Bewaffneter Täter

Polizei warnt vor Entführer des Berliner Managers

Noch immer ist der Täter nicht gefasst, obwohl bereits mehr als 70 Hinweise eingegangen sind. Die Polizei hält ihn für äußerst gefährlich.

Foto: Steffen Pletl

Im Fall des am Wochenende entführten Berliner Geschäftsmannes Stefan T. haben Kriminaltechniker nun offenbar auch die letzten Zweifel ausgeräumt, dass es sich beim Täter um denselben Mann handelt, der im vergangenen Jahr mehrere Anschläge auf die Unternehmerfamilie Pepper verübt hat. In einem ersten DNA-Schnelltest konnten die Beamten beweisen, dass die bei der Schilfinsel gefundenen genetischen Spuren mit den Spuren identisch sind, die nach den Anschlägen auf die Familie Pepper gesichert worden waren.

Wie berichtet soll der Täter am vergangenen Freitag erneut zugeschlagen und den 51-jährigen Berliner Stefan T. aus seinem Ferienhaus in Storkow in Brandenburg verschleppt haben. Er soll ihn fast zwei Tage lang im Schilf nahe des Großen Storkower Sees gefangen gehalten haben. Sonntagfrüh gelang dem Investment-Manager die Flucht.

Die Polizei fahndet weiter nach dem Entführer, der nach Angaben der Staatsanwaltschaft inzwischen wegen erpresserischen Menschenraubes, versuchten Mordes und eines versuchten schweren Raubes gesucht wird. Eine konkrete Spur hat sich laut Polizei jedoch auch am Mittwoch nicht ergeben. Beamte einer Einsatzhundertschaft durchkämmten erneut den Wald zwischen der Ortschaft Wendisch Rietz (Landkreis Oder-Spree) und dem Schilfgürtel.

Suche aus der Luft und im Wasser

Im Schilf hatte Stefan T. fast zwei Tage gefesselt auf einer Luftmatratze gelegen. Auch eine im Wald gelegene Bunkeranlage wurde nach Spuren abgesucht. Beim Einsatz der für den Entführungsfall eigens gegründeten Ermittlungsgruppe „Imker“ – benannt nach der für Imker typischen Gesichtsmaske des Täters – handelt es sich inzwischen um eine der größten Suchaktionen in der Geschichte Brandenburgs.

Während die Polizei das Gebiet rund um den Großen Storkower See weiter mit einem Hubschrauber aus der Luft beobachtete, fuhren Beamte der Wasserschutzpolizei auch am Mittwoch immer wieder den See und die Nebengewässer mit Booten ab. Taucher suchten im Wasser nach Gegenständen, die der Entführer bei seiner Flucht ins Wasser geworfen haben könnte.

Nach bisherigen Erkenntnissen decken sich die Angaben des Opfers eins zu eins mit den bislang gewonnen Ermittlungsergebnissen der Polizei. Auf der Schilfinsel, wo Täter und Opfer fast zwei Tage verbrachten, wurde unter anderem die Folie gefunden, in die der Entführer den 51-jährigen Berliner eingehüllt hatte. Im Sumpf wurden auch persönliche Gegenstände des Opfers Stefan T. entdeckt, die er offenbar bei seiner Flucht verloren hatte.

Elitepolizisten sind vorbereitet

Mehr als 70 Hinweise sind nach Angaben der Polizei bislang eingegangen, jeder einzelne werde genau überprüft. Solange der Täter nicht gefasst ist, werden bei der Suche auch weiterhin etwa 300 Polizeibeamte rund um die Uhr im Einsatz sein. Sie werden die Gegend durchforsten und zahlreiche potenzielle Zeugen vernehmen. „Wir befragen jeden Angler, jeden Anglerschein-Inhaber und jeden Wassersportler, ob er etwas gesehen hat“, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch.

Weil der Täter das Haus des Opfers vom Großen Storkower See aus ausspioniert haben könnte, könne jede Person, die sich in den vergangenen Wochen am oder auf dem Gewässer aufgehalten habe, wichtige Beobachtungen gemacht haben. Wer meint, entsprechende Hinweise geben zu können, wird gebeten, sich bei der Polizei zu melden.

