Rockerclub

Berliner Bandidos kämpfen gegen die Bedeutungslosigkeit

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Michael Behrendt

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Ermittler waren sich sicher, dass die Bandidos in Berlin keine Rolle mehr spielen. Das sehen Rocker ganz anders und wollen nun das Gegenteil beweisen. Was die Morgenpost vor Ort erfuhr.

„Gänseblümchen ruft Butterblume!“ Das ist die vereinbarte Parole. Ein Augenpaar blickt durch einen Sichtschlitz in der Tür. Dann bewegt sich das schwere gelbe Eisentor zur Seite. Ein Elektromotor summt. Nach oben hin sichert Stacheldraht den Eingang ab. Kaum eingetreten schließt sich die Tür wieder. Es gibt keine weiteren Ausgänge, wir sind in einem Innenhof an der Provinzstraße in Wedding gefangen. Zehn Rocker der Bandidos bilden einen Halbkreis. Aus dem Haupthaus dringt Rockmusik. Darunter auch laute Stimmen, noch mehr Rocker sind im Clubhaus.

Die im Innenhof tragen schwarze Kleidung und Kutten mit den Insignien der „größten Bruderschaft“ der Welt. Einige schauen grimmig, andere interessiert. Dann kommt einer von ihnen näher. Ohne die Rockerklamotten könnte der große Mann mit Glatze und Brille auch in einer Bank arbeiten. Doch hinter diesen Mauern ist der Mann, der Andy heißt, nur „El Secretario“ für Ost-Deutschland und „President“ vom Bandido Chapter Berlin City. „Dann seht Euch mal um, uns gibt es noch. Egal, was die Polizei erzählt“, sagt er.

Am 28. Januar erschien in der Berliner Morgenpost der Artikel „In Feindschaft vereint“. Demnach waren sich Berliner Ermittler sicher, dass die Bandidos nach zahlreichen Übertritten zu den Hells Angels zumindest in der Hauptstadt keine Rolle mehr spielen. Kurz: dass es die Bandidos in Berlin nicht mehr gibt.

Bandidos melden sich bei Berliner Morgenpost

Doch mit dieser Einschätzung lag die Berliner Polizei offensichtlich falsch. Die Gruppe in diesem Innenhof wirkt sehr lebendig. Nach dem Artikel meldeten sich die Bandidos bei der Berliner Morgenpost, um zu beweisen: Es gibt uns doch noch. Hinter der gelben schweren Eisentür gewähren sie einen Einblick in ihr Leben mit ihren eigenen Gesetzen. In das Leben der Outlaws.

1966 wurden die Bandidos in Houston, Texas gegründet, 1989 expandierten die Rocker auch nach Europa. Sie stehen den eigenen Angaben nach für Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Freiheit und Treue. Ein echter Bandido lebt für den Club und ist bereit, alles für ihn zu tun. Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2010 neun Verfahren im Bereich der organisierten Kriminalität mit Bandido-Bezug geführt. Im Jahr 2008 wurden im Landgericht Münster Angehörige der Bruderschaft angeklagt, weil sie in Ibbenbüren einen Hells Angel erschossen haben sollen. Bei der Urteilsverkündung – lebenslänglich – waren aus Sicherheitsgründen 1000 Polizisten eingesetzt.

Seit Jahren und Jahrzehnten gibt es Krieg zwischen den Hells Angels und den Bandidos, in Skandinavien wurde er einst sogar mit Granatwerfern und automatischen Waffen ausgetragen, besonders in den Jahren 1996 und 1997. Auch im Bundesgebiet und vor allem in Berlin gab es Zwischenfälle, Tote und Verletzte, Razzien mit Spezialeinsatzkommandos (SEK) und der GSG9. Die Polizei müsste der Logik nach froh darüber sein, jetzt vermelden zu können, dass sich die kriminellen Rockerclubs aufgelöst haben. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Kein Krieg mit anderen Clubs

