Städtebau

Potsdam sind im Fall "Hotel Mercure" die Hände gebunden

Für viele ist der 17-geschossige Bau ein architektonischer Schandfleck. Vergleichbare Gebäude der Ost-Moderne sind schon niedergerissen.

Foto: DAPD

Gäbe es nur eine Möglichkeit, die Potsdamer Bauverwaltung würde wohl selbst die Abrissbirne in Schwung setzen, um das ehemalige „Interhotel“ an der Langen Brücke abzureißen. Und stünde damit nicht allein. Das 1969 erbaute Hochhaus, das heute als Mercure-Hotel Gästen in 210 Zimmern Vier-Sterne-Qualität bietet, ist vor allem denen ein Dorn im Auge, die sich einem historischen Stadtbild verschrieben haben. Plattenbau gegen klassizistische Fassade – in Potsdam wird derzeit kontrovers über das Erbe der DDR-Architektur diskutiert.

Vis-à-vis dem künftigen Landtag – in der Optik des alten Stadtschlosses – schraubt sich der schlichte 17-Geschosser mit dem rosafarbenen „Mercure“-Schriftzug in die Höhe. „Mit dieser Höhendominante sprengt das Haus alle Maßstäbe in der Landeshauptstadt. Nur mit einem Um- oder Abbau des Gebäudes könnten Sichtbeziehungen und Proportionen der Potsdamer Mitte und der Stadtsilhouette wiederhergestellt werden“, macht Baudezernent Matthias Klipp (Grüne) keinen Hehl aus seinen Wünschen. Und weiß sich damit auf sicherem Boden: Bereits 1990 hatten die Potsdamer Stadtverordneten für eine Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss gestimmt. Mittlerweile kann sich Klipp auf das auf diesem Beschluss basierende Leitbautenkonzept stützen.

Verlängerung ungewiss

Im Fall „Hotel Mercure“ sind der Stadt allerdings die Hände gebunden. Das Haus, das Hotelbetreiber Accor gemietet hat, befindet sich im Eigentum der US-Investmentgesellschaft Blackstone. Klipp will auf seine Chance warten. Die könnte Ende des Jahres kommen. Der Betreibervertrag läuft im Dezember aus. Noch steht nicht fest, ob Accor verlängern wird. „Die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Aber wir sind in guten und konstruktiven Gesprächen mit dem Vermieter. Immerhin ist der Standort des Hotels herausragend“, erklärt Accor-Sprecher Michael Kirsch. Der SED-Prestigebau im Zentrum der Stadt ist nur ein Posten auf Klipps Liste der zur Disposition stehenden Objekte der Ost-Moderne. Umstritten deshalb, weil sie „in einer bestimmten Zeit ganz bewusst gegen den Stadtgrundriss gebaut wurden“, sagt Klipp.

Andere einst exponierte Gebäude sind schon niedergerissen – wie das neungeschossige „Haus des Reisens“ an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße und Yorckstraße, 1969 wegen des morastigen Untergrunds auf 82 Pfählen errichtet. Oder das „Haus der Wasserwirtschaft“, ein funktionaler Plattenbau, der der künftigen Synagoge an der Schloßstraße weichen musste. Das gleiche Schicksal erwartet den nahe am Park Sanssouci gelegenen früheren Intershop an der Schopenhauerstraße. „Der Flachbau wird noch in diesem Jahr abgetragen“, kündigt Klipp an. Fallen werde auch das 1971 fertiggestellte Rechenzentrum an der Breiten Straße. „Es verhindert die Wiederherstellung der Plantage und des Alten Stalls.“ Bewahrt werden soll einzig das aus 18 Bildern bestehende, von Fritz Eisel unter dem Motto „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ gestaltete Wandmosaik.

Gleiche Kriterien bei allen Bauten

„Ob Bauten der Ost-Moderne oder anderer Epochen, für alle gelten die gleichen Kriterien von Nutz- und Gebrauchswert, Qualität von Entwurf und Detail, Denkmalwert und der Vereinbarkeit mit den städtebaulichen Zielen der Landeshauptstadt“, betont der Verwaltungsmann. Dass beispielsweise das ehemalige Kulturhaus des früheren Ministeriums für Staatssicherheit in Golm unter Denkmalschutz stehe, belege, dass in Potsdam unverkrampft und unideologisch mit der DDR-Architektur umgegangen werde. „So etwas wie in Berlin kann in Potsdam nicht so schnell passieren“, spielt Klipp auf den Abriss des „Ahornblatts“ an der Fischerinsel an. Im Jahr 2000 war der von Ulrich Müther entworfene Schalenbau zur Bestürzung vieler Berliner dem Erdboden gleichgemacht worden. In Potsdam dagegen sei das Werk des Schalenbau-Pioniers, das Café „Seerose“, geschützt.

18 Gebäude aus der DDR-Zeit genießen in Potsdam den gleichen Status. Vergleichsweise viele, wie das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege bescheinigt. „Zu wenige“, sagt dagegen Thomas Hintze, Chef der Bürgerinitiative „Pro Brauhausberg“. Das Terrassencafé Minsk hat der Potsdamer dabei vor Augen. Von der Pracht des 1977 zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution eröffneten Restaurants mit einer Außenterrasse, die Platz für 110 Gäste bot, ist kaum etwas geblieben. Seit gut 15 Jahren pfeift der Wind durch die Fensterhöhlen, haben Sprayer und Randalierer ihre Spuren am Gebäude hinterlassen. Kein schöner Anblick, wie Hintze zugibt. „Aber das ‚Minsk' hat etwas zu erzählen. Für viele Alteingesessene bedeutet es ein Stück Identität.“ Der 41-Jährige erinnert an die ungewöhnliche Baugeschichte.

Dem Staat hätten die nötigen Mittel gefehlt, um den Entwurf von Karl-Heinz Birkholz in die Praxis umzusetzen. Auf Großplakaten mit der Aufschrift „Unser sozialistisches Leben wird schöner! Helfen auch Sie beim Aufbau mit!“ wurde daher um Spenden und die Arbeitskraft der Potsdamer geworben. Betriebsbelegschaften wie Privatpersonen packten tatsächlich an Wochenenden und nach Feierabend mit an. Für Hintze und seine Mitstreiter allein schon Grund genug, um das „Minsk“ zu erhalten. Doch den Antrag der Initiative auf Schutz lehnten die Denkmalpfleger mit Verweis auf den schlechten baulichen Zustand des einstigen Restaurants ab.

Eine Entscheidung, die Michael Braum, Vorstandsvorsitzender der in Potsdam ansässigen Bundesstiftung Baukultur, für überdenkenswert hält. „Hier ist ein Architekt gegen den Strom geschwommen, hat eine Nische gefunden, um seinen individuellen Vorstellungen Raum zu geben. Das war in diesem System eine Ausnahmeerscheinung“, plädiert Braum für einen differenzierten Blick auf die Ergebnisse des Städtebaus nach dem Krieg. „Letztlich gibt es nur gute oder schlechte Beispiele von Architektur in Ost wie West.“

Für den Baubeigeordneten Klipp ist der Streit ums „Minsk“ müßig. Mit Blick auf vertretbare Kosten habe der Markt doch längst entschieden. „Es findet sich weder ein Investor noch ein Betreiber für das Restaurant.“

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