Dieses Mal sind selbst die geübten Oranienburger nervös. Zwei Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg sollten im Laufe des Tages entschärft werden. Wieder einmal. Ein Dutzend sind es im Jahr. Im Boden der 40.000-Einwohner-Stadt im Landkreis Oberhavel lagern besonders viele Bomben. Wie keine zweite deutsche Stadt wurde die Kleinstadt im Zweiten Weltkrieg unter Beschuss genommen, wegen der hier ansässigen Rüstungsindustrie. Die Oranienburger haben sich an ein Leben auf dem Pulverfass gewöhnt. Eigentlich ist alles wie immer. Wären da nicht die Bilder von der missglückten Bombensprengung vor zwei Tagen in München in den Köpfen: zerborstene Fenster, brennende Dachstühle.

Am Donnerstagmorgen müssen in Oranienburg 4000 Anwohner ihre Wohnungen verlassen, nachmittags werden weitere 1800 Menschen evakuiert. Eine der 250-Kilogramm-Bomben liegt an der Kösener Straße im Süden der Stadt, die zweite in der Nähe des Bahnhofs. Ab sieben Uhr darf keiner mehr in den ersten Sperrkreis. Für die Anwohner sind Aufenthaltsplätze in Restaurants, einem Pflegeheim und in einer Kirche vorbereitet worden. Über 162 Kräfte von der Polizei bis zur Feuerwehr sind im Stadtgebiet unterwegs. Die Geduld der Bewohner wird ausgerechnet dieses Mal auf eine harte Probe gestellt. Gegen 15 Uhr sollte die erste Fliegerbombe entschärft werden.

Autofahrer ignoriert Absperrung

Doch es gibt unerwartete Verzögerungen. Sprengmeister Andre Müller meldet: Die Entschärfung muss unterbrochen werden – wegen „technischer Schwierigkeiten“. Später gibt Björn Lüttmann, der Pressesprecher der Stadt, bekannt: Ein Autofahrer habe leichtsinnigerweise eine Absperrung ignoriert und sei in den Sperrkreis eingedrungen. Im Fahrzeug saß eine weitere Person. Die beiden Kampfmittelexperten stellten darauf hin sofort die Schneidemaschine zum Abtrennen des Sprengkopfes ab. Diese verstopfte dadurch und musste erst gereinigt werden. Wie der Autofahrer überhaupt in den Sperrkreis kommen konnte, ist bislang nicht bekannt. Er muss mit einer Strafe rechnen. Die Polizei ermittelt.

Zur gleichen Zeit geben sich Nancy und Piere Jahn aus Oldenburg im Schloss Oranienburg das Ja-Wort. Die Braut nimmt die gespannte Situation in der Stadt mit Humor: „Wir haben vorgestern von der Bombenentschärfung erfahren und gesagt: Dann heiraten wir eben mit einem großen Knall.“ Die Oranienburgerin Ina Keller (30) holt gerade ihre beiden Söhne Florian (6) und Niclas (3) von der Kita ab. „So eine Bombenentschärfung ist ganz normal für uns. Wir gucken nur noch, wo der Sperrkreis dieses Mal liegt.“

Bei den jetzt zu entschärfenden Bomben handelt es sich um Nummer 137 und Nummer 138. Angelika Scherz (61) kennt kein Leben ohne ständige Bombenentschärfungen. „Schon als ich klein war, ging das hier so“, sagt sie. „Meine Eltern haben das schon mitgemacht und jetzt auch meine Enkelkinder.“ Ihre Wohnung liegt inmitten des Sperrbezirks im Süden der Stadt. „Es ist mir unerklärlich, wie das in München passieren konnte“, sagt Angelika Scherz.

Oranienburgs stellvertretende Bürgermeisterin Kerstin Kausche (parteilos) schließt einen ähnlichen Vorfall wie in Schwabing eigentlich aus: „Bei uns entschärft allein der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes die Bombe. Dessen Experten haben entsprechend viel Erfahrung.“ Private Munitionsdienste suchen in Brandenburg nach Bomben, entschärfen sie aber nicht. Das private Unternehmen, das bei der Sprengung in München dabei war, stammt nun aber ausgerechnet aus Oranienburg. Der Experte Günther Sobieralski war eigens nach München beordert worden. Der Sprengmeister ist trotzdem von dem erneuten Bombenfund in Oranienburg betroffen. Sein Unternehmen liegt ganz in der Nähe des Bahnhofs und damit im zweiten Sperrkreis. Dessen Bewohner können wegen der Verzögerung im ersten Sperrkreis noch lange nicht aufatmen. Manchen ist die Situation nun doch nicht geheuer. Gegen 16 Uhr kommt dann die erlösende Nachricht: Die erste Bombe ist entschärft. Zwei Stunden später als geplant. Der Sperrkreis wird um 16.30 Uhr aufgehoben, die Menschen dürfen in ihre Wohnungen zurück. „Es war eine Herausforderung“, sagt einer der Experten.

Sprengkopf und Bombenreste

Das zweiköpfige Munitionsbergungsteam des Landes hat den ersten Teil der Arbeit damit erfolgreich hinter sich gebracht. Die beiden Männer müssen nun die zweite Bombe unschädlich machen – indem sie sie sprengen. Denn von ihr existieren nur noch Sprengkopf und Bombenreste. Mit der Sprengung wird nicht vor 19 Uhr gerechnet. Oranienburgs stellvertretende Bürgermeisterin Kausche fordert derweil mehr finanzielle Unterstützung. Die Stadt zahlt allein für die Entschärfung der Blindgänger zwei Millionen Euro pro Jahr. Über 300 Blindgänger sollen noch im Boden liegen. „Wir bräuchten allein für die Entsorgung auf den kommunalen Grundstücken rund 70 Millionen Euro“, sagt Kerstin Kausche. Würden alle Altlasten aus dem Krieg entfernt, würde das Schätzungen zufolge eine halbe Milliarde Euro kosten. Fünf Millionen Euro und damit die Hälfte der gesamten Munitionsbergungs-Landesmittel geht bereits nach Oranienburg. Deshalb sieht Kausche vor allem den Bund in der Pflicht. „Wir Oranienburger haben den Zweiten Weltkrieg nicht begonnen.“ Während des Kriegs wurden über Oranienburg rund 22.000 Sprengkörper abgeworfen. Der Bund zahlt aber nur, wenn das Kampfmittel „reichseigen ist“. Im Bundesrat haben sich die Länder für eine Beteiligung ausgesprochen, nun muss der Bundestag neu entscheiden. Das Munitionsbergungsteam hat die anfangs verlorene Zeit schließlich aufgeholt. Um 19.05 Uhr ist ein Knall zu hören, eine Rauchwolke steigt auf. Die zweite Bombe ist unschädlich gemacht, die Sprengung gelungen.