Da der Täter als besonders gefährlich eingestuft wird, greift die Polizei zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen. „Wir gehen davon aus, dass der Täter sofort schießen wird“, sagte ein Ermittler. Deshalb werden die Spürhunde, die ebenfalls bei der Suche eingesetzt werden, von Beamten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) begleitet. Sollte ein Hund beim Versteck des Entführers anschlagen, sind die Elitepolizisten mit der erforderlichen Ausrüstung ausgestattet, den Mann trotz Schutzwaffe überwältigen zu können.

Polizei weist Kritik zurück

Dass sich der Täter noch immer in der Natur aufhalten könnte, halten die Ermittler angesichts sinkender Temperaturen jedoch für zunehmend unwahrscheinlich. „Vielleicht sitzt er auch um die Ecke zu Hause“, sagte ein Ermittler am Mittwoch.

Nach wie vor vermutet die Polizei, dass der Entführer beste Ortskenntnisse hat und daher aus der Gegend kommen könnte. Wegen seiner tarnfarbenen Kleidung, seiner Naturkenntnisse und technischen Fähigkeiten könnte es sich nach Polizeiangaben um einen ehemaligen Soldaten handeln. Oder zumindest um einen Täter mit militärischen Vorkenntnissen.

Zeitweilig verfolgte die Polizei am Mittwoch auch eine Spur nach Berlin. Ein Zeuge hatte sich gemeldet und von einem Mann berichtet, der ihm verdächtig erschienen war. Die Beamten identifizierten kurz darauf einen 42-Jährigen in Berlin – wie sich jedoch schnell herausstellte, war es nicht der Täter.

Medienberichte, wonach die Polizei auf den Notruf des Entführungsopfers am Sonntagmorgen nicht schnell genug reagiert haben soll, wies ein Sprecher mit Nachdruck zurück. „Um 7.03 Uhr ging der Notruf in Frankfurt Oder ein – und der zuständige Beamte erkannte sofort die Brisanz.“ Unmittelbar nach dem Anruf habe er den Polizeiführer der Nachtschicht informiert, der weitere Schritte veranlasst habe.

Entführung bewusst nicht öffentlich gemacht

Um mögliche Spuren an der Kleidung des Opfers zu sichern, musste zunächst ein spezieller Overall besorgt werden, bevor sich die Beamten zu dem Haus begeben konnten, in das sich das Opfer geflüchtet hatte, so der Sprecher. Zu keinem Zeitpunkt sei Stefan T. dadurch gefährdet gewesen oder die Suche nach dem Täter verzögert worden. In der Gegend habe sich bereits ein Großaufgebot der Polizei aufgehalten. Das habe verdeckt ermittelt, seitdem die Ehefrau die Polizei bereits am vergangenen Freitag von der Entführung ihres Mannes in Kenntnis gesetzt hatte.

Die Polizei hatte die Öffentlichkeit bewusst nicht über die Entführung des Investmentmanagers informiert, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Wie berichtet hatte der Täter die Ehefrau am Abend in ihrem Haus überwältigt, als sie den Hund in den Garten lassen wollte. Der Entführer schoss in die Decke, bevor er die Frau zwang, ihren Mann zu fesseln. Später entdeckten die Polizeibeamten das Projektil aus einer Ceska 9 Millimeter. Mit derselben Waffe soll der Täter vor mehr als einem Jahr im brandenburgischen Bad Saarow auf die Tochter des Berliner Unternehmers Christian Pepper geschossen und dabei einen Wachmann schwer verletzt haben.

Bei der Suche nach dem Täter fragt die Polizei auch nach Zeugen, die ein Kajak auf dem Großen Storkower See gesehen oder Angaben zum Besitzer machen können: Das Boot, das im Schilf gefunden und offenbar vom Täter genutzt wurde, ist ein sogenanntes Sit-on-top, 4,15 Meter lang und 62 Zentimeter breit.

Es ist ein eher seltenes Modell, dessen Farbverlauf von Gelb im Bugbereich bis Rot im Heck übergeht. An dem sichtlich älteren Kajak ist ein neues schwarzes Seil befestigt. Am Bug wurde Klebeband gefunden, das in Farbe und Abmessung genau dem Klebeband entspricht, das der Täter bei der Entführung verwendete.