Feinstaubwerte

Rote Ampeln sorgen für lange Staus vor Potsdam

In Richtung Innenstadt wird der Verkehr ausgebremst. Das soll die Luft verbessern. Doch nun leiden die Umlandgemeinden unter den Abgasen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Bessere Luft in Potsdam. Das verspricht ein neuartiges System, das sich umweltorientierte Verkehrssteuerung nennt. Werden zu hohe Feinstaubwerte gemessen oder zu hohe Stickstoffdioxid-Werte, verkürzen sich die grünen Ampelphasen an den Haupteinfahrtsstraßen. „Wir lassen nicht mehr so viele Autos auf einmal in die Innenstadt“, sagt Reik Becker, Leiter der Verkehrsmanagement-Zentrale. „Damit wollen wir den schadstoffintensiven Stop-and-go-Effekt vermeiden.“ Knapp ein halbes Jahr nach dem Start ist das Projekt dennoch stark umstritten: Bis die Autofahrer die Innenstadt erreichen, werden sie mitunter auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Vor allem auf der B 1 aus Richtung Werder staut sich der Berufsverkehr morgens zeitweise kilometerweit.

Geltow beschwerte sich

An der Zeppelinstraße, über die rund 10.000 Autofahrer täglich in die Stadt kommen, steht eine der vier neuen sogenannten „Pförtnerampeln“. Sie bietet an schadstoffbelasteten Tagen zu den Stoßzeiten nur relativ kurze Grünphasen.

Wer stadteinwärts in Richtung Brandenburger Tor unterwegs ist oder vorher in die Breite Straße abbiegen will, kann dem innovativen Verkehrssystem nichts abgewinnen. „Es bringt doch nichts, wenn die Leute statt früher 20 Minuten jetzt anderthalb Stunden zur Arbeit brauchen“, sagt Kerstin Hoppe (CDU), Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee in Potsdam-Mittelmark. Bis zu drei Kilometer reihten sich die Fahrzeuge nach Einführung des ausgeklügelten Systems aneinander. Es bilde sich ein Rückstau bis nach Geltow. Dabei ist Geltow, das an der Bundesstrasse 1 liegt, erst seit Kurzem Teil des „staatlich anerkannten Erholungsortes Schwielowsee“. Zuerst musste die Schadstoffbelastung an der B 1 gesenkt werden, auf der Strecke gilt nachts Tempo 30 km/h.

Nach heftigen Beschwerden und mehreren Krisengesprächen mit den Umlandgemeinden hat die Stadt inzwischen reagiert. Anfangs schaltete die Ampel in den Stoßzeiten schon nach 25 Sekunden Grün auf Rot um. Bei normalem Verkehrsaufkommen ist das nur alle 50 Sekunden der Fall. „Wir haben nachjustiert“, sagt Projektleiter Andreas Olm. „Die Grün-Phase dauert bei hohem Verkehrsaufkommen nun 42 Sekunden.“ An den meisten Tagen sei der Verkehr an der Zeppelinstraße auch zur „Rush-Hour“ von 7.30 und 8.30 Uhr zumindest zähfließend.

Staus einkalkuliert

Doch Staus kalkuliert die umweltorientierte Verkehrssteuerung durch den „Pförtnerampeleffekt“ durchaus ein: „Bis zu 1,2 Kilometer sind für die Zeppelinstraße prognostiziert, 1,8 Kilometer gar für die Nuthestraße/Behlertstraße. An der Heinrich-Mann-Allee/Friedhofgasse etwa einen Kilometer und an der Michendorfer Chaussee/Brauhausberg rund 800 Meter. Projektleiter Olm sagt: „Wenn die Steuerung eingreift, bedeutet das: Vor der Stadt wird gewartet, aber in der Stadt gibt es dann „Grüne Welle“.

An der Wand der Verkehrsmanagement-Zentrale an der Hegelallee hängt ein 2,50 mal 1,50 Meter großer Bildschirm. Vom Schreibtisch aus haben Reik Becker und Andreas Olm ganz Potsdam im Blick. Gerade fahren auf der Zeppelinstraße so viele Fahrzeuge, dass der Computer hochrechnet: Es werden innerhalb dieser Stunde 456 sein. Es ist Mittagszeit und von Stau keine Spur. Kameras liefern Bilder aller Hauptverkehrstraßen. Zeitgleich kann eine voll digitalisierte Karte eingeblendet werden. Sie zeigt 115 Ampeln im Stadtgebiet. Das vollautomatische System meldet alle halbe Stunde von fünf Messstationen die Umweltdaten. Ist die Stadt dicht, werden manche Grünphasen bis um die Hälfte verkürzt.

Umweltwerte haben sich verbessert

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) erhofft sich, dass künftig mehr Menschen ihr Auto vor der Stadt stehen lassen. Das derzeit diskutierte Verkehrsentwicklungskonzept sieht weitere Park&Ride-Plätze außerhalb Potsdams vor. Der Automobilclub ADAC hat die Verkehrssteuerung kritisiert. Potsdam könne seine Verkehrsprobleme nicht einfach vor die Tür verlagern. Solange nicht genügend Park&Ride-Möglichkeiten geschaffen sind und der öffentliche Nahverkehr verbessert ist, sollte man das Projekt nicht fortführen. Die bundesweit einmalige Verkehrssystemsteuerung kostete allerdings 2,4 Millionen Euro. 1,1 Millionen steuerte die EU bei, weitere 1,19 Millionen Euro das Land Brandenburg.

Auch Bürgermeisterin Kerstin Hoppe sagt, wer den Bus nehme, laufe Gefahr, damit auch im Stau zu stehen. Die Busspur auf der Zeppelinstraße beginnt erst an der Pirschheide. „Die Regionalbahn ist mit den derzeitigen Taktzeiten auch keinen Ersatz“, sagt Hoppe. Die Stadt hat Hoppe jetzt mitgeteilt: Das umweltorientierte System sei „alternativlos“. Die Stadt verzichtet dafür auf eine Umweltzone. „Potsdam darf seine Probleme nicht auf Kosten der Umlandgemeinden lösen“, warnt die CDU-Kreischefin und parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Katherina Reiche.

Immerhin können die Verkehrsmanager Erfolge vermelden: Es sieht bisher so aus, dass Potsdam im Jahresdurchschnitt unter den von der EU zugelassenen Grenzen bei der Feinstaub- und bei der Stickstoffdioxidbelastung bleibt.