Unter verstärkten Sicherheitsmaßnahmen hat vor dem Landgericht Moabit der Prozess gegen drei Männer aus dem Rockermilieu begonnen. Den 34, 32 und 22 Jahre alten Männern wird bandenmäßig organisierter Drogenhandel vorgeworfen. Zwei der Männer sind Angehörige der Rockergruppe „Bandidos“, der Dritte kommt offenbar aus dem Umfeld. Das Trio soll über mehrere Jahre hinweg in mehr als 500 Fällen Kokain und Marihuana gekauft und weiter veräußert haben. Besondere Brisanz erhält der am Donnerstag begonnene Prozess durch die erwartete Aussage eines Aussteigers aus der Rockerszene. Der Mann agiert als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft.

Wann der mit Spannung erwartete Auftritt des Kronzeugen ansteht, ist bislang noch unklar. Für das überaus komplexe Verfahren hat die 12. Große Strafkammer mehr als 20 Verhandlungstage angesetzt. Am ersten Verhandlungstag trug zunächst der Vertreter der Staatsanwaltschaft seine umfangreiche Anklage vor. Selbst für die Kurzversion der Ermittlungsergebnisse brauchte der Anklagevertreter knapp eine Stunde. Detailliert listete er auf, wie die Angeklagten – ein Deutsch-Türke, ein Türke und ein staatenloser Mann – die Strukturen der „Bandidos“ für ihre Drogengeschäfte nutzten.

Die geschäftlichen Aktivitäten von Ümit G. (34), Murat K. (32) und Olcay A. (22) sollen irgendwann im Sommer 2008 begonnen haben. In den folgenden vier Jahren erwarben sie der Anklage zufolge insgesamt dreieinhalb Kilogramm Kokain und mehr als 20 Kilogramm Marihuana. Die Ware wurde dann zu kleinen handelsüblichen Verkaufsportionen verarbeitet und an Konsumenten abgegeben. Für 100 Gramm hochwertiges Kokain sollen die Angeklagten bis zu 3500 Euro kassiert haben. Minderwertige Ware wechselte immerhin noch für 150 Euro pro Gramm den Besitzer – für die mutmaßlichen Dealer ein durchweg lukratives Geschäft.

Zugriff mit Spezialkräften

Die Staatsanwaltschaft geht fest davon aus, dass der mutmaßliche Drogenhandel der drei Angeklagten untrennbar mit ihrer Zugehörigkeit zu den „Bandidos“ zusammenhängt. Über die Gruppe sollen die Männer die nötigen Kontakte zu Lieferanten und Abnehmern geknüpft haben. Clubheime sollen für die Handelstätigkeit, aber auch für die Lagerung und Verarbeitung der Ware genutzt worden sein. Aktiv waren die Männer vor allem in Tegel, Wedding und Moabit, hin und wieder in Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg, gelegentlich auch in Hennigsdorf und Hohen Neuendorf (Oberhavel). Jeder aus dem Trio konnte augenscheinlich auf einen Stamm von bis zu zwei Dutzend Dauerkunden zurückgreifen, ein Konsument orderte nach Erkenntnissen der Ermittler im Laufe der Zeit etwa 70 Mal die begehrte Ware. Die Übergabe fand vorwiegend an Bahnhöfen, in Lokalen und auf Parkplätzen statt.

Der florierende Handel nahm am 7. Juni 2012 ein abruptes Ende. Ab fünf Uhr morgens rückten etwa 1000 Polizeibeamte mit 74 richterlichen Durchsuchungsbeschlüssen in Clubheimen, Lokalen und Privatwohnungen an. Neben einem kompletten Chemielabor stellten sie unter anderem auch ein imposantes Waffenarsenal sicher. Sieben Männer, für die die Einsatzkräfte zuvor Haftbefehle besorgt hatten, wurden festgenommen. Darunter befanden sich auch die Angeklagten. Beteiligt an dem Einsatz waren Spezialkräfte wie die GSG 9 der Bundespolizei. Bei der Durchsuchung des Clubgeländes der Gruppe „Bandidos MC Berlin Del Este“ in Hennigsdorf erschossen Beamte einen Hund, der sie angegriffen hatte.

