Sensationsfund

Deutschlands "ältestes" Baby in Brandenburg entdeckt

Archäologen präsentierten einen sensationellen Ausgrabungsfund: Ein vor 8400 Jahren gestorbenes Baby liegt in der Uckermark begraben.

Damit die Babyleiche bei der Bergung nicht beschädigt wird, wurde ein Holzkiste darum gebaut. Darin liegt der Fund noch heute

Damit die Babyleiche bei der Bergung nicht beschädigt wird, wurde ein Holzkiste darum gebaut. Darin liegt der Fund noch heute

Foto: Bernd Settnik / dpa

Ein kleiner Kopf, zierliche Knochen. Eingebettet in rote Erde. Die Händchen liegen auf der Brust. Was die Archäologen in etwa 60 Zentimeter Tiefe unter einer Holzsitzgruppe südlich von Groß Fredenwalde in der Uckermark entdeckt hatten, übertraf ihre Erwartungen bei Weitem. „Wir wissen inzwischen: Es handelt sich um das älteste Baby Deutschlands“, sagte der Prähistoriker Thomas Terberger vom niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege am Donnerstag in Berlin bei der Präsentation des sensationellen Fundes. „Das Kleinkind dürfte vor 8400 Jahren gestorben sein.“

Das würdevolle Grab zeigt nach Ansicht des Steinzeit-Experten: „Das Baby war nach dem Tode den Angehörigen etwas wert.“ Der Professor hatte die Ausgrabung im Nachbarland Brandenburg 2012 initiiert. Schon 1962 waren auf dem einhundert Meter hohen Weinberg in der Uckermark bei Bauarbeiten für einen Signalmast Überreste einer etwa 8000 Jahre alten Bestattung entdeckt worden. Damals wurden die Skelette von sechs Menschen gefunden. „Es handelte sich um eine Notbergung innerhalb von nur zwei Tagen“, sagte Terberger, „da wollten wir noch mal nachgucken.“

Mit einem Team, zu dem auch die Anthropologin Bettina Jungklaus gehörte, begann der Historiker mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Suche nördlich von Berlin nach weiteren Gräbern. Der Erfolg blieb nicht aus: „Es ist uns gelungen, das älteste Gräberfeld Deutschlands aufzuspüren“, verkündete Terberger voller Freude und Stolz.

„Fund wird Wissen über die Mittelsteinzeit revolutionieren“

Einige Gräber stammen nach den Erkenntnissen der Forscher aus der Mittelsteinzeit um 6400 vor Christus. Die anderen aus dem Jahr 5000 vor Christus, dem Übergang der Mittelsteinzeit zur Jungsteinzeit. Der Experte ist sich sicher: „Dieser Fund wird das Wissen über die Mittelsteinzeit revolutionieren.“ Denn zur damaligen Zeit trafen die aus Südosteuropa eingewanderten Bauern auf Nomaden, die hier gelebt haben und sich vom Sammeln und Jagen ernährten. Anhand von DNA-Untersuchungen wollen die Forscher nun mehr über das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Gruppen herausfinden. Zum Beispiel, wie weit sie sich miteinander vermischt haben.

„Ich habe immer davon geträumt, eine solche mittelsteinzeitliche Bestattung zu untersuchen“, sagte der Prähistoriker. In der Regel seien nur die Steingeräte aus der Mittelsteinzeit erhalten, nur sehr selten würden Gräber aus dieser Epoche entdeckt.

Fund zeigt außergewöhnliche Bestattungsriten

Zutage kamen bei Groß Fredenwalde außergewöhnliche Bestattungsriten. „So wurde ein junger Mann offenbar stehend bestattet“, so Terberger. Der Fund ist den Angaben zufolge etwa 7000 Jahre alt und einzigartig in Mitteleuropa. Neben seinem Schädel fand man ein großes Feuersteinmesser, das dem Verstorbenen auf die Reise ins Jenseits mitgegeben wurde. Was die Forscher auch herausfanden: Das Grab blieb eine Weile offen. Erst als der Oberkörper zusammengefallen war, versiegelte man die Stelle mit Erde und entzündete darauf ein Feuer.

In der Nähe des Mannes fanden sich weitere menschliche Überreste. „Insgesamt haben wir bislang neun Tote freigelegt“, sagte Brandenburgs Landesarchäologe Franz Schopper.

Die Babyleiche haben die Forscher im Juli 2014 entdeckt. Thomas Schenk, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, barg das Grab mit seinen Studenten im Oktober dann in einem Block. Damit es nicht beschädigt wird, wurde ein Holzkiste darum gebaut. „Einige Knochenteile konnten bereits untersucht werden“, erläuterte Anthropologin Bettina Jungklaus. „Danach handelt es sich um ein wenige Monate altes Kind.“

Noch ist unbekannt, ob Mädchen oder Junge

Die Isotopenuntersuchung habe ergeben: Das Kind wurde nicht ausreichend gestillt und starb vermutlich an Unterernährung. „Ob es ein Jungen oder ein Mädchen war, wissen wir noch nicht“, so Jungklaus. DNA-Untersuchungen zur Bestimmung des Geschlechts des Kindes seien geplant. Einen Namen hat das Baby noch nicht. Dokumentiert ist es als „Befund 8/Groß Fredenwalde“.

Die menschlichen Skelettteile in den Gräbern sind nach Aussage der Anthropologin so gut erhalten, dass es unter anderem möglich sein werde, die Ernährungsweise und das Erbgut – also die DNA – der letzten Sammler und Jäger Brandenburgs zu entschlüsseln.

„Die wussten schon vor 8000 Jahren, wie schön die Uckermark ist“, witzelte Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst (SPD). Sie würdigte den Fund als beeindruckendes Zeugnis der Frühgeschichte. „Die Ausgrabungen von Deutschlands ältestem Gräberfeld bei Groß Fredenwalde sind ein Schatz – nicht nur für Archäologen, sondern für die gesamte Forschung“, so die Ministerin. Die Entdeckung unterstreiche, dass es im Land Brandenburg bedeutsame Spuren der Vor- und Frühgeschichte gibt. Landesweit seien mehr als 30.000 archäologische Fundplätze und über 10.000 Bodendenkmale registriert. „Der Fund und die Auswertung sind das Ergebnis einer exzellenten Zusammenarbeit von wissenschaftlichen Partnern aus Niedersachsen, Berlin und Brandenburg“, unterstrich Kunst.

Archäologen wollen in Groß Fredenwalde weitergraben

Die Forscher vermuten weitere Bestattungen in dem uckermärkischen Weinberg. Sie planen einen neuen Forschungsantrag für das Projekt von internationaler Bedeutung. „Wir brauchen 300.000 Euro“, betonte Initiator Terberger. Einige der Funde – auch das tote Baby – sollen später im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel ausgestellt werden, wie Landesarchäologe Franz Schopper ankündigte. Noch ungeklärt ist, ob das Baby weiter freigelegt wird. „Es muss abgewogen werden, ob es in dem jetzigen Zustand bleiben soll“, sagte Schopper. Derzeit liegt das Kind in der mit Sand und Steinen gefüllten schlichten Holzkiste.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.