Wiederaufbau

Das ist Potsdams neues Stadtschloss

Der künftige Landtag in Potsdam wird voraussichtlich ein Jahr später fertig als geplant. Ein Besuch auf der Baustelle des Stadtschlosses.

Foto: Franka Bruns

Aus mehr als 18 Meter Höhe sieht die derzeit größte und bedeutendste Baustelle in Potsdam aus wie aus einem bunten Bilderbuch von Ali Mitgutsch: Arbeiter mit grünen Helmen und gelben Westen laufen unten im Innenhof zwischen dem dort gelagerten Baumaterial hin und her, Männer verankern vorsichtig den Sandstein an der Fassade. Darüber werden die ersten Fenster eingepasst. Es wird gehämmert und gebohrt. Auf dem Gelände sind derzeit rund 200 Arbeiter im Einsatz. Sie sorgen dafür, dass Potsdam sein Stadtschloss zurückbekommt – allerdings mit moderner Innengestaltung. Denn hier soll der Landtag einziehen. „Wir haben das ehrgeizige Ziel, im Spätherbst 2013 fertig zu werden“, sagt Projektleiter Michael Spahr.

Wir stehen mit ihm auf dem Dach der künftigen Restaurant-Terrasse im Südflügel. Der Diplom-Ingenieur aus Heilbronn zeigt für die Morgenpost-Leser vorab, was die Bürger derzeit noch nicht zu sehen bekommen: einen grandiosen Blick über Potsdam, und das von der historischen Stadtmitte aus. Geradeaus erhebt sich hinter dem Fortunaportal die Kuppel der Nikolaikirche, ein paar Meter weiter glänzt die vergoldete Atlasfigur auf der Spitze des Alten Rathauses in der Sonne.

Fortunaportal jetzt integriert

Von der noch betonnackten Terrasse des künftigen öffentlichen Dachrestaurants aus ist das gegenüberliegende Fortunaportal mit der goldglänzenden Fortuna unübersehbar. Jahrelang wirkte es wie abgestellt auf dem Alten Markt. TV-Moderator Günther Jauch hat für dessen Wiederaufbau vor mehr als zwölf Jahren mehrere Millionen Euro gespendet. Jetzt fügt es sich als Eingangstor in das Ensemble ein.

Noch können wir auch auf der anderen Seite des Gebäudes draußen stehen. Da, wo sich bald ein Gewölbe mit dem Dach über einen Raum mit Lüftungstechnik spannen wird. Während die Zimmererleute die Holzbögen als Stützen einpassen, blicken wir über die Havel. Zur Schiffsanlegestelle der Weißen Flotte, und darüber hinweg zum derzeitigen Landtag auf dem Brauhausberg. Das marode Backsteingebäude erscheint düster und abweisend.

Durch ein Loch in der Decke kann man von dieser 4. Etage in den künftigen Plenarsaal hinuntersehen. 472 Quadratmeter groß, bietet er nicht nur Platz für die 88 Abgeordneten, Regierungsmitglieder und Mitarbeiter – und für 195 Besucher und 30 Pressevertreter. Architekt Peter Kulka hat den Auftrag, für die Berliner Parlamentarier mitzuplanen – falls es doch noch zu einer Länderehe kommt.

Erstaunlich nah rollen die Autos von der Langen Brücke Richtung Zentrum an den hohen Fenstern des Plenarsaals vorbei. Für den neuen Landtag wurde die Straße Richtung Süden mitsamt der Straßenbahntrasse um einige Meter verlegt. Das Gebäude soll an exakt gleicher Stelle stehen wie einst das von Knobelsdorff erbaute Stadtschloss zu Zeiten von Friedrich II. Nur der Innenhof wird etwas kleiner. An einigen Stellen der Fassade sind bereits einige der Kapitelle vom einstigen Stadtschloss, die obere Säulenverzierung, angebracht. Etwa 300 historische Stücke, sogenannte Spolien, kommen an die Außenwand. Das Schloss wird altrosa gestrichen – nach historischem Vorbild. Auch werden 3000 Kubikmeter Sandstein verbaut, erzählt Projektleiter Spahr.

Dass der neue Landtag zumindest von außen wie das frühere Stadtschloss aussehen wird, verdankt Potsdam dem Software-Milliardär Hasso Plattner: Auf dem Höhepunkt des Streits um die Gestaltung spendete er 20 Millionen Euro. Voriges Jahr überraschte der Mäzen mit einer weiteren Spende: Er finanziert nun auch noch das Kupferdach mit. Bis Herbst soll es fertig sein. Plattner will Potsdam jetzt auch eine Kunsthalle schenken. Er will sie aber am liebsten dort haben, wo das 17-stöckige Hotel Mercure den Blick von und zum Stadtschloss beeinträchtigt. Das stellt die Stadt vor eine unbequeme Entscheidung. Gegen einen Abriss macht vor allem die Linke mobil.

Für die unerwartet gestiegenen Baukosten beim Landtagsneubau wird Mäzen Plattner wohl nicht aufkommen. 120 Millionen Euro waren geplant, einer Hochrechnung des Finanzministeriums zufolge könnten es aber bis zu 15 Millionen Euro mehr sein. Mit dem Baukonzern BAM Deutschland AG, der den Bau in öffentlich-privater Partnerschaft errichtet und 30 Jahre betreiben soll, wird immer noch über Mehrkosten verhandelt – unter anderem für Änderungswünsche des Ministeriums.

Der Landtag hätte bereits Ende 2012 fertig sein sollen, nun wird es voraussichtlich ein Jahr später. Projektleiter Spahr, der bei der BAM angestellt ist, sagt: „Durch die archäologischen Grabungen haben sich die Arbeiten verzögert. Vor allem aber durch das viele Grundwasser, mit dem keiner gerechnet hat.“ In Spitzenzeiten mussten pro Tag 24.000 Kubikmeter abgepumpt werden. „Das ist dreimal so viel wie die Stadtwerke täglich an Trinkwasser fördern“, erläutert Spahr.

Etwa ein Drittel der Baukosten seien bisher verbaut. Während der Tief- und Rohbauphase wurden 7000 Lkw-Ladungen mit Bodenaushub und Material transportiert. Der Baustellenbetrieb laufe gut, sagt er. Bislang kam es zu vier kleineren Unfällen. Ab Herbst sollen bis zu 400 Bauarbeiter gleichzeitig arbeiten. Etwa 60 Prozent kommen aus der Region, sagt Spahr. Schwarzarbeiter gebe es hier nicht. „Wer rein will, braucht einen Ausweis.“

Tag der offenen Baustelle

Am 12. Mai wird es einen „Tag der offenen Baustelle“ geben – von 11 bis 17 Uhr. Dazu werden zehntausend Besucher erwartet. Der Stadtschlossverein und die Initiative Mitte Schön erhoffen sich von dem hohen Interesse verstärkt Spenden. Damit auch der Figurenschmuck zurückkommt. Etwa 600 Fragmente der Originalsubstanz könnten integriert werden. Von den ehemals 76 Attikafiguren sind 17 erhalten, von weiteren 18 Skulpturen Fragmente. Acht der Sandsteinskulpturen stehen auf dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität in Berlin. Ob sie nach Potsdam zurückkehren, wird derzeit diskutiert.