Highlight im Frühling

Baumblütenfest in Werder: Wo ist die Tradition geblieben?

In Werder wird wieder das Baumblütenfest gefeiert. Obstwein gehört dazu. Lärm auch. Das gefällt nicht allen.

Zwischen Gärten und Höfen warten auch Karussells und ein Riesenrad auf die Besucher des Baumblütenfests in Werder.

Zwischen Gärten und Höfen warten auch Karussells und ein Riesenrad auf die Besucher des Baumblütenfests in Werder.

Foto: Julian Stähle

Werder (Havel).  „Heute ist Familientag“, sagt Peter Klose, der am frühen Sonntagnachmittag in der Regionalbahn von Berlin nach Werder (Havel) sitzt. „Sie hätten gestern mal fahren sollen – nur Betrunkene, Rumgegröle, Dreck, ständig besetzte Toiletten und Vandalismus.“ Seiner Ansicht nach geht es beim Baumblütenfest in Werder nur ums Alkoholtrinken. Von Tradition könne keine Rede mehr sein, bedauert er.

Das Baumblütenfest findet in diesem Jahr bereits zum 140. Mal statt, für viele der Besucher ist es ein Highlight im Frühling. Unter den Augen von Bundespolizisten leert sich am Bahnhof Werder der Zug. Von hier aus geht es immer mit der Masse zur Innenstadt. Auf dem Weg wird bereits an mehr als einem Dutzend Ständen Obstwein verkauft. Es scheinen Einheitspreise zu herrschen: Der Becher, 0,2 Liter, kostet 1,50 Euro, die ganze Flasche sechs Euro. Immer wieder scheren einzelne Festbesucher aus dem Tross von mehreren Hunderten aus, um sich einen ersten Schluck zu genehmigen.

Die Bilanz der Brandenburger Polizei beim Baumblütenfest

  • Die Polizei registrierte bis Mittwochabend 163 Straftaten, darunter 52 Körperverletzungen und 43 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.

  • Es gab 219 Platzverweise, 34 Personen wurden in Gewahrsam genommen worden.

  • Insgesamt bewertete die Polizei die Stimmung als "friedlich".

Die Einsatzbilanz der Bundespolizei beim Baumblütenfest am Wochenende

  • 800 Beamte der Bundespolizei in Werder (Havel) waren am ersten Wochenende des Baumblütenfests im Einsatz.
  • 33.000 Gäste reisten mit der Bahn an.
  • Sonnabendabend musste der Bahnhof Werder (Havel) wegen Überfüllung mehrfach kurzzeitig geschlossen werden. Diese Absperrmaßnahmen waren laut Bundespolizei notwendig, um die Sicherheit der Reisenden am Bahnsteig zu gewährleisten und um zu verhindern, dass Personen in den Gleisbereich stürzen oder gedrängt werden.
  • Die Bundespolizei leitete 41 Ermittlungsverfahren ein, vor allem wegen Beleidigungs- und Körperverletzungsdelikten sowie wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.
  • Die Beamten sprachen vor Ort knapp 500 Platzverweise aus.
  • "Grundsätzlich war das Einsatzgeschehen friedlich", teilte die Bundespolizei mit.

Alle Informationen: 140. Baumblütenfest in Werder: Das erwartet die Besucher

Baumblütenfest in Werder: 70 Künstler auf sechs Bühnen

Traditionell öffnen Obstbauern vor allem am Stadtrand ihre Wiesen. Hier und auf der Bismarckhöhe, einem Hügel nahe der Innenstadt, geht es deutlich ruhiger zu. In der Stadt selbst sind hingegen Tausende Menschen unterwegs. Auf insgesamt sechs Bühnen sorgen 70 Künstler bis zum Ende des Fests am 5. Mai für Stimmung. Beidseits der Brücke über die Havel zur Altstadt auf der Stadtinsel locken zahlreiche Fahrgeschäfte auch Familien mit Kindern an.

„Hier lässt es sich schön schlendern“, sagt Lars Mencke, während er gerade versucht, seine 18 Monate alte Tochter Lia in ein Kinderkarussell zu setzen, doch an ihrem Widerstand scheitert. Die Familie ist zum ersten Mal auf dem Baumblütenfest. Sein Fazit: „Es gefällt uns eigentlich ganz gut, und alles ist noch im Rahmen.“

Auf dem Baumblütenfest herrscht Glasflaschenverbot

Insgesamt 400 Händler verkaufen ihre Waren auf dem Fest. Neben Bratwurst, Kleidung und Kunsthandwerk gibt es vor allem den süßen Obstwein, der zumeist aus Beeren, Kirschen oder Holunderblüten hergestellt wird. Wegen des Glasverbots wird er nur in Plastikflaschen oder -bechern verkauft. Wieviel verkauft wird, können die meisten Verkäufer am zweiten Tag nach Beginn des Baumblütenfests noch nicht abschätzen. „Ich habe das Gefühl, dass es ein bisschen weniger ist als im vergangenen Jahr“, sagt Verkäuferin Andrea.

Insgesamt laufe es sehr gut, meint hingegen Vreni, die ein paar Stände weiter ausschenkt. „Es ist absolut wetterabhängig – wenn es zu warm ist, trinken die Leute nicht, wenn es zu kalt ist, auch nicht.“ Die 15 Grad an diesem Nachmittag seien genau richtig.

Der Name des Fests kommt nicht von ungefähr. In Werders hübscher Altstadt zieren beinahe überall rosafarbene Blüten an den Baumkronen das Straßenbild. „Die Blüten blühen – neue Früchte, neuer Wein“, sagt die 18-jährige Svenika und lächelt. Vor ihr und ihren Freunden stehen gleich mehrere Flaschen Obstwein auf dem Tisch. „Zwei trink ich am Tag“, erklärt der 20-jährige Markus und erntet von seiner Clique Zustimmung. Das gehöre dazu und mache außerdem einfach Spaß.

Anwohner zum Baumblütenfest: "Es ist ein Graus"

Viele Einwohner von Werder sehen das jedoch anders. „Es ist ein Graus“, sagt Carlo Kapelle. Er steht vor seinem Haus an der Eisenbahnstraße kurz hinter dem Eingang zum Fest. Ein provisorisch aufgestellter Bauzaun trennt ihn von den Festbesuchern. Der sei aufgestellt worden, weil sich Betrunkene in den Vorjahren ständig im Hausflur entledigt hätten. „Wir wohnen seit elf Jahren hier und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.“

Ähnlich sieht es auch seine Nachbarin Rita Leistikow. „Es ist einfach zu wuchtig.“ Sie störe vor allem der Lärm. „Die Fenster vibrieren, fernsehen oder schlafen ohne Gehörschutz geht nicht.“ Eine Kritik, die Werders Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) nicht unbekannt zu sein scheint. Sie hat während des Fests ihren Arbeitsplatz vom Rathaus in die Feuerwehrwache verlegt, von wo aus sie die Einsätze der Rettungs- und Sicherheitskräfte koordiniert.

„Unser Dankeschön gilt den Anwohnern, denn die müssen schon eine ordentliche Portion Geduld aufweisen“, räumt sie ein. Insgesamt zieht sie aber nach dem Eröffnungstag eine positive Bilanz. In den folgenden Jahren wolle die Stadt insbesondere das Kinderprogramm stärker ausbauen. „Der Obstwein gehört aber zur Baumblüte wie die Maß zum Oktoberfest.“