Auf die vielen Auseinandersetzungen mit anderen Rockern, auf die Verletzten und Toten angesprochen, reagieren die Rocker trotzig. Kralle, 1,90 Meter groß und muskelbepackt, ist „Vice President“ für Ost-Deutschland und President des Bandido Chapter Berlin Eastgate. Kralle steht in der Rangordnung der Bruderschaft an höherer Stelle als Andy. „Wir haben in Berlin keinen Rockerkrieg mit anderen Clubs. Wer wissen will, wo Kriege geführt werden, sollte sich in der Welt umschauen. Die Frage erledigt sich dann von selbst.“

Damit meint er, es ist genug dazu gesagt. Dass beispielsweise im vergangenem Jahr ein führendes Mitglied der Bandidos verhaftet worden ist, weil er mit einem Sprengstoffanschlag gegen Überläufer in Verbindung gebracht worden ist, lässt er aus. Auch brutale Angriffe in der Vergangenheit auf Hells Angels, so beispielweise am 20. Juni 2009 im brandenburgischen Finowfurt, wo einige Höllenengel mit Messern verletzt und einer durch einen Machetenhieb beinahe ein Bein verloren hätte. Brandanschläge auf Clubheime der Bandidos, bewaffnete Angriffe auf deren Mitglieder begangen durch Überläufer, all das erwähnt er nicht.

Wir stehen in einem der Clubräume zusammen, während wir uns unterhalten und von anderen Rockern skeptisch beobachtet werden. Aggressiv ist die Stimmung nicht. In anderen Ländern, sprechen wir Andy an, gibt es Co-Existenzen zwischen den Clubs, nicht in Berlin. Wieso nicht? Andy, der aussieht wie ein Banker, aber hier der Präsident ist, antwortet: „Eine solche Co-Existenz wurde bundesweit durch einen Friedensvertrag der beiden Clubs angestrebt und auch umgesetzt.“ Aber wozu einen Friedensvertrag, wenn es keinen Krieg gibt?

Bedeutungsverlust begann schon 2010

Der Bedeutungsverlust der Bandidos in Berlin begann nach Angaben eines szenekundigen Beamten mit dem Übertritt des ehemaligen türkischen Bandido-Rockers Kadir P., der im April 2010 in einer spektakulären Aktion mit knapp 80 Gefolgsleuten zu den Hells Angels übergelaufen war. Weitere Mitglieder folgten seinem Weg, erst zur Jahreswende gab es die letzten so genannten Patch Over, also das Tauschen der Kutte gegen die des verfeindeten Vereins.

Ermittler kamen hinter vorgehaltener Hand zu dem Ergebnis, dass die Bandidos bald ganz von der Bildfläche verschwunden sein dürften. Aber, so paradox es klingt, dies sei auch eine Gefahr für die Stadt, weil sich die kriminellen Rocker dann alle unter dem Banner der Hells Angels vereinten und ihre Milieukenntnisse bündeln und effektiv nutzen könnten, anstatt ständig mit Attacken der Feinde rechnen zu müssen. Zudem fürchtet die Polizei, dass die wenigen verbliebenen Bandidos nun zu Freiwild würden und permanent in Lebensgefahr schweben.

Präsident Kralle sieht das „entspannt“. Man könne es als gefährlich erachten, ständig „sinnlose Razzien und Verkehrskontrollen“ durch die Polizei erdulden zu müssen. Ansonsten sei das Tragen einer Bandido-Kutte nicht gefährlicher als mit einem bestimmten Fußball-Trikot in einem gegnerischen Fan-Block zu sitzen.

Entspanntes Clubleben sieht anders aus

Die Sicherheitsvorkehrungen in dem Clubhaus verraten mehr über die vielleicht doch nicht ganz ungefährliche Lage der Bandidos als Kralles Worte. Mehrere Videokameras überwachen das Areal, die Bilder werden in mehrere Räume des Clubhauses übertragen. Neben den Eingangstüren eine Halterung für mehrere Axtstiele. „Entspanntes“ Clubleben sieht anders aus, Andy mischt sich wieder ein, er möchte das aus „sicherheitsrelevanten Aspekten“ nicht kommentieren, so sagt er das.

