Berliner Sommernächte sind kurz. Viereinhalb bis fünf Stunden dauert die Dunkelheit nur an, bis der Tag wieder beginnt. Die Filmcrew der zweiten Hälfte des finalen Teils „Die Tribute von Panem“ hatte also ziemlichen Zeitdruck. Zwölf Tage dauerte der Außendreh auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof.
Ein martialischer Bau, der zu den brutalen Kampfszenen des Films gut passt. Dunkel, verraucht, bedrohlich: Plötzlich rast wieder ein Zug durch den still gelegten Tunnel, Pfeile fliegen durch die Luft, Explosionen, berstender Beton. Alles nur Fake, natürlich. Bis ins Detail inszeniert für die Darsteller.
Darunter Jennifer Lawrence, die eine der tragenden Rollen in der Buchverfilmung spielt. Die erfolgreiche 25-Jährige verkörpert dort Katniss Everdeen. Das Gesicht der Rebellion in der US-Romantrilogie von der Schriftstellerin Suzanne Collins.
Ganz kurz gefasst, geht es darin um sozial unterdrückte Gesellschaften, die gegen eine repressive Herrschaft in ihrem Land ankämpfen müssen. Dystopie als Grundthema in einer nicht näher bestimmten Zukunft irgendwo in Amerika nach Zerstörung, auch durch Naturkatastrophen.
Im Kraftwerk wurde drei Tage gearbeitet
Da nicht näher definiert, ist es natürlich ein Leichtes, solch futuristisch angelegte Filme in fremden Städten zu drehen. Anders als in dem deutschen Film von Jan-Ole Gerster „Oh Boy“, in dem typische Berlin-Bilder das Grundgefühl der Handlung bestimmen sollten. Schon für den ersten Teil wurden für die „Tribute von Panem“ Schauplätze in der Hauptstadt gewählt.
Diesmal fiel die Wahl der Scouts, die europaweit auf die Suche gingen, neben Paris und Atlanta erneut auf Berlin. Das symmetrische Flughafengebäude in der Totalen, das Untergeschoss des ICC mit seinen markanten orangefarbenen Fliesen oder das alte Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße. Wer diese Orte kennt, dem werden sie auf der Leinwand sofort ins Auge springen.
Im Kraftwerk wurde insgesamt drei Tage gearbeitet. Zum dritten Mal dient das Gebäude als Filmkulisse. Für die neueste Produktion wurde der siebte Stock, die so genannte Laterne, 26 Meter über dem Boden, genutzt. Anfang des 20. Jahrhunderts war hier die Umhüllung des Kühltanks. Mittlerweile dreht man hier eben Filme. Spannend findet das Kraftwerk-Team das. Aber die Pächter sind ohnehin verliebt in das Gebäude. Während der Arbeiten hätten die Stars übrigens keinerlei Allüren gezeigt, sondern sich lieber von ihnen eine Zigarette im Hof drehen lassen.
Die Bauten lassen Raum zum Experimentieren
Aber zurück zu den Bauten, die allesamt architektonisch ziemlich interessant sind. Und zwar nicht nur durch ihre historische Aussagekraft, sondern auch deshalb, weil sie viel Raum zum Experimentieren lassen. Kein Wunder, dass es neben diesem bereits seit einigen Jahren immer wieder internationale Filme gab, die in der Hauptstadt gedreht wurden. Man muss nur an „Die Bourne Verschwörung“ oder „Unknown Identity“ denken. In der Regel werden die Produktionen mit einem großen Batzen Geld gefördert – diesmal flossen laut Eike Wolf, Sprecher vom Studio Babelsberg, rund vier Millionen Euro. Momentan wird die US-Erfolgsserie „Homeland“ gedreht, die mit einer Millionen Euro unterstützt wird.
Das ist viel Geld. Aber natürlich fließt während der Produktionen auch wieder viel Geld zurück. Außerdem werden vor Ort einige Hundert Arbeitsplätze geschaffen – bei der „Tribute von Panem“-Produktion waren es rund 500 – und Berlin wird als Stadt wieder in einen internationalen Kontext gesetzt. Werbung im Film sozusagen.
Manchmal aber lässt einen der Eindruck dennoch nicht los, dass es den Filmemachern lediglich um die günstigen Bedingungen geht. Denn nicht selten dient die Berliner Kulisse nur als Staffage, die so verfremdet wird, dass das Stadtbild gar nicht mehr wiederzuerkennen ist. So wurde bei dem Film „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan der Gendarmenmarkt in Mitte kurzerhand zu London im 19. Jahrhundert. Keine Spur mehr von Berlin.
Der „Tribute von Panem“-Regisseur Francis Lawrence aber betont am Dienstag, dass Berlin tatsächlich vor allem ästhetisch überzeugt habe. „Die Stadt hat eine einzigartige Monumentalität in ihrer Architektur – interessant ist auch, dass es nicht nur die klassischen Bauten, sondern daneben auch zeitgenössische gibt.“ Von Anfang an sei ihm klar gewesen, dass dieser Ort ein passender sein könnte für den Film. Er erinnert sich dabei an frühere Zeiten, als der Flughafen noch in Betrieb war und er von dort geflogen ist.
Der Tempelhofer Flughafen aus der Vogelperspektive
Jeder, der das selbst noch konnte, weiß, wie beeindruckend das Gebäude aus der Luft aussieht. Im Film kann man nun mal wieder einen Blick aus der Vogelperspektive darauf werfen.
Die Schauspielerin Julianne Moore erinnert sich auch noch an den Flugverkehr hier. Ihr Vater sei während ihrer Schulzeit in Frankfurt stationiert gewesen und oft nach Tempelhof geflogen. „Als wir dort gedreht haben, habe ich ihm Fotos geschickt.“ Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence konnte sich übrigens keinen einzigen Straßennamen merken. Aber das liege allein an ihr, sagte sie. „Ich habe hier Orte besucht, an denen es Schnitzel gab und Brezeln und ich war im Biergarten und im Tiergarten – ich habe die Drehzeit in Berlin wirklich sehr genossen.“ Aber das ist am Ende ja auch total egal. Immerhin fand Lawrence die gewählten Drehorte ganz fantastisch: „Einiges von der dunklen Architektur, die sich in der Stadt findet, passt perfekt zu dem Film.“ Wer sich selbst davon überzeugen will, kann auf insgesamt 802 Berlin-Szenen achten.


















