Die Sau ist los

Wildschwein-Rotte jagt durch Kleinmachnow

Auf Twitter postete ein Nutzer ein Video, in dem eine Wildschwein-Rotte mitten durch ein Kleinmachnower Wohngebiet jagt.

In die Wohngebiete eingewanderte Wildschweine stellen mittlerweile in vielen Gemeinden ein Problem dar, besonders im brandenburgischen Kleinmachnow (Archivbild).

In die Wohngebiete eingewanderte Wildschweine stellen mittlerweile in vielen Gemeinden ein Problem dar, besonders im brandenburgischen Kleinmachnow (Archivbild).

Foto: Paul Zinken / dpa

Kleinmachnow. Seit Jahren vermehren sie sich rasend und breiten sich zunehmend in den Stadtrandlagen aus: Wildschweine, die Grünflächen zerstören und den Müll durchwühlen, sind in einigen Gegenden zu einer regelrechten Plage geworden. Am Sonntag raste eine besonders freche Rotte durch Kleinmachnow südwestlich von Berlin und verschreckte die Anwohner. Rund 25 Tiere rannten am Morgen durch den Ort und ließen sich nicht vom Verkehr beeinträchtigen, wie der Handyfilm eines Autofahrers dokumentiert, der auf sozialen Medien am Montag kursierte. Seit Dienstag ist das Video bei Twitter jedoch nicht mehr uneingeschränkt verfügbar, weil der Nutzer seine Privatsphäreeinstellungen geändert hat. Beim RBB kann es im Rahmen eines Beitrags noch angesehen werden.

Am Mittwoch veröffentlichte der RBB zudem ein Handy-Video, das unmittelbar nach der ersten Aufnahme entstanden sein soll. Es zeigt, wie die Rotte zunächst auf einem schmalen Weg Halt macht, bevor die Tiere dann mit hohem Tempo in einem Wald verschwindet.

Die Tiere haben sich in Kleinmachnow und im benachbarten Stahnsdorf längst zu einer Plage entwickelt. „Sobald es dunkel wird, suhlen sich des Öfteren bis zu 20 Wildschweine auf dem Dorfplatz in Stahnsdorf und fühlen sich sauwohl“, berichtete eine Anwohnerin zuletzt bei einer Veranstaltung im Bürgersaal des Rathauses Kleinmachnow. Immer wieder lassen sich die Tiere in Wohngebieten sehen und verwüsten Gärten und Sportplätze. Aus Angst vor dem Schwarzwild würden Eltern ihre Kinder sogar mit dem Auto zur Schule bringen, sagte unlängst der Stahnsdorfer SPD-Ortschef Heinrich Plückelmann.

90.000 Schwarzkittel 2018 abgeschossen

Der Grund für die Zunahme der immer dreister werdenden Wildschweine liegt in den milden Wintern der vergangenen Jahre und dem Maisanbau. Durch die warmen Temperaturen überleben immer mehr Frischlinge den Winter, die Tiere finden zudem wegen des fehlenden Schnees das ganze Jahr über ausreichend Nahrung. Wie viele Tiere genau in Brandenburg und den Stadtrandlagen Berlins derzeit leben, ist unbekannt. Aber anhand der Jagdstrecke lässt sich erkennen, dass es immer mehr werden. Die Abschussprämie für Jäger ist 2018 auf 50 Euro je tier erhöht worden. Fast 90.000 Wildschweine wurden in der zurückliegenden Jagdsaison abgeschossen. Das ist ein Rekordwert, wie Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) bei der Vorstellung der Zahlen sagte: „Das gab es in Brandenburg noch nie, bereits jedes zweite erlegte Stück Schalenwild zählt zu den Schwarzkitteln.“ Zum Schalenwild zählen neben Wildschweinen noch Hirsche oder Rehe.

Brandenburg hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der Wildschweine drastisch zu reduzieren – nicht nur, damit sie nicht weiter in die Städte drängen, sondern auch aus Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest. Sie breitet sich seit Jahren von Osteuropa aus in Richtung Westen aus. Die Krankheit ist zwar für Menschen ungefährlich, aber ein Ausbruch hätte dramatische Folgen für die Landwirtschaft. Der Export von Schweinefleisch käme zum Erliegen, für viele Schweinemastbetriebe würde das das Aus bedeuten. In Estland, wo die Pest ausgebrochen ist, sind von ursprünglich 900 Mastbetrieben nur 140 übrig geblieben. Bislang ist in Deutschland zwar noch kein Fall der Schweinepest aufgetreten, aber Experten gehen davon aus, dass ein erster Fall jederzeit ausbrechen kann.

In Kleinmachnow, Stahnsdorf und Umgebung wird die Eindämmung der Wildschweinplage allerdings von vermeintlichen Tierschützern erschwert. Sie sägen Hochstände der Jäger an, um das Jagen zu behindern, und reißen Löcher in Zäune, damit sich die Tiere frei bewegen können, beklagt die Bürgerinitiative Pro Kleinmachnow. Genau das wäre aber nötig, um das weitere Ausbreiten der Tiere zu verhindern, rät der Wildschweinexperte der Freien Universität Berlin und passionierte Jäger Dieter Pfannenstiel: Grundstücke einzäunen und alles Verwertbare für die Tiere unzugänglich aufbewahren. Die Bürgerinitiative Pro Kleinmachnow setzt sich deshalb dafür ein, dass das Einzäunen ihrer Vorgärten nicht mehr verboten wird.

Mehr zum Thema:

Wildschwein Borstel ist sogar bei der Firmung dabei

Ursache für Wildtiere in der Stadt ist auch der Mensch