Jedenfalls, und das ist Kralles Hauptbotschaft an diesem Tag, wer den Blödsinn verbreite, es gebe keine Bandidos mehr in Berlin, der müsse nur mal seine Augen aufmachen. Tatsächlich ist das Clubhaus gut gefüllt an diesem Abend. Knapp 40 Männer stehen da zusammen. Immer wieder sieht man die rotgelben Farben der Bruderschaft an der Kleidung der Männer, sie reden laut und lachen viel. Sie sprechen über ihre „Karren“, „Öfen“, wie die schweren Motorräder genannt werden. Man schlägt sich auf die Schultern, stößt zusammen an. Es ist rau und laut, es riecht nach Zigaretten. Selbst auf den Toiletten ist die Rangordnung klar definiert – es gibt Räume für Mitglieder und welche für Gäste. Frauen gibt es hier keine, nur an bestimmten Tagen, wenn die Familien mitgenommen werden können. Meist im Sommer, zum Grillen. Die Bandidos, das ist eine Männergesellschaft. Ihre Werte sind Freundschaft und bedingungsloses füreinander Einstehen. Nur, wer das weiß, versteht, wie schwer die Übertritte zu den Hells Angels die restlichen Verbliebenen treffen müssen.

Mitten im Raum stehen Harleys und alte Motoren. An der Wand hängen Fotos von gemeinsamen Ausfahrten und Mitbringsel anderer Chapter aus anderen Städten und Ländern. Gerahmte Bilder, ein untauglich gemachter Revolver auf einem Holzschild. Die Männer trinken Jack Daniels mit Cola und Becks Bier, und einer bestellt sich einen Saft. „Ich muss noch fahren“, sagt er. „Wer für den Staat so interessant ist wie wir, der darf sich keinen Fehler erlauben.“

Aussagen der Polizei passen den Bandidos nicht

Andy ist zu anzumerken, dass ihm die Aussagen der Polizei über die Bedeutungslosigkeit der Bandidos nicht passen. „Es gibt uns weiterhin in Berlin. Wir haben mit dem Bandidos MC Berlin City und Bandidos MC Eastgate weiterhin zwei starke Chapter und eine bedeutende Anzahl von Supportclubs, also Unterstützer. Berlins Polizeisprecher Stefan Redlich bestätigt, dass die Bandidos mit zwei Chaptern weiterhin in Berlin aktiv seien und im polizeilichen Fokus stünden. „Viele Mitglieder sind Teil der kriminellen Rockerszene.“

Ob denn von den Bandidos eine Gefahr für die Bevölkerung ausgehe, wollen wir wissen. „Seid Ihr kriminell?“, fragen wir. „Definitiv nicht“, sagt Kralle mit fester Stimme. Und was sei dran an den Vorwürfen und den Ermittlungen wegen Waffen- und Drogenhandel? Wegen Machenschaften im Rotlicht-Milieu und der Türsteherszene? „Es trifft auf keinen Fall zu, dass wir mit Waffen und Drogen handeln. Auch in der Prostitution und Türsteherszene sind wir nicht aktiv. Grundsätzlich möchten wir aber anmerken, dass Aktivitäten in der Türsteher-Szene und im Umfeld des Rotlicht-Milieus nicht illegal sind.“ Es gebe seriöse Security-Firmen beziehungsweise Bordellbetreiber, die ihre Abgaben und Steuern zahlen würden wie jedes andere Unternehmen auch.

Trotz der großen Zahl von Abtrünnigen sei die Bruderschaft aus Berlin nicht wegzudenken. Auch in 20 Jahren noch würden sie hier mit ihren Öfen herumfahren. Und das sei auch in den meisten Fällen die eigentliche Motivation, den Bandidos beizutreten, sagt Andy. Dem gemeinsamen Fahren und dem Erlebnis, wahre Freunde zu haben, Brüder. Dass die Polizei dies nicht verstehe und ständig mit dem SEK anrücke, dafür haben die Rocker kein Verständnis. „Wenn es immer heißt, bei uns würden Waffen gefunden, so ist das eine Verzerrung der Tatsachen“, sagt Kralle. Die Schusswaffen entpuppten sich als Softair-Gewehre.“ Und Macheten seien ja nun mal nicht verboten, betont er, die könne jeder haben, die Dinge dienten ja der Gartenarbeit. Messer? Welcher normale Familienhaushalt habe kein Messer zuhause? Seine Ausführungen zum Waffenbesitz klingen schon etwas zynisch, wenn man bedenkt, dass bei einem wegen eines Sprengstoffanschlags verhafteten Führungsmitglied der Bandidos eine scharfe Waffe beschlagnahmt worden ist, mit manipulierter Munition, die schwere Schäden im Körper des Betroffenen hätte anrichten können.

