Verkehr

Pendlerzüge: Darum herrscht ab Nauen solch ein Chaos

Überfüllte Abteile, verspätete Züge: Zwischen Berlin und Nauen fehlen Wagen, Entlastungszüge fallen aus. Baustellen kommen hinzu.

Alltag für Pendler aus dem Nordwesten: Hektisches Ein- und Aussteigen in den Zügen aus Nauen.

Alltag für Pendler aus dem Nordwesten: Hektisches Ein- und Aussteigen in den Zügen aus Nauen.

Foto: Reto Klar

Nauen. Wer morgens mit der RB14 oder der RB10 aus Richtung Nauen nach Berlin hineinfährt, muss sich um eines keine Sorgen machen: dass er im Zug umfallen könnte. Dafür sorgt die schiere Masse an Fahrgästen in den Wagen.

In Falkensee kommen die Passagiere noch in den Zug, doch spätestens ab Albrechtshof wird es problematisch eng. In Spandau bleiben dann oft schon die ersten Fahrgäste draußen auf dem Bahnsteig zurück. Wegen des vielen Gedränges beim Ein- und Aussteigen verzögert sich die Fahrtzeit meistens auch noch. „Die Situation ist unerträglich und unzumutbar“, sagt ein Morgenpost-Leser, der das Chaos täglich ertragen muss.

Deutsche Bahn: Doppelstockwagen lassen bei RB14 und RB10 auf sich warten

Seit Monaten kämpfen Pendler mit den schlechten Bedingungen auf der Strecke zwischen Berlin und Nauen. Gegen die überfüllten Züge sollten eigentlich neue Doppelstockwagen helfen. Schon seit April 2019 sollten die 21 Waggons ursprünglich in Betrieb sein. Doch darauf warten die Kunden bis heute – und die Bahn selbst auch. Vorhanden sind die Züge.

Damit sie auch durch den Berliner Nord-Süd-Tunnel fahren dürfen, brauchen die Doppelstockwagen jedoch eine bestimmte Sicherheitstechnik, die sogenannte Notbremsüberbrückung. Deren Genehmigung habe die Deutsche Bahn bis heute nicht vom Eisenbahnbundesamt erhalten, teilte ein Bahn-Sprecher auf Anfrage mit.

Die Bahn kann nicht die Kapazitäten liefern, die mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg vereinbart sind. In den vergangenen zwei Wochen konnte die Bahn auf der RB14 nicht einmal zwei Drittel der planmäßig 467 Plätze anbieten. Auch auf der RB10 fehlte zuletzt mehr als jeder zehnte Platz, teilte das Unternehmen mit. Erst ab dem 3. Februar rechne man damit, endlich die neuen Doppelstockwagen einsetzen zu können.

RB14 wird einen Monat lang ab Charlottenburg eingestellt

Für Entlastung sollen auch die von der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft (Odeg) betrieben Verstärkerzüge der Linie RE2 sorgen. Doch auch auf die warten Fahrgäste aktuell vergeblich. „Die Verstärkerzüge von Nauen entfallen bis zum 10. Februar“, sagte eine Odeg-Sprecherin auf Anfrage. Grund seien die laufenden Bauarbeiten auf der Strecke. „Es ist einfach kein Platz für mehr Züge als den Regelverkehr auf der Schiene.“

Kritischer als ohnehin schon wird die Situation in den kommenden Wochen werden. Dann stehen auf der Strecke weitere Arbeiten an den Schienen an. Schon an diesem Mittwoch verkehrt die RB10 zwischen Nauen und Brieselang ab dem Vormittag bis zum Nachmittag lediglich als Schienenersatzverkehr mit Bussen. Ab Donnerstag gilt diese Sperrung für die Linien RB10 und RB14 dann zwei Wochen lang durchgängig bis zum 13. Februar.

Deutsche Bahn hat bislang keinen Ersatzverkehr angekündigt

Für die Mehrheit der Fahrgäste wird das Pendeln allerdings erst im Anschluss daran haarig. Dann nämlich, wenn zwischen Berlin und Falkensee nacheinander die Schienen in beide Richtungen ausgewechselt werden. Wegen der Arbeiten wird der Betrieb der Linie RB14 zwischen Nauen und Charlottenburg einen Monat lang vom 18. Februar bis zum 24. März ganz eingestellt.

Einen Ersatzverkehr hat die Deutsche Bahn dafür bislang nicht angekündigt. Für den gleichen Zeitraum wird auch die Linie RE6 umgeleitet. Die Halte in Falkensee, Spandau und Jungfernheide entfallen in dieser Periode. Anstelle dessen verkehrt zwischen Hennigsdorf und Spandau ein Schienenersatzverkehr mit Bussen.

Täglich 21.000 Pendler zwischen Havelland und Berlin

Die Gegend im Nordwesten Berlins ist eine der wichtigsten Pendlerverbindungen der Hauptstadt. Allein aus dem stark wachsenden Falkensee fahren täglich 9500 Menschen zur Arbeit nach Berlin. Aus dem gesamten Havelland sind es 21.000 jeden Tag. Viele davon mit der Bahn – eigentlich. Bei den aktuellen Problemen dürfte dem einen oder anderen die Lust darauf vergehen.

Die Strecke ist eine der höchstbelasteten in Deutschland, sagt Jens Wieseke, stellvertretender Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbands Igeb. Um so wichtiger wäre der Ausbau alternativer Linien, erklärt der Fahrgastvertreter. „Es rächt sich bitterlich, dass die S-Bahn nach Falkensee noch nicht ausgebaut worden ist. Dann wäre die Situation deutlich entspannter.“

Deren Ausbau ist Teil der Planungen des Infrastrukturprojekts „i2030“, mit dem das Berliner Umland besser an das Zentrum angebunden werden soll. Mittlerweile haben sich die Beteiligten auf eine Untersuchungsvariante für die Strecke nach Nauen geeinigt. Angedacht ist ein kombinierter Ausbau von Regionalverkehr und S-Bahn.

Damit soll „eine Planungsbeschleunigung um 30 Monate für diesen Korridor erreicht werden“, wie es in einem Bericht des Hauptausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses heißt. Entlastung soll es für Pendler aus dem Havelland planmäßig bereits vor einem Ausbau der Strecke geben. Ab Dezember 2022 ist die Einführung einer vierten ganztägigen Linie zwischen Berlin und Nauen geplant.