Vinyl

Wenn die Musik wieder von der Platte kommt

Ulf Karge betreibt im brandenburgischen Kyritz ein Geschäft mit 14.000 Schallplatten. Vor allem aber missioniert er, denn die Liebe zum Vinyl ist seine Berufung.

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Sie ist schon oft totgesagt worden, aber es gibt sie immer noch: die Schallplatte. Zwar fristet die Scheibe aus schwarzem, manchmal auch buntem Vinyl ein Nischendasein, aber das mitunter an außergewöhnlichen Orten. Etwa im nicht gerade als Trendsetter-Ort bekannten Kyritz (Landkreis Ostprignitz-Ruppin). Dort betreibt Ulf Karge seit 20 Jahren mit "Kontor Records" einen von wenigen Plattenläden in Brandenburg.

Zwar ist Karge auch auf anderen Feldern aktiv: Der 43-Jährige betreibt noch einen Onlineplattenhandel, ist als DJ unterwegs, organisiert Veranstaltungen und verleiht Technik. Vor allem aber missioniert er, denn die Liebe zum Vinyl ist seine Berufung. "Ich muss das Gefühl haben, dass die Musik von der Platte kommt."

Wer seinen kleinen Laden in dem alten, schon ein wenig sanierungsbedürftigen Eckhaus an der Perleberger Straße betritt, steht im vergangenen Jahrhundert: Vinyl an den Wänden, Vinyl auf den Tischen, Plattenhüllen an der Decke, und am Tresen drehen sich zwei Plattenteller. Besucher, die ohne Umschweife geduzt werden, bekommen nicht nur einen Kaffee, sondern gleich noch einen Exkurs in die DJ-Geschichte und Tipps für den richtigen Plattenspieler. Einer seiner Stammkunden, ein Eisenbahner, schaut auf dem Weg zum Dienst in Neustadt/Dosse im Laden vorbei. Als er wieder geht, hat er einige Neuerwerbungen unterm Arm und weiß nun, worauf er beim Kauf des Plattenspielers achten muss.

Klassik und Jazz gehen eher schlecht

"Das ist ein echter Liebhaber", sagt der Ladenbesitzer. Das sind jene, für die eine Vinylplatte ein Sammlerobjekt ist, egal von welchem Künstler sie stammt. Da steht dann schon mal Bob Marley neben Andrea Berg im Plattenschrank. Dann gibt es noch die Enthusiasten, die alles sammeln, was von ihrer Lieblingsband kommt. Und jene Puristen, denen der Klang einer Schallplatte einfach nur besser gefällt. Klassik und Jazz gehen eher schlecht, vor allem Rock und Pop erleben eine Wiedergeburt. "Die Stückzahlen sind ziemlich hoch", sagt Karge.

Ihn freut es, denn gleichzeitig mit der Wiederentdeckung der Schallplatte durch den Normalkunden begann der Niedergang des DJ-Vinyls. Vom Verkauf an Profis hat Karge jahrelang gelebt. Am 8. August 1994 eröffnete der Hobby-DJ, der die Liebe zur Musik schon zu Ostzeiten entdeckte, einen Laden, damit er seine Techno- und House-Platten nicht immer in Berlin kaufen musste. "Ich wollte mich mit dem CD-Verkauf über Wasser halten. Das Vinyl war nur eine Nische", sagt der gelernte Elektriker. Doch die DJ-Kollegen sahen das anders, sie wurden seine Hauptkundschaft. Bis zu 1400 Schallplatten gingen in Spitzenzeiten pro Monat über den Tresen, bei nur 500 CDs.

14.000 Schallplatten hat Karge auf Lager, für den erhofften Boom ist er also gerüstet. Der soll bis nach Kyritz in den Nordwesten Brandenburgs kommen. Ein Umzug in die Großstadt ist für ihn keine Alternative. Da gäbe es sicherlich mehr Laufkundschaft, aber auch deutlich höhere Kosten und weniger Ruhe. "Ich gehe für mein Leben gerne feiern in Berlin", sagt der Kyritzer, der danach aber lieber wieder in die Provinz zurückkehrt. Auch für diesen Trend hat er ein gutes Gespür. Der Plattenliebhaber weiß von Gleichaltrigen, die ihren Lebensmittelpunkt nach Jahren in der Ferne wieder in ihre alte Heimat zurückverlegten. Und dort empfängt Ulf Karge sie dann mit dem Sound ihrer Jugend.

Schallplatten in Berlin

Doch natürlich werden auch in Berlin Liebhaber der Vinylschallplatte fündig. So zum Beispiel an der Schöneberger Bülowstraße bei "Mr. Dead & Mrs. Free" mit seinem gut sortierten Angebot vor allem für Hörer von Indie, Britpop, Rock, Rockabilly und Punk.

Ein eigenes Geschäft kann nicht schaden, um als Konzertveranstalter immer ein offenes Ohr in der Musikszene zu haben, dachte sich Thomas Spindler. Also eröffnete der Inhaber von "Trinity Musik" im vergangenen Jahr das "Dodo Beach" (Vorbergstraße in Schöneberg). Es hat sich ganz den verschiedenen Spielarten der harten Musik wie Metalcore oder Occult Rock verschrieben.

Das Geschäft von Harry Voss, dem "Vopo Records" (Prenzlauer Berg, Danziger Straße), ist bekannt für alles, was so richtig kracht und scheppert. Wer will, kann hier auch seine Plattensammlung gegen Bares los werden. In den 70er-Jahren gab es etliche "Musiclands" in Berlin. Übrig geblieben ist Ralf Jürgen Rachners Spandauer Filiale (Klosterstraße). "Eigentlich habe ich aus jedem Dorf einen Köter", sagt Rachner. Nur mit Klassik kann er nicht dienen.

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