Managerentführung

So sucht die Polizei nach dem „Phantom“ von Storkow

180 Beamte fahnden mit Wärmebildkameras und Hubschraubern nach dem Entführer an den Brandenburger Seen. Noch sie haben keinen Erfolg.

Hinweise gehen bei der Polizei ein. Immer wieder. Mittlerweile sind es 311. Doch immer noch ist keine heiße Spur zu dem Entführer von Storkow dabei. Die Polizei weiß, dass die Zeit drängt. Denn mittlerweile steht fest, dass der Gesuchte auch für die Anschläge auf eine Unternehmer-Familie in Bad Saarow verantwortlich ist.

Ein Gutachten des Bundeskriminalamtes (BKA) hat inzwischen zweifelsfrei belegt, dass die Kugeln, die bei den Attacken in Bad Saarow einen Leibwächter schwer verletzten und bei der Verschleppung des Bankers in dessen Villa abgefeuert wurden, aus ein- und derselben Waffe stammen. Das bedeutet nach Angaben eines Ermittlers, dass dieser Mann sich nicht von den Aktionen der Polizei beeindrucken lässt. Dass er nach einem Fehlschlag weitermacht. Und bereits das nächste Opfer im Visier haben könnte. In der Nacht zum Mittwoch ist die Brandenburger Polizei wieder im Großeinsatz gewesen, unter ihnen auch Potsdams Polizei-Vizepräsident Hans-Jürgen Mörke.

Mit Nachtsichtgeräten ausgestattet

Stockdunkel ist es, am Rascheln der Gräser und der hin und wieder zuckenden Lichtstrahlen aus Taschenlampen kann man erkennen, dass sich mehrere Personen im Schilf und im Sumpf bewegen. Es sind Bereitschaftspolizisten, in Wetterkleidung und dicken Stiefeln. Vor den Augen haben sie Nachtsichtgeräte. Auf der Wasserseite der Seen im Bereich Storkow sind Kollegen von ihnen in mehreren Booten im Einsatz, „bestreichen“ die Böschungen mit Scheinwerfern. Zwei Hubschrauber kreisen am Himmel, sie sind mit Wärmebildkameras ausgestattet. Die Aufnahmen werden direkt in ein Fahrzeug am Boden überspielt, damit die Einsatzkräfte notfalls sofort handeln können. Schwerbewaffnete Elitepolizisten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) stehen bereit, um einzugreifen. Denn das „Phantom“, wie der Entführer hinter vorgehaltener Hand genannt wird, wird als extrem gefährlich und gewaltbereit eingestuft. Doch die erhofften roten Flecken auf den Bildschirmen, die Wärme und damit Leben anzeigen, gehören in dieser Nacht Rehen und Wildschweinen. Der gesuchte Mann in seinem möglichen Unterschlupf ist nicht dabei. 180 Beamte sind in dieser Nacht im Einsatz. Der Wunsch, das „Phantom“ endlich stellen zu können, wird nicht erfüllt. Einen Erfolg hat die akribisch geplante Aktion allerdings dann doch – die Polizisten entdecken die Stelle, von wo aus der Gesuchte offenbar mit einem Kajak aufbrach, um Stefan T. zu entführen.

„Wir wissen, dass der Entführer seine Tat langfristig vorbereitet und die Lebensgewohnheiten des Opfers und seiner Familie sowie das Tatobjekt ausgespäht hat“, berichtet Polizeisprecher Mario Heinemann. „Und wir gehen davon aus, dass diese Ausspähhandlungen von den Uferbereichen des Großen Storkower Sees, des Scharmützelsees und des Großen Glubigsees aus erfolgt sein könnten.“ Zugleich, so die Ermittler, könnten diese Bereiche als Versteck des Täters oder auch als Übernachtungsmöglichkeit in einem kleinen Zelt genutzt worden sein. „Und wir können nicht ausschließen, dass sich der Gesuchte noch in diesem Bereich aufhält. Deswegen ist das SEK vor Ort“, so Polizeisprecher Heinemann weiter. Der Großeinsatz wurde für den jetzigen Zeitpunkt anberaumt, weil die Herbstferien vorbei sind und ausgeschlossen werden kann, dass sich noch Familien zum Campen in der Seelandschaft aufhalten. In der Nachtzeit werden dort außerdem keine Touristen, Angler oder Wanderer in dem Areal vermutet.

„Das ist menschenverachtend“

Alle eingesetzten Beamten wissen, dass der Einsatz gefährlich, dass der Gesuchte skrupellos ist. „Er hat seinem Opfer während der gemeinsamen 30 Stunden im Schilfgürtel weder Getränke noch Nahrung gegeben. Lediglich Brackwasser durfte er durch einen Schlauch trinken. Das ist menschenverachtend, das Opfer musste viel durchstehen“, so ein Ermittler. Was den Kriminalisten ebenso Sorgen macht, waren die Angaben, die der Täter gegenüber seiner Geisel gemacht hat. Er berichtete ihm, dass er ihn ein halbes Jahr lang ausgekundschaftet hat. „Es ist klar“, so ein Ermittler, „dass die Polizei daraus Rückschlüsse ziehen könnte. Beispielsweise, dass der Mann dafür lange Zeit in der Nähe des Hauses des späteren Opfers gewohnt haben muss und dergleichen. Diese Rückschlüsse kann der Täter nicht gewollt haben, deswegen muss davon ausgegangen sein, dass der Gesuchte von vorn herein die Ermordung von Stefan T. einkalkuliert haben muss. Wir können von Glück reden, dass sich der Entführte befreien und entkommen konnte.“

Die Familie von Stefan T. steht mittlerweile unter Personenschutz durch Beamte des Landeskriminalamtes. Gleiches gilt für die Unternehmerfamilie aus Bad Saarow, deren Leibwächter nach den Schüssen querschnittsgelähmt ist. Er hatte sich vor die Tochter gestellt, als der Unbekannte auf sie gezielt hatte. Die Polizei vermutet dennoch, dass der Täter die junge Frau nicht treffen, sondern ebenfalls entführen wollte. In einem anderen Fall hatte er deren Mutter durch Schläge verletzt. Die Hintergründe dieses Angriffs sind noch völlig unklar.