Das Martyrium der vernachlässigten Pferde von Linow (Kreis Ostprignitz-Ruppin) hat vorerst ein Ende gefunden. Die große Herde der völlig vernachlässigten und halb verwilderten Tiere hat mit der Beschlagnahme das Schlimmste hinter sich. Nach langer Zeit sind die Pferde in ihren provisorischen Ställen erstmals mit ausreichend und gutem Futter versorgt und in ständiger Obhut von geschulten Pferdewirten.
Das Wohl der Vierbeiner sei vorerst gesichert, im Vordergrund stehe nun die ärztliche Versorgung der Pferde, sagt Kreisveterinär Matthias Rott. Gleichzeitig müssten jedoch auch die Weichen für die Zukunft der rund 160 Tiere gestellt werden. „Wir bereiten jetzt juristisch die endgültige Wegnahme auf Grundlage des Tierschutzgesetzes wegen erheblicher und andauernder Vernachlässigung vor“, sagte Rott am Donnerstag.
Dabei werde ein Eilverfahren angestrebt. Die juristische Entscheidung müsse dann ein Gericht treffen. Dies könne eventuell in zwei Monaten geschehen, bei Gegenwehr der Besitzer aber auch in einem Jahr, so Rott. Der erfahrene Tierarzt hofft – im Sinne der Tiere – auf eine schnelle Lösung.
Identität der Pferde soll geprüft werden
Zunächst ist eine ausführliche Bestandsaufnahme nötig, viele Fragen sind zu klären. „Am Freitag sollen 29 Pferde medizinisch untersucht und soweit nötig behandelt werden, die bei der Agrargenossenschaft Braunsberg untergekommen sind. Die Identität der einzelnen Tiere ist zu prüfen, nur einige tragen entsprechende Chips. Alle anderen werden gekennzeichnet, wenn ihre Herkunft feststeht. Und wir müssen die Pferde impfen“, umreißt Matthias Rott den umfangreichen Arbeitsplan, der für alle Pferde einige Wochen beanspruchen wird.
Vorgesehen ist weiter, dass ein Mitarbeiter des Pferdezuchtverbandes Berlin-Anhalt auch eine Bewertung der Pferde vornimmt. Dass bei dem angestrebten Verkauf der Vierbeiner, die so lange Not gelitten hatten, hohe Preise eingenommen werden, sei jedoch unwahrscheinlich. „Schließlich sind die Stuten nicht von dafür vorgesehenen Zuchthengsten gedeckt worden“, so Rott.
40 Linower Stuten sind hochträchtig
Neben dem Mangel an Futter und Pflege stellt die unkontrollierte Vermehrung der beschlagnahmten Tiere ein weiteres gravierendes Problem dar. Etwa 40 der weibliche Tiere sind hochträchtig, darunter viele, die viel zu jung befruchtet wurden, weiß Rott. Die jungen Stuten könnten nicht normal auswachsen, sie geben ihre Kräfte automatisch an die heranwachsenden Embryonen weiter und leiden körperlich darunter.
Außerdem sei zu befürchten, dass von den Fohlen einige bereits mit Mangelerscheinungen zur Welt kommen könnten. „Bisher wissen wir noch nicht einmal, wie viele der weiblichen Tiere überhaupt trächtig sind. Sicher ist dies nur bei den hoch trächtigen. Genaueres werden erst die Untersuchungen ergeben“, erläutert Matthias Rott.
Gestüte oder Reiterhöfe gesucht
Im Büro des Kreisveterinärs in der Rheinsberger Virchowstraße läutet seit dem Bekanntwerden des Schicksals der bedauernswerten Pferde ständig das Telefon. „Es kommen Anfragen herein, ob man nicht das eine oder andere Pferd kaufen kann. Auch Spendenangebote werden gemacht“, erzählt der Amtstierarzt.
Hoffnungen könne er den interessierten Hobby-Pferdehaltern aber nicht machen. Die Tiere dürften nur in professionelle Hände kommen. Das Herausnehmen einzelner Pferde aus der Herde sei ohnehin nicht zu verantworten. Das Beste sei, die Pferde kämen gemeinsam in größeren Gruppen unter. Deshalb würden aus seiner Sicht nur größere Gestüte oder Reiterhöfe in Frage kommen, die genügend finanzielle Mittel und hinreichend Personal zur Pflege der Pferde bieten könnten. Erst wenn alle juristischen Fragen, auch zu Herkunft und Besitz der Tiere geklärt sind, werde es zu einer Versteigerung der vernachlässigten Pferde kommen.
Bis dahin können sich die gepeinigten Pferde noch eine Weile erholen. Ein großer Teil kam, wie berichtet, am Dienstag in einem von der Kreisverwaltung angemieteten Stall der Agrargenossenschaft Rheinsberg unter. Zuvor war ein wahrer Viehtreck vom Dorf Linow aus zu der ehemaligen Rinderstallung der Genossenschaft organisiert worden. Gleichzeitig waren der Hof der Eigentümerin Manuela N. auf Betreiben der Staatsanwaltschaft Neuruppin durchsucht und Unterlagen sicher gestellt worden. Denn unklare Besitzverhältnisse, etwa durch Weiterverkäufe von Pferden über Strohmänner, hatte die Ermittlungen lange erschwert.





