Nach Absage in Werder

Zu viel Gelage, zu wenig gute Ideen beim Baumblütenfest

Nach der Absage des Baumblütenfests wird in Werder über eine Veranstaltung mit weniger Rummel diskutiert.

70 Vereine haben sich in diesem Jahr an dem Festumzug zum Baumblütenfest im Werder beteiligt. ​

70 Vereine haben sich in diesem Jahr an dem Festumzug zum Baumblütenfest im Werder beteiligt. ​

Foto: Foto: Julian Stähle / ZB

Werder. „Die Verwaltung hat einen riesigen Keil in unsere Stadt getrieben.“ So kommentiert Obstbauer Michael Schultz die Entscheidung aus dem Rathaus, das Baumblütenfest, das erstmals 1879 begangen wurde, für die nächsten zwei Jahre abzusagen. In der Stadt seien die Meinungen geteilt. „Ich werde diese Absage nicht akzeptieren, sondern mich wehren“, kündigt der 48-Jährige an.

Am Donnerstag, wenn die Stadtverordneten tagen, will sich Schultz in der Bürgerfragestunde Gehör verschaffen. Auch eine Demonstration vorm Rathaus schließt er nicht aus. Der Obstbauer mit einem Hof in Glindow steht nicht allein: „Die Kollegen haben bereits Wein fürs nächste Jahr angesetzt, die Keller sind voll.“ Die Einnahmen beim Baumblütenfest seien für vor allem für kleinere Anbieter ein wichtiges finanzielles Standbein. Auch als Ausgleich, wenn bedingt durch eine ungünstige Witterung eine Ernte einmal nicht so gut ausfalle. „Etliche haben in den vergangenen Jahren erheblich in neue Technik investiert, um die Qualität des Weins zu steigern.“

Grund für das vorläufige Aus des Festes: Nachdem der Vertrag mit der Berliner Wohlthat Entertainment GmbH ausgelaufen sei, konnte laut Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) kein Veranstalter mit einem passenden Konzept gefunden werden. Mit einer deutschlandweiten Ausschreibung hatte die Stadt nach einem Partner gesucht, der mit neuem Konzept dem Fest eine andere Ausrichtung geben sollte. „Zurück zu den Wurzeln, zu einem Volksfest, das sich auf den Umzug und das Geschehen in Gärten und Obstplantagen konzentriert“, konkretisiert der Erste Beigeordnete Christian Große (CDU), „und zu mehr Nachhaltigkeit“.

Hintergrund: Baumblütenfest abgesagt: Obstbauern wollen protestieren

Baumblütenfest in Werder (Havel): „Viele Anwohner identifizieren sich mit dem Fest“

Obstbauer Schultz kritisiert: „Statt miteinander zu reden, wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt, haben erst aus den Medien von der Absage erfahren. So verhält man sich nicht gegenüber seinen Partnern.“ Anwohner, Touristiker, Landwirte, Dienstleister und Obstbetriebe hätten schon vor Jahren an einen Tisch geholt werden müssen. Nun hat Schultz selbst zur Diskussion auf seinen Hof geladen, will mit Betroffenen ein Zehn-Punkte-Programm zum weiteren Vorgehen erarbeiten und der Bürgermeisterin vorlegen.

Pausenlos klingele sein Telefon, sagt Schultz: „Weil zur Baumblüte regelmäßig sämtliche Betten in Werder ausgebucht waren, haben Pensionen, Hotels und Gastronomen in der gesamten Region profitiert. Jetzt fürchten sie um diese Einnahmequelle.“ Klagen kämen zudem von Fleischern und Bäckern aus der Region, die mit ihren Produkten auf dem Fest vertreten waren. Auch Anwohner zeigten sich bestürzt. „Viele identifizieren sich mit dem Fest“, sagt Schultz und verweist auf den vierstündigen Festumzug in diesem Jahr. „70 Vereine haben sich daran beteiligt.“

Gelassener zeigt sich der Werderaner Obst- und Gartenbauverein. „Sicher ist das Fest eine große Einnahmequelle, aber der Ausfall ist für unsere Mitglieder keine existenzielle Frage“, sagt der Vorsitzende Reinhard Schmidt. Um den Verlust zu kompensieren, müssten die Obstbauern auf einen stärkeren Absatz bei Discountern und in der Gastronomie setzen. Im Verein wolle man über eine Festalternative für die nächsten zwei Jahre nachdenken. Vielleicht gebe es Möglichkeiten, den Panoramaweg zu nutzen, Höfe und Gärten für Besucher zu öffnen. „Wir wollen jedenfalls weg vom Rummel der vergangenen Jahre.“ An Protestkundgebungen werde sich der Verein nicht beteiligen.

In diesem Jahr registrierte die Polizei 107 Körperverletzungen beim Baumblütenfest

Über Alternativfeiern denkt auch der Karnevalsverein „Freunde des Frohnsinns“ nach. Dessen Chef Christian Zube lud auf Facebook bereits zu einem kleinen Festumzug ein unter dem Motto „140 Jahre sind uns nicht genug“ – und erntete schon reichlich positives Feedback. Unaufgeregt gibt sich auch die Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH. Die Absage sei bedauerlich, man erwarte aber keine negativen Folgen, so Sprecher Patrick Kastner.

Bisher, so der Erste Beigeordnete Christian Große, seien die Sicherheitsauflagen für jeden Veranstalter eine Herausforderung gewesen. Zuletzt hätten pro Festtag bis zu 100 Betonpoller bewegt werden müssen. Dazu kommt das Image des Festes. Vom größten Besäufnis Ostdeutschlands sei zu lesen gewesen. Müll, Schlägereien, Betrunkene, die in Gärten und Hauseingänge urinierten, sowie alkoholisierte Minderjährige trübten die Feierlaune. Beim Fest im Mai zählten Bundes- und Landespolizei 488 Straftaten, ein Drittel davon Gewalttaten. Die Brandenburger Polizei registrierte 107 Körperverletzungen, 40 mehr als 2018. „In diesem Jahr hatten wir es verstärkt mit Jugendlichen zu tun, die schon im Zug massiv dem Alkohol zusprachen“, so Große. Nicht wenige Händler hätten angekündigt, sich deshalb künftig nicht mehr zu beteiligen.

Bei einer Einwohnerversammlung am 27. November will die Stadt über die Erfahrungen berichten. Im Frühjahr könnte eine Einwohnerbefragung stattfinden, schlägt Bürgermeisterin Saß vor. In Workshops sollten Festvarianten entwickelt, anschließend erneut die Einwohner einbezogen werden, bevor die Stadtverordneten entscheiden. Mit einer Neuausschreibung rechnet die Stadt im Sommer 2021.

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