Als der Zugriff erfolgte, hatte die Polizei die Verdächtigen bereits ein Jahr im Visier. Im Juli 2011 war das Berliner Landeskriminalamt (LKA) auf die mutmaßlichen Dealer aufmerksam geworden. Fortan hefteten sich Drogenfahnder, Spezialisten für schwere Bandenkriminalität und Beamte des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) an die Fersen der Verdächtigen. Nach und nach trugen sie Beweise zusammen, konnten Dutzende von Verkäufen an Endabnehmer dokumentieren und die Strukturen der Bande aufdecken. Und am 7. Juni 2012 schlug die Polizei schließlich zu. Seither sitzen Ümit G., Murat K. und Olcay A. in Untersuchungshaft.

Angeklagte sind geständig

Wie bei Verfahren gegen Rocker üblich, hat das Gericht besondere Vorkehrungen getroffen. Die Verhandlung wurde in den Hochsicherheitssaal des Landgerichts verlegt, Zuhörer mussten das Gerichtsgebäude an der Turmstraße durch einen separaten Eingang betreten, und vor dem Saal gab es eine zusätzliche Kontrollschleuse. Der Prozess verlief schließlich in erstaunlicher Ruhe. Auf den Zuhörerplätzen hatten sich statt finster blickender Rocker überwiegend Familienangehörige eingefunden, unter ihnen die Mutter eines Angeklagten, die beim Anblick ihres Sohnes hinter den schusssicheren Scheiben der Anklagekabine immer wieder in Tränen ausbrach.

Auch in der Verhandlung selbst war wenig von der Atmosphäre des Rockermilieus zu spüren. Die Angeklagten räumten in von ihren Verteidigern verlesenen Erklärungen die Vorwürfe weitgehend ein. Üblicherweise gilt unter Rockern das eherne Gesetz des Schweigens, Rede ist Verrat, Kooperation mit den Behörden Schwäche. Auch das klassische Bild des Rockers, zu dem immer auch sein Motorrad – vorwiegend der Marke Harley Davidson – gehört, kam nicht recht zur Geltung. Der Angeklagte Murat K. etwa besitzt nicht einmal einen Führerschein, was ihm eine weitere Anklage wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis einbrachte.

Rocker nennen Drogensucht als Motiv

Ümit G., früher Sicherheitschef der „Bandidos“, gab als Motiv für die Taten seine eigene Drogensucht an. Um seinen Konsum zu finanzieren, habe er regelmäßig Kokain erworben und die Hälfte weiter verkauft, hieß es in der vom Verteidiger verlesenen Erklärung des Familienvaters. Murat K. nannte ebenfalls seine Sucht als Motiv. Bereits mit elf Jahren habe er begonnen, Marihuana zu rauchen, später sei der Konsum von Kokain dazugekommen. Nur während der Verbüßung einer Haftstrafe habe er kein Kokain genommen, dafür aber wieder Marihuana, „davon gibt es in der JVA Tegel genug“. Der jüngste Angeklagte Olcay A. räumte ein, etwa 300 Mal Drogen verkauft zu haben. Gleichzeitig beteuerte er, seine Drogengeschäfte hätten nichts mit seiner Mitgliedschaft bei den „Bandidos“ zu tun. „Das war allein mein Ding“, sagte der ehemalige Chef einer „Bandidos“-Unterstützergruppe.

Der Zeuge steht unter Polizeischutz

Noch bevor der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft seine Aussage machen wird, äußerte sich Ümit G. zur Person und den möglichen Motiven des Aussteigers. Der Mann wolle sich lediglich für seinen Rauswurf bei den „Bandidos“ rächen und habe große Teile seiner Aussagen frei erfunden, gab Ümit G. gegenüber den Richtern zu Protokoll. Der Zeuge, ein dreifacher Familienvater, steht seit seinem Ausstieg unter Polizeischutz.

Der Prozess wird am Donnerstag kommender Woche fortgesetzt. An einem der nächsten Verhandlungstage werden zwei medizinisch-psychologische Sachverständige gehört. Sie haben die Angeklagten begutachtet und werden Angaben zum Ausmaß ihrer Drogensucht machen.