Immer mehr Leute wollen Mitglied werden

Mittlerweile sitzen wir in einem anderen Clubraum, hier ist es ruhiger. Auch hier gibt es einen Tresen und Barstühle wie in einer Kneipe. Wir fragen weiter. Und was ist mit dem Abzeichen, das man clubintern verliehen bekommt, wenn man einen Feind oder Polizisten schwer verletzt hat? Auch „das“, so sagt Kralle, „wollen wir nicht kommentieren“.

Andy steckt sich eine Zigarette an und bestellt bei einem Prospect, einem Anwärter auf Mitgliedschaft, am Tresen ein Alsterwasser. „Wir haben immer noch einen hohen Zulauf, nehmen aber nicht mehr jeden auf. Wir achten heute sehr stark auf Klasse statt Masse und wollen die Fehler aus der Vergangenheit vermeiden. Gemeint sind noch einmal die Überläufer, die sich anderen Clubs angeschlossen haben. „Wer uns verlässt, ist nicht stark genug für unseren Club“, sagt Kralle. Und damit ist auch dieses Thema für den Rockerchef erledigt. Dann verabschiedet er sich, er muss zum Training, ein „Bruder“ wünscht im viel Spaß beim Schwitzen. Welchen Sport er betreibt, sagt Kralle nicht. Andy spricht weiter. „Wir haben keine Glaskugel, um zu sehen, was die Zukunft bringt. Wir wissen auch nicht, ob es in 20 Jahren noch den Euro gibt und ob wir einen neuen Flughafen in Berlin haben.“

„Ich habe einen normalen Beruf“, sagt er, und irgendwie glaubt man ihm das auch. Rocker habe er ursprünglich nicht werden wollen, er sei durch das Motorradfahren dazu gekommen. „Durch die Harley fand ich die ersten Kontakte zu den Bandidos. Schließlich bin ich selbst einer geworden.“ Es seien die Clubabende mit den anderen Bikern gewesen, die er irgendwann immer öfter und später am besten jeden Tag haben wollte. „Ihr könnt mich checken, ich bin nicht vorbestraft.“

Ex-Polizist gehört auch zu den Mitgliedern

In der Ecke am Tresen in dem ruhigen Raum steht ein bulliger Mann mit Tattoos an beiden Armen und kurzen Haaren. Thorsten S., bis vor kurzem Präsident eines selbst aufgelösten Bandido-Chapters in Hennigsdorf, im vergangenen Jahr stürmte die GSG9 das Clubheim. Der Rocker war früher Polizist, bis er wegen eines Überfalls ins Gefängnis geschickt wurde. Er drang gewaltsam in eine Wohnung ein und drohte einem Paar, sie zu erschießen. Und all das vor den Augen der Enkel.

Dieser Rocker sei doch in jedem Fall kriminell, sagen wir: „Das war er vielleicht vor seinem Eintritt bei uns“, antwortet Andy. „Seitdem hat er nichts verbrochen.“ Auch eine Logik. Thorsten S. kommt an den Tisch und reicht zum Gruß die Hand. Der Händedruck tut weh, er hat viele Muskeln, scheint nur daraus zu bestehen. „Und? Was erzählt man über mich?“ Dass wir ihm nicht den Rücken zudrehen sollten, weil wir dann ein Messer im Kreuz hätten. „Siehste, und ich hab Euch nicht abgestochen.“

Jetzt bald, sagt Andy, beginne wieder die Saison. Endlich. Die Zeit, wenn er auf seiner Harley sitzen kann und mit seinen Freunden unterwegs ist. Deshalb sei er Bandido geworden, genau aus diesem einen Grund. Dass er dabei aus Sicherheitsgründen eine kugelsichere Weste trägt, bestätigt er auf Nachfrage. „Was soll ich dazu sagen?“, schmunzelt er. Es gebe eben auch Verrückte da draußen.