Die Behörden waren schon länger alarmiert – nun griffen sie ein: Knapp 160 ausgehungerte und verwahrloste Pferde hat das Veterinäramt in Linow bei Rheinsberg in Sicherheit gebracht. Matthias Rott, Amtstierarzt des Kreises Ostprignitz-Ruppin, wirft den Haltern vor, die Tiere unzureichend versorgt zu haben. „In den vergangenen Tagen haben die Tiere gar kein Futter mehr gehabt und ihren eigenen Kot gefressen“, sagte Rott am Mittwoch.
Zwei Stuten mussten seinen Angaben zufolge eingeschläfert werden. Die Stuten hatte erst vor wenigen Wochen geworfen. Eine Stute hatte ein kaputtes Fußgelenk - das offenbar längere Zeit nicht behandelt wurde. Die zweite Stute hatte in der Halsgegend ein stark vereiterte Fistel, aus der permanent Eiter floss. Eine Behandlung wäre aussichtslos gewesen. Die anderen Tiere sind auf mehrere Höfe in der Region verteilt worden.
Im Visier der Behörden stehen die 52 Jahre alte Betreiberin des Hofes und ein 60-Jähriger, der seit Kurzem dort lebt. Der Landwirt aus Frauenhagen ist der Justiz bekannt: Mehrfach ist er wegen Tiermisshandlungen aufgefallen. Zuletzt war er im November 2012 vom Amtsgericht Schwedt (Uckermark) zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 15 Monaten verurteilt worden. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Gegen die Frau und den Mann ist nach Angaben von Rott 2012 ein Halte- und Betreuungsverbot ausgesprochen worden. Die Polizei habe allein im vergangenen Jahr knapp 50-mal Pferde einfangen müssen, die sich auf fremden Feldern satt fraßen.
Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben
Auch die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt: Gegen die Frau habe die Behörde bereits im Februar Anklage wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz erhoben, sagte Sprecher Detlef Hommes. Die Frau soll sich dafür verantworten, dass eines ihrer Tiere im Juni 2012 an einem „Schnabelhuf“ litt. Dies geschieht beispielsweise, wenn ein Pferd lange unversorgt auf matschigem Grund steht. Zudem geht es um ein lahmendes Fohlen im August 2012. Wann es zum Prozess vor dem Amtsgericht Neuruppin kommt, steht noch nicht fest.
Die Staatsanwaltschaft prüft in diesem Zusammenhang, ob auch der Landwirt Halter der betroffenen Tiere ist. Einige Pferde soll er an die Frau abgegeben haben. Um die Besitzverhältnisse zu überprüfen, hat die Staatsanwaltschaft am Dienstag den Hof in Linow durchsucht und Unterlagen sichergestellt. „Bei der Wahl des Zeitpunktes haben wir uns mit dem Veterinäramt abgestimmt, das eine Beschlagnahmung der Pferde geplant hatte“, erklärte Hommes.
Bereits vergangenen Donnerstag hatte der Amtstierarzt 30 verwilderte Tiere in Sicherheit gebracht, nun ließ er die anderen 129 Pferde einfangen. Unter ihnen seien mindestens 30 bis 40 – teils viel zu junge – trächtige Stuten, sagte Rott. Die beiden sollen unter anderem die hoch trächtigen Stuten im Freien gehalten haben, die bei der aktuellen Witterungslage in Stallungen untergebracht sein müssen. Derzeit werden die vernachlässigten Tiere in mehreren Stallungen untersucht.
Aufgrund des schlechten Allgemeinzustandes der Tiere müssen die Halter mit einer Ordnungsstrafe von bis zu 25.000 Euro rechnen. „In meiner bisherigen beruflichen Laufbahn habe ich ein derartiges Bild noch nie gesehen“ sagte Amtstierarzt Matthias Rott.
Die Motive der Halter sind den Behörden ein Rätsel. Die Tiere seien weder verkauft noch genutzt worden. Indes haben die Halterin und ihr Mann offenbar angegeben, dass die Tiere nicht vernachlässigt wurden. „Die stehen auf der Weide, sind eine Herde und überwintern im Freien“, sagte Halter Jörg N.
Aktion kostet etwa 100.000 Euro
Nach Angaben des Tierarztes besitzen die meisten Tiere keinen Pferdepass. Bei den meisten Pferden sind die Hufen nicht fachgerecht behandelt worden. Darunter leiden die Tiere. Die verwilderten Pferde sind durch die Hengste viel zu früh trächtig geworden. Zudem besteht nach Angaben des Amts - Tierarztes Unklarheit über die Eigentumsverhältnisse zu den Tieren. Ein eigens angeforderter Sicherheitsdienst bewacht nun die Stallungen. Die Aktion kostet etwa 100.000 Euro.
dpa/plet/ap





