Völlig selbstverständlich rollt der Autoverkehr über die Frankfurter Stadtbrücke gen Osten ins polnische Slubice oder in umgekehrter Richtung. Viele fahren hier schneller als das erlaubte Tempo 30, es scheint, als wollten die meisten schnell vorbei an den alten Grenzanlagen. Seit knapp fünf Jahren muss hier niemand mehr stoppen für eine Grenzkontrolle, man soll freie Fahrt haben zwischen den Städten, die früher mal eine Stadt waren und sich heute gern „Doppelstadt“ nennen. Das ist ein starkes Symbol für das vereinte Europa. Und das soll jetzt noch stärker werden: Die Grenzanlagen auf der Brücke werden gänzlich abgebaut. Am Dienstag wird die Brücke gesperrt, bis 17. Oktober bleibt der Grenzübergang für den Autoverkehr geschlossen. Viele Menschen werden sich jetzt eine Alternative suchen müssen, denn immerhin 17.000 bis 19.000 Autos täglich überqueren auf der Brücke die Oder: Es sind zum Beispiel Pendler, Studenten, Einkaufs- und Tanktouristen.
Gravierender Einschnitt
In einem ersten Bauabschnitt verschwindet die Stahl-Glas-Konstruktion des Daches. Aus Sicherheitsgründen dürfen während der Kernarbeiten keine Autos fahren. Nur Fußgängern und Radfahren ist das Passieren erlaubt. Autofahrer müssen dann einen gut 15 Kilometer langen Umweg über den Frankfurter Autobahn-Grenzübergang in Kauf nehmen oder gleich die Bundesstraße 1 über den Übergang Küstrin-Kietz nutzen. „Wir wissen, dass die Sperrung ein gravierender Einschnitt in den Grenzverkehr bedeutet, doch er ist unumgänglich“, sagt Frankfurts Dezernent für Stadtentwicklung, Markus Derling. Weitere Einschränkungen dieser Art werde es nicht geben. Mit dem Dachabriss ist der Rückbau der Grenzanlagen auf der Stadtbrücke nicht abgeschlossen. Im November beginnen der Abriss der Containerbauten, die bis auf die Brücke ragen, und der Bau einer Aussichtsplattform am Brückenanfang mit Blick auf die Oderlandschaft. In einem dritten Bauabschnitt Anfang nächsten Jahres und bis ins Frühjahr 2013 hinein soll die Straßenanbindung zwischen Brücke und Stadt dann erneuert werden. Derling ist froh, dass diese Umgestaltung auf der Stadtbrücke endlich losgeht und die stummen Zeitzeugen einer Ära verschwinden, die 1972 begann, im Zuge des Abkommens über den pass- und visafreien Verkehr zwischen der DDR und Polen. Zuvor, also seit den 1950er-Jahren, durften Reisende die Stadtbrücke nur mit Sondergenehmigung oder offizieller Einladung passieren. „In einem vereinten Europa haben Grenzanlagen nichts mehr zu suchen“, sagt der Frankfurter Dezernent. Immerhin schon seit Ende 2007 gibt es hier keine Kontrollen mehr, seit Polen damals dem Schengener Abkommen beitrat. Während die Abfertigungshäuschen bald abgerissen wurden, blieben Verwaltungsgebäude, Dach und Kontrollinseln auf der Fahrbahn stehen. Eigentümer der Anlagen ist nach wie vor die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Aufgrund dieser Zuständigkeiten hatte der komplette Abriss so lange auf sich warten lassen. Bima-Vertreter Reinhold Arnoldi spricht von „zähen Verhandlungen mit der Stadt“. Zeitweilig habe es Ideen für eine Nachnutzung der Bauten gegeben, die sich dann wieder zerschlugen. „Orte deutsch-polnischer Begegnungsarbeit gibt es genügend. Das muss nicht in den alten Grenzgebäuden passieren“, sagt Derling.
Der Stadt Frankfurt entstehen durch den Rückbau der innerstädtischen Grenzanlagen kaum Kosten. 890.000 Euro investiert die Bima jetzt in die ersten beiden Bauabschnitte. Noch einmal 490.000 Euro stellt das Bundesbauministerium für die Straßenrekonstruktion im 3. Bauabschnitt zur Verfügung. Die Kommune kauft das Gelände anschließend von der Bima, um es selbst zu gestalten. Schließlich ist es der östliche Eingang zur Stadt. Wie genau sich das Areal an der Stadtbrücke verändern wird, ist jedoch noch nicht klar. Vermarktungsbemühungen scheiterten bisher. „Ohne private Investoren wird es nicht gehen“, stellt der Dezernent klar. So lange die noch nicht gefunden sind, soll der neu gewonnene Stadtraum an der Oder seinen Angaben nach „temporär“ genutzt und mit Leben erfüllt werden – durch Freiluft-Freizeitaktivitäten, Kunstaktionen, ein Infocenter. Nicht enthalten in den bevorstehenden Baumaßnahmen ist die Verlegung von Straßenbahngleisen. „Da sind wir leider noch nicht so weit“, bedauert Derling.
Grenzüberschreitende Tram
Seit Jahren bemühen sich Frankfurt und Slubice um eine grenzüberschreitende Straßenbahnverbindung, wie es sie schon vor dem Zweiten Weltkrieg zwischen der deutschen Kommune und ihrem damaligen Stadtteil Dammvorstadt am östlichen Oderufer gegeben hat. Die Umsetzung wird allerdings angesichts mangelnder kommunaler Mittel nur mit EU-Fördergeldern gelingen. Frühestens für die Förderperiode ab 2014 könnten dafür Anträge gestellt werden. Ab dem nächsten Jahr soll testweise zunächst eine Busverbindung zwischen Frankfurt und Slubice über die Stadtbrücke eingerichtet werden.





