Was Zugreisende meist nicht realisieren: Auch von unterhalb der Bahngleise drohen mitunter Gefahren. Vor allem in Oranienburg. Die Alliierten warfen im Zweiten Weltkrieg wegen der dort ansässigen Rüstungsindustrie rund 10.500 Bomben auf die brandenburgische Kleinstadt ab.
Fast die Hälfte der 250-Kilogramm- und 500 Kilogramm-Sprengbomben war einem Gutachten der Technischen Universität Cottbus zufolge mit chemischen Langzeitzündern ausgestattet, exakt sollen es 4022 gewesen sein. Heute liegen im Boden unter Oranienburg noch mehr als 300 Bombenblindgänger, geschätzte 20 davon im Bereich der Bahnanlagen.
Nirgendwo anders in Deutschland lässt die Deutsche Bahn deshalb derzeit so intensiv nach Blindgängern suchen wie in Oranienburg. Und nirgendwo ist das so gefährlich, wegen der chemischen Langzeitzündung.
Chemische Langzeitzünder
Nach fast 70 Jahren wächst die Gefahr, dass diese Bomben von selbst explodieren. „Die große Menge an chemischen Langzeitzündern ist die Herausforderung in Oranienburg“, sagt Johannes Köppler vom Sanierungsmanagement der Bahn.
Spezialisten hatten daher 2011 gegenüber dem Bahnhof Oranienburg in einem Pilotverfahren ein halbes Jahr lang verschiedene Verfahren erkundet. Am 10. September 2012 begann die Bahn dann mit der aufwendigen Suche am Bahnhof Oranienburg. Mit Erfolg: Bislang wurden dort vier Bomben entdeckt und unschädlich gemacht. Beim jüngsten Einsatz Ende September hatte sich der Bombenverdacht aber nur zum Teil bestätigt.
Es handelte sich um Reste einer zerschellten Fünf-Zentner-Bombe. Der chemische Langzeitzünder war noch intakt. Wäre die 250-Kilogramm-Bombe noch scharf gewesen, hätte die Innenstadt von Oranienburg evakuiert werden müssen. Ende August mussten 4000 Oranienburger evakuiert werden, nachdem gleich zwei Fliegerbomben entschärft werden sollten.
Spezialisten bei der Arbeit
Seit zwei Tagen suchen nun zwei private Munitionsbergungsfirmen den Boden unter den Gleisen zwischen Lehnitz und Oranienburg ab. Insgesamt sind 80 bis 90 Mann im Einsatz. Die Bahn nutzt die Zeit, in der die Fernbahn-Strecke Berlin-Rostock wegen Bauarbeiten komplett gesperrt ist. Sie soll erst am 26. März 2013 wieder frei gegeben werden.
„Bis dahin werden auch wir hier fertig sein“, sagt Bahnsanierungsmanager Jürgen Köppler. 1,6 Kilometer lang ist die Strecke zwischen Oranienburg und Lehnitz, die untersucht wird. Wer am Bahnhof Lehnitz auf die S-Bahn wartet, kann die Spezialisten auf den daneben liegenden zwei Fernbahn-Gleisen schon in aller Früh bei der Arbeit beobachten.
Jürgen Eckertz, zuständig für das Projekt, erläutert das Vorgehen: Zuerst werden die Gleisanlagen von störendem Schrott befreit. Danach fahren die Männer mit einem Oberflächen-Geo-Radar die Gleise ab und erkunden bis in eine Tiefe von 1,50 Meter den Boden. Dabei werden Radarwellen in den Boden geleitet, bis ein Echo zurückkommt.
„Anhand der Radarwellen können die Experten feststellen, ob Gegenstände unter der Erde liegen“, sagt Eckertz. Ohne Radareinsatz müssten die Gleise abgebaut werden. Mit dem Bagger oder mit Spaten graben die Männer dann die Löcher in die Erde. Meist wird dabei Schrott gefunden, Werkzeuge, Kabel oder Brunnenfilter.
100.000 Euro pro Bombe
Von da an beginnen die Bohrarbeiten - bis zu acht Meter tief. Denn tiefer liegen die Bomben laut Jürgen Eckertz nach Erkenntnissen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Oranienburg nicht. Am Mittwochnachmittag waren drei Bagger mit riesigen Bohrern am Bahnhof Lehnitz im Einsatz.
Auf der Strecke sollen die Arbeiten bis 25. November abgeschlossen sein. Danach geht es weiter am Bahnhof Oranienburg. Er bleibt für Fernzüge bis 26. April 2013 gesperrt. Ab 2014 soll auch die S-Bahnstrecke mit Georadar und magnetischen Sonden abgesucht werden.
Bis Ende 2015 sollen die insgesamt rund 25 Hektar Bahnliegenschaften in Oranienburg frei von Kampfmitteln sein. Im Mai 2011 hatte sich die Bahn AG gegenüber der Stadt Oranienburg zur flächendeckenden Kampfmittelerkundung bis 2015 verpflichtet. Mindestens 20 Millionen Euro kostet die Suche. „Würde man fündig, wären für die jeweilige Beseitigung einer Bombe noch mal rund 100.000 Euro fällig“, sagt der Gesamtprojektleiter Detlef Fietzek.
Eine halbe Milliarde Euro nötig
Die Stadt zahlt für die Entschärfung der Blindgänger zwei Millionen Euro pro Jahr. „Wir bräuchten allein für die Entsorgung auf den kommunalen Grundstücken rund 70 Millionen Euro“, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Kerstin Kausche (parteilos). Würden alle Altlasten aus dem Krieg entfernt, würde das Schätzungen zufolge eine halbe Milliarde Euro kosten.
Die tatsächliche Zahl kennt aber niemand. Das im Auftrag des Brandenburger Innenministeriums erstellte Gutachten von Professor Wolfgang Spyra von der BTU Cottbus ist ein reines Rechenmodell. Der Wissenschaftler übertrug die bisherige Zahl der Bomben-Funde auf bereits geräumte Flächen und übertrug das Ergebnis – in der Annahme einer homogenen Verteilung – auf die noch zu untersuchenden Gebiete.


