Brandenburg

Szene spekuliert über Anschlag auf Rocker-Klubhaus

In Hennigsdorf ist das Vereinshaus des Rockerklubs „Lone’s MC“ komplett ausgebrannt. Auch vier Motorräder sind nur noch Schrott. War es ein Anschlag verfeindeter Gruppen?

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Stundenlang erleuchteten Flammen den Nachthimmel über einem unscheinbaren Industrieareal in Hennigsdorf im Land Brandenburg, dichter Rauch vernebelte die Umgebung eines barackenartigen Flachdachgebäudes an der Ruppiner Chaussee. Als die Feuerwehr am Mittwoch in den frühen Morgenstunden ihre Löscharbeiten beendet hatte, waren die Bewohner des Hauses heimatlos.

Die Bewohner, das sind in diesem Fall die Mitglieder einer örtlichen Unterstützergruppe des Rockerklubs „Bandidos“. Ihr Klubhaus ist vollständig ausgebrannt. Und nicht nur die Räumlichkeiten wurden zerstört, auch vier hochwertige Motorräder der Marke Harley Davidson, gewöhnlich der ganze Stolz eines Rockers, fielen den Flammen zum Opfer.

Ein Rockerdomizil in Flammen, das sorgte angesichts der Feindschaft zwischen den verschiedenen Gruppierungen schnell für Gerüchte und Mutmaßungen über einen möglichen Brandanschlag. Und bereits am Mittwoch wurde die These vom Anschlag einer verfeindeten Rockgruppe gehandelt.

Bei der für die Brandermittlungen zuständigen Polizeidirektion Nord war man allerdings vorsichtiger. „Die Untersuchungen haben gerade erst begonnen, im Moment ermitteln wir noch in alle Richtungen“, sagte Sprecherin Dörte Döres.

Denkbar auch ein technischer Defekt oder Fahrlässigkeit

Ein Anschlag könne zwar nicht ausgeschossen werden, ebenso denkbar sei aber auch ein technischer Defekt oder Fahrlässigkeit. Weitere Angaben machte die Polizei nicht. Ermittler eines Fachkommissariats waren den ganzen Tag über ebenso am Tatort im Einsatz wie die Experten der Spurensicherung.

Wann die Untersuchungen zur Brandursache abgeschlossen sind und ein Ergebnis vorliegt, konnte die Polizei zunächst nicht sagen. Auch die Höhe des entstandenen Sachschadens ist bislang ungeklärt. Brandermittlungen gelten als überaus mühsam und langwierig.

Die Ermittlungen der Kriminalpolizei erwiesen sich gleich zu Beginn als schwierig – und das nicht ganz unerwartet. Die Mitglieder des Klubs Lone’s MC, so der offizielle Name der „Bandidos“-Unterstützer, sind in dem Fall zwar die Geschädigten und müssten ein Interesse an einer erfolgreichen Aufklärung des Falles haben.

Aber Rocker sind nicht gerade für eine ausgeprägte Kooperationsbereitschaft mit der Polizei bekannt, ganz im Gegenteil. Mit Vertretern der „Staatsmacht“ zu sprechen, gilt häufig als Zeichen der Schwäche. Oder gar als Verrat – ein Vorwurf, der sich für Rocker als höchst gefährlich erweisen kann. In der Rocker-Szene gilt: Wer Probleme hat, der löst sie selbst und zwar auf seine Art.

Polizei misstraut Friedensschluss

Ermittler im Bereich der Rockerkriminalität können dies bestätigen. Das gilt insbesondere für die Szene in Berlin, wo sich die „Bandidos“ und ihre Rivalen von den „Hells Angels“ jahrelang einen erbitterten Kleinkrieg lieferten. Es ging um die eigenen Pfründe in ebenso einträglichen wie kriminellen Geschäftsbereichen im Rotlicht-Milieu, im Drogen- und Waffenhandel oder in der Türsteherszene. Zwar schlossen beide Gruppen im vergangenen Jahr in einer spektakulären medienwirksamen Inszenierung einen sogenannten Friedensvertrag, die Polizei traut diesem Frieden aber nicht. Die Landeskriminalämter (LKA) in Berlin und Brandenburg haben die Rockergruppen in der Region weiterhin unter Beobachtung.

Die Behörden hegen die Befürchtung, dass die Rivalitäten zwischen „Bandidos“ und „Hells Angels“ jederzeit wieder eskalieren können. Massenschlägereien auf offener Straße, ein Schusswechsel auf der Autobahn und diverse Mordanschläge gehörten in der Vergangenheit zum festen Bestandteil des permanenten Kleinkriegs, bei dem die Ermittler bis heute nicht ausschließen wollen, dass sich die Feindschaft noch dramatisch verschärft. „Wir wollen das nicht herbeireden, aber wir sind immer auf alles vorbereitet“, sagte ein Ermittler des Berliner LKA am Mittwoch.

Sorgen bereitet den Fahndern vor allem eine Entwicklung, die im Rockermilieu bislang einzigartig ist und die Rivalität zwischen den beiden Gruppen erneut aufflackern lassen könnte. Seit 2010 sind in mehreren Wellen zahlreiche „Bandidos“ zu den „Hells Angels“ übergelaufen. Anfang dieses Jahres waren sich Berliner Ermittler sicher, dass die „Bandidos“ angesichts dieser Entwicklung zumindest in der Hauptstadt keine Rolle mehr spielen.

Demonstrative Präsenz und Entschlossenheit

Das sehen die allerdings ganz anders. Erst im vergangenen Monat erlaubten sie Reportern der Berliner Morgenpost einen Blick hinter die Kulissen ihrer „Bruderschaft“ und zeigten dabei demonstrativ Präsenz und Entschlossenheit. Gänzlich anderer Meinung als die Polizei sind die Rocker auch im Zusammenhang mit den immer wieder gegen sie erhobenen Vorwürfen krimineller Taten. Sie sehen sich vielmehr als eine Gruppe, die Freude an der Gemeinschaft und am Motorradfahrern hat. Diese Auffassung wiederum teilt die Polizei keineswegs.

Gerade die Rockergruppen in Hennigsdorf standen in der Vergangenheit mehrfach im Visier von Polizei und Justiz. Bei einer anderen „Bandidos“-Gruppe rückten im Sommer vergangenen Jahres Spezialkräfte, darunter die GSG 9 der Bundespolizei, zu einer Razzia an. Es ging um mutmaßliche Drogengeschäfte. Mehr als 1000 Beamte durchsuchten 74 Objekte in Berlin und Brandenburg. Sie stießen auf ein komplettes Chemielabor und ein imposantes Waffenarsenal. Auf einem Klubgelände in Hennigsdorf erschossen sie einen Hund, der sie angegriffen hatte.

Gleich zweimal mussten sich „Bandidos“ in diesem Jahr schon wegen gewerbsmäßigen Drogenhandels vor dem Landgericht Berlin verantworten. Zuletzt ging es um drei Rocker, die in der Hauptstadt und im nördlichen Berliner Umland in mehr als 500 Fällen Drogen verkauft und dafür die Strukturen der Rockergruppe genutzt haben sollen.