Marko und Kerstin Krüger sitzen auf der Terrasse der Ausflugsgaststätte Bauernstübchen in Aurith. Entspannt blinzeln sie in die Spätsommersonne am Oderdeich. Die beiden Berliner kommen regelmäßig in die Ziltendorfer Niederung südlich von Frankfurt, um auf den Asphaltwegen der Flussdämme Inliner zu fahren. „Wo gibt es so eine unberührte Natur noch, bei der man vom Deich aus Eisvogel oder Kraniche zu sehen bekommt?“, fragen die beiden Hauptstädter.

Die Aussicht ist nicht nur durch die Idylle des Grenzflusses schön. Von hier aus scheint Polen ganz nah zu sein. Wer in Aurith auf dem Fährsteg zwischen den Weiden steht, blickt auf eine Holzkonstruktion am anderen Ufer, auf ein paar Dächer zwischen den Bäumen. Sie gehören zu Urad, der polnischen Hälfte des Dorfes. Früher, vor dem Zweiten Weltkrieg, waren beide Teile eins – ein Dorf an beiden Ufern, verbunden durch eine Fähre, die über die Oder verkehrte. „Klar wäre es schön, auch mal einen Abstecher auf die andere Seite zu machen“, sagt Kerstin Krüger.

Das soll künftig möglich sein. Mit einer Fähre für Fußgänger und Radfahrer, die zwischen beiden Ufern pendelt. Eine entsprechende Vereinbarung wollen Kommunalvertreter aus beiden Ländern am 8. September unterzeichnen. Anlässlich des deutsch-polnischen Oderfestes, dass Aurith und Urad seit einigen Jahren wieder gemeinsam feiern. „Beide Seiten wollen diese Fährverbindung, eine Machbarkeitsstudie soll klären, wie sie wirtschaftlich zu führen ist und welche Genehmigungen wir dafür brauchen“, sagt Danny Busse, Amtsdirektor von Brieskow-Finkenheerd, zu dem die Ziltendorfer Niederung gehört.

Bislang große Umwege gefahren

Noch müssten sowohl Einheimische als auch Touristen bis nach Frankfurt oder Guben fahren, wenn sie auf die jeweils andere Oderseite wollen. Nach dem Vorbild der Fähre im Oderbruch bei Güstebieser Loose und Gozdowice soll auch zwischen Aurith und Urad ein naturnaher Pendelverkehr möglich werden.

Doch es könnte auch weniger idyllisch – und wesentlich schneller funktionieren. Geht es nach den Brandenburger Landesplanern, so führt hier demnächst ein neuer Grenzübergang nach Polen. Das entsprechende binationale Raumordnungsverfahren ist Ende 2010 abgeschlossen worden. Im Moment liegen die Unterlagen beim Bund, der seinen Bedarfsplan überarbeitet. „Prioritäten und Investitionsrahmenplan werden dabei überprüft, frühestens 2015 wissen wir Bescheid“, sagt Lothar Wiegand, Sprecher des Brandenburger Infrastrukturministeriums. Der auch im Bundesverkehrswegeplan verankerte neue Grenzübergang zwischen Frankfurt und Eisenhüttenstadt soll ausgerechnet durch die unberührte Aulenlandschaft führen. Das 22 Millionen Euro teure Projekt ist nicht nur für Fußgänger und Radfahrer, sondern auch für den Schwerlastverkehr gedacht. In zwölf Metern Höhe sollen die Laster – geschätzte 3000 Transporter pro Tag – über die Oder donnern. Nur vier Kilometer Straßenanbindung müssten nach Angaben des Brandenburger Landesbetriebes für Straßenwesen neu gebaut werden. Diese Trassenführung fand als einzige von insgesamt vier Varianten die Zustimmung der polnischen Seite. Sie verbindet die deutsche Bundesstraße 112 mit der polnischen Landesstraße 275.

In der Ostbrandenburger Region stoßen die Pläne auf wenig Begeisterung. Die Industriestadt Eisenhüttenstadt hätte die neue Grenzbrücke im Interesse kurzer Transportwege lieber auf ihrem Territorium gehabt. Die Aurither fürchten um ihre Ruhe und um die Stellung ihres Ortes als touristisches Ausflugsziel am Oder-Neiße-Radweg. Die Belebung des Tourismus ist erklärtes Ziel von Amtsdirektor Busse, der sich gegen den absehbaren Schwerlast-Durchgangsverkehr, der sich über die Bundesstraße 112 hin zum neuen Grenzübergang schlängeln würde, wehrt. Zwar sind in Brieskow-Finkenheerd und Wiesenau Ortsumgehungen im Bau, allerdings entlasten die aufgrund ihrer Trassenführung Brieskow-Finkenheerd nicht.

„Wir haben mit der Oderfähre die charmante Alternative einer deutsch-polnischen Verbindung“, sagt Amtsdirektor Busse. Und es scheint, als klammere sich die Region an die Hoffnung, mit der Fähre schneller zu sein – und damit eine Grenzbrücke verhindern zu können. „So ein Quatsch“, sagt Heiko Scholz. Vor Jahren leitete er den Bürgerverein Aurith, der gegen die Grenzbrücke mobil machte. Als er zum Einzelkämpfer wurde, gab Scholz entnervt auf. „Die Brücke wird kommen, auch wenn es angesichts der Wirtschaftskrise noch ein paar Jahre dauert“, sagt er. Die Gastwirtin des Aurither Bauernstübchens, Silke Thurian, hat andere Sorgen: „Die große Frage ist doch: Was kommt von jenseits der Oder zu uns herüber?“, fragt sie. Was sie hier in der Vergangenheit schon an „krimineller Energie“ erlebt habe, darüber könne sie „Romane schreiben“. Befürworter der Grenzbrücke sind vor allem Pendler, die zum preisgünstigen Tanken in Polen große Umwege auf sich nehmen. Und: „Die Fähre ist für Autos ja nicht vorgesehen“, sagt einer der Pendler.