Der Streit um den Wiederaufbau der 1945 bei einem Bombenangriff ausgebrannten und 1968 gesprengten Potsdamer Garnisonkirche wird neu belebt. Die liefert der Historiker und Bauingenieur Andreas Kitschke auf 400 druckfrischen Seiten. Seit Jahrzehnten forscht der 60-Jährige zur Geschichte der von Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. errichteten Barockkirche. In seiner Freizeit. Seine Ergebnisse hat er jetzt beim be.bra-Verlag unter dem Titel „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ veröffentlicht. Finanziert wurde das Buchprojekt vor allem von der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche, in der Kitschke auch Mitglied ist.

Eine alte Aufnahme aus dem Nachlass seines Großvaters

Der Fachmann für Kirchen- und Orgelbauten interessiert sich schon seit seiner Jugend für den Sakralbau. Auslöser waren Plattenkamera-Aufnahmen der Kirche, auf die er im Nachlass seines Großvaters gestoßen war. „Die Politik hat diese Kirche von Anfang an instrumentalisiert“, sagt Kitschke. „Sie spiegelt die Höhen und Tiefen preußischer Geschichte wider.“ In der Garnisonkirche seien einst Soldaten für ihren Dienst gesegnet worden, 1933 gaben sich Hindenburg und Hitler die Hand. Wogegen er sich jedoch wehrt: „Dass die Garnisonkirche zum Sündenbock stilisiert wird.“ Nicht das Bauwerk, sondern die Menschen seien für ihr Handeln verantwortlich zu machen. „Wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass es keine einfachen Antworten gibt“, so sein Fazit.

Pfarrer der Garnisonkirche „nicht nazitreu“

Die Fakten will er sprechen lassen. „Die belegen, dass sich die Nikolai- und die Friedenskirche viel eher das Etikett einer braunen Kirche anheften lassen müssen.“ Nazitreu seien die Pfarrer der Garnisonkirche nicht gewesen, wie die Beschwerde des damaligen Superintendenten zeige. Keiner der Pfarrer der Garnisonkirche habe – anders als in der Dresdner Frauenkirche – den regimetreuen Deutschen Christen angehört. Kitschke will nicht nach simplen Interpretationen suchen. „Mir geht es um eine Versachlichung der Debatte zwischen Gegnern und Befürwortern des Wiederaufbaus.“ Zu letzteren bekennt er sich und macht daraus auch im Buch keinen Hehl.

Eine wieder errichtete Garnisonkirche mit einem evangelischen Versöhnungszentrum im neuen Innenraum ist für den Historiker der geeignete Ort, sich mit den Wechselfällen der Geschichte kritisch auseinanderzusetzen, zu verdeutlichen, was man aus der Geschichte gelernt habe. „Eine Fassade nach historischer Vorlage wird viel eher als ein moderner Bau Aufmerksamkeit erregen“, ist er überzeugt. Eine Streitschrift hat er trotz seines Plädoyers nicht vorgelegt. „Mir geht es um den wissenschaftlichen Anspruch.“ Der dürfte gerade Fachleute überzeugen. Akribisch hat Kitschke in Archiven geforscht, zahlreiche Sekundärquellen ausgewertet. 700 Fußnoten im Anhang belegen das. Die Sütterlinschrift, die ihn sein Großvater lehrte, habe sich als hilfreich erwiesen.

Der Vorgängerbau stand auf einer Sumpfader

Längst Verschüttetes hat er wieder ausgegraben. Wie die Akten aus dem Jahr 1721, die Auskunft über das Glockenspiel im Vorgängerbau der Garnisonkirche geben. „Als Vorbild dienten Glocken einer Kirche in Amsterdam“, sagt Kitschke über den Schatz, den er im Geheimen Staatsarchiv in Dahlem gehoben hat. Dem Vorgängerbau, 1722 fertiggestellt, war allerdings kein langes Leben beschieden. Beim Bau habe man eine Sumpfader getroffen, eine Wand sei kurz darauf abgesackt, berichtet Kitschke. Ein neuer Bau musste her. Das erste Glockenspiel wurde erneut verwendet – und um fünf Glocken ergänzt. Auch die sind längst Geschichte.

Das derzeit neben dem historischen Standort aufgestellte Glockenspiel soll ebenfalls bald der Vergangenheit angehören, kündigte Wieland Eschenburg vom Vorstand der Garnisonkirchenstiftung an. Das vor einigen Jahren auf Initiative von Bundeswehrsoldaten installierte Glockenspiel entspreche nicht den klanglichen Anforderungen. Ein neu gegossenes soll im geplanten Turm der Kirche läuten, dessen Rekonstruktion knapp 40 Millionen Euro kosten soll.

Hoffnung auf Geld von der Kirche

Rund 22 Millionen Euro an Finanzzusagen und Spenden sind bislang eingegangen. Nun erhofft sich die Baustiftung finanzielle Unterstützung von Seiten der Kirche. „Es laufen Gespräche mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“, sagt Eschenburg. Ein Darlehen oder eine Bürgschaft von fünf Millionen Euro schwebt ihm vor. „Das würde die Spendenbereitschaft potenzieller Investoren ankurbeln. Die Kirche steht zwar hinter unserem Vorhaben, hat sich aber monetär noch nicht beteiligt. Das irritiert manchen Geldgeber.“

Am Freitag, 18. Dezember, um 18 Uhr, stellt Andreas Kitschke sein Buch „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ in der Nagelkreuzkapelle, Breite Straße 7, in Potsdam vor.