffnen, um die Deiche zu entlasten, erklärte die Behörde.

Die Stadtverwaltung rief Anlieger hochwassergefährdeter Bereiche ebenfalls auf, rechtzeitig selbst Vorsorge zu treffen. Das gelte für Grundstücke und Gebäude, aber auch für parkende Autos. Es sollte alles vorbereitet werden, um gefährliche Stoffe wie Heizöl, Kraftstoffe, Gasbehälter oder Chemikalien aus den Gefahrenzonen auslagern zu können. Öltanks seien gegen Aufschwimmen zu sichern, hieß es. Außerdem sollte das Absperren von Versorgungsleitungen vorbereitet werden. Bei Gefahr müsse sofort die Feuerwehr verständigt werden. Zugleich wies die Behörde darauf hin, dass in der Region seit 1997 die Deiche und Hochwasserschutzanlagen für ein Rekordhochwasser ausgebaut worden seien. Eine solche Flut gebe es nach Prognosen aber nur einmal in 200 Jahren.

„Schlimmer als 1997 wird es mit großer Sicherheit nicht werden,“ sagte der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. Brandenburg sei gut vorbereitet. „Wir erwarten, dass die Deiche getestet werden, aber nicht ernsthaft in Gefahr geraten.“ Auch nach Einschätzung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Eberswalde (Barnim) ist die Region gut auf das Hochwasser vorbereitet. „Die Deiche sind nach der großen Oderflut von 1997 durch ein millionenschweres Programm des Landes Brandenburg verstärkt worden, so dass wir diesmal keine großen Schäden erwarten“, sagte der stellvertretende Amtsleiter Sebastian Dosch. „Die Deichkerne sind in den vergangenen Jahren mit Ton und Spundwänden verstärkt worden, so dass sie nicht mehr durchströmt werden können“, erläuterte Dosch. „Außerdem wurden die neuen Deiche flacher als früher gebaut. Somit kann das Hochwasser den Deichfuß nicht mehr beschädigen, sondern fließt über die Deichkrone ab.“

„Das Land hat seine Hausaufgaben gemacht“, betonte auch Umweltministerin Anita Tack (Linke). Das gegenwärtige Hochwasser zeige aber auch, wie wichtig es sei, den Flüssen ausreichend Raum zu geben. „Extreme Niederschläge dürfen nicht gleich zu extremen Situationen führen“, sagte die Ministerin.

Die weitere Entwicklung hänge zum einen von der noch ausstehenden Entscheidung des Breslauer Katastrophenstabs über die Öffnung polnischer Polder ab, sagte Freude. Zum anderen beeinflusse der Wasserstand großer Nebenflüsse wie dem Bober die Entwicklung der Oder. Die Katastrophenschutzstäbe der betroffenen Landkreise hätten bereits am Mittwoch getagt und Maßnahmenpläne erarbeitet. Alle Deichläufer und Bauleute seien informiert. Auch Landwirte, deren Tiere im Deichvorland weiden, seien gewarnt worden, sagte Freude.

Nach Angaben von Ministerin Tack ist die Zusammenarbeit mit den polnischen Behörden gut. „Alle drei Stunden werden Daten ausgetauscht“, sagte Tack am Mittwoch dem Sender radio Eins. „Wir wollen die Menschen in der Region ein bisschen beruhigen.“ Es sei aber ein Hochwasser der Alarmstufe 3 zu erwarten, und es werde anhalten.

Nach heftigen Regenfällen waren in den vergangenen Tagen in Mitteleuropa neben der Oder auch die Weichsel und andere Flüsse über die Ufer getreten. Besonders betroffen ist Polen, wo bislang sechs Todesopfer gemeldet wurden. Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

mit dpa

BMO