Der Alte Markt, das war einmal das Zentrum Potsdams. Mit Exzellenzen, vornehmen Patriziern und Markttreiben. Rund um den Obelisken vor der Nikolaikirche verkauften bis in die 40er-Jahre Bauern Obst und Gemüse, die Potsdamer kamen gern dorthin. Wer sich dem Platz zu DDR-Zeiten näherte, betrat eine Bühne, die leer geräumt war. Kein Klimpern des Zaumzeugs königlicher Pferde, kein prächtiger Fassadenschmuck bürgerlicher Palazzi und kaum mehr etwas, das an die Hohenzollern erinnerte. Ein Ort zum Durcheilen, nicht zum Verweilen.
Geblieben waren die Nikolaikirche und das Alte Rathaus, einige Dutzend Meter entfernt der unter Friedrich Wilhelm I. für die königlichen Pferde ausgebaute Marstall. Nur wenige Gebäude trotzten der Abrisswut der SED. Aber dort, wo einst das Schloss stand, war nichts mehr: keine Putte und kein Giebelrest, die auf das Stadtschloss hätten hinweisen können. Die DDR hatte das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Schloss abreißen lassen. Zu sehr war ihr alles verhasst, was mit Preußen in Verbindung stand. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR ist nun Richtfest für Potsdams neues Schloss, in das statt des preußischen Adels Brandenburgs Landtagsabgeordnete einziehen werden.
Mit dem Landesparlament soll vom Frühjahr 2013 an wieder Geschäftigkeit an den Alten Markt kommen. Bis dahin tagen die 88 Volksvertreter in einem maroden Backsteinbau auf dem Brauhausberg. Bis zur Wende residierte dort die Bezirksregierung. Immer noch ist am Turm der ehemaligen Königlichen Kriegsschule das verblichene Emblem der SED sichtbar.
Seit März 2010 wird an dem Neubau in der historischen Stadtmitte gebaut. Der Auftrag war an das niederländische Unternehmen BAM gegangen. Der Dresdener Architekt Peter Kulka erhielt den Auftrag, einen Landtag in den Umrissen und mit der Fassade des einstigen Stadtschlosses zu verwirklichen, also Moderne und Geschichte miteinander zu verbinden. Er sagt: „Wir haben uns immer wieder gefragt: Was hätte Knobelsdorff in der heutigen Zeit getan? Diesen Geist herauszuspüren war uns wichtig.“ Der Bau soll rund 120 Millionen Euro kosten. Der Software-Milliardär Hasso Plattner spendete für die Fassade 20 Millionen Euro, jetzt will er noch einen beträchtlichen Betrag für ein Kupferdach bereitstellen. Damit kommt die Rekonstruktion dem Original ein großes Stück näher. Bisher war aus Kostengründen ein Titan-Zink-Dach vorgesehen. Das Parlament wird in das Landtagsschloss für die nächsten 30 Jahre zur Miete einziehen, später soll das Gebäude in Landeseigentum übergehen. Seit fast 20 Jahren war über einen neuen Landtag gestritten worden. So lange herrschte am Alten Markt Leere. „Es kommt endlich wieder Leben in die alte Mitte Potsdams“, sagt Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD).
Touristen stehen und staunen
Ein blauer Schriftzug unweit der riesigen Baustelle und der barocken Musterfassade, die den Landtag schmücken soll, wirbt derzeit für das 300. Geburtstagsjubiläum Friedrichs des Großen. Touristen stehen dort und staunen, können nicht glauben, dass der Alte Markt einst das Zentrum der Stadt war. Er soll es wieder werden. Die neue Mitte setzt dabei auf leisen Luxus.
Prunkvollster Bau direkt neben dem Landtagsschloss wird das Palais Barberini. Der Palast soll an der Humboldtstraße mit dem fünfachsigen Mittelrisalit und seinen vierachsigen Flügelbauten möglichst auch innen originalgetreu wieder aufgebaut werden. Die Investorin Gertrud Schmack und Inhaberin des Hotels „Bayrisches Haus“ will dort ein Hotel unterbringen. Wer es betreibt, ist noch offen. Das ursprüngliche Palais Barberini hatte seinen Namen nach dem italienischen Vorbild erhalten, dem Palazzo Barberini in Rom. Mitte des 19.Jahrhunderts fügten Ludwig Persius und Ludwig Ferdinand Hesse die repräsentativen, zum Havelufer ausgerichteten Seitenflügel dazu. Das Haus wurde in der Bombennacht vom 14. April 1945 zerstört.
Der italienische Star-Architekt Franco Stella, nach dessen Plänen das Berliner Stadtschloss aufgebaut werden soll, hat an der Alten Fahrt an der künftigen Brauerstraße für die Lelbach-Stiftung eine Stadtvilla entworfen – in moderner Architektur, aber mit Referenzen an den italienischen Renaissancebaumeister Andrea Palladio, auf dessen Entwurf auch das bestehende Alte Rathaus zurückgeht. Entstehen sollen in der Stadtvilla überwiegend hochpreisige Wohnungen. Stella hat sich dabei klar an den Vorlieben Friedrichs II. orientiert. Geplant ist das Palais als Block, der sich vom Markt mit freiem Blick auf die Nikolaikirche bis zur Alten Fahrt zieht, einem Arm der Havel.
Auch das Vorbild für die Humboldtstraße 4 stammt aus Italien. Carl Christian Gontard orientierte sich für sein 1777 erbautes Haus am Palazzo Chiericati in Vicenza – ebenfalls von Palladio. Die Prinz von Preußen Grundbesitz AG will das Haus mit der Leitfassade mit Wohnungen, Einzelhandel und Gastronomie aufbauen. Sie hat in Potsdam auch schon die historischen Speicher in der Speicherstadt saniert. An der Humboldtstraße 3 soll der Palazzo Pompei mit Wohnungen und Gewerbe wieder erstehen. Er war 1754 nach dem gleichnamigen Vorbild in Verona entstanden.
Die Fassaden der Gebäude neben dem Palais Barberini sollen wie früher aussehen, dahinter darf es dann ein bisschen moderner sein. Für die Ecke zur Langen Brücke, über die ein Großteil des Potsdamer Verkehrs rollt, lässt das städtebauliche Konzept eine zeitgemäße Gestaltung zu. Früher stand dort der wilhelminische Prunkbau des Palasthotels. Der niederländische Baukonzern Kondor-Wessels plant nun ein fünfgeschossiges Ärzte- und Bürohaus, ergänzt durch ein Restaurant am Wasser.
Pläne für Synagoge liegen auf Eis
Auf dem Grundstück Schwertfegerstraße 9/Ecke Friedrich-Ebert-Straße will die Bürgerstadt AG Musikerwohnungen bauen lassen. Das Acht-Ecken-Haus soll mit historischer Fassade wieder errichtet werden. Fast 70 Millionen Euro geben die sechs Investoren aus. An der Schloßstraße 1 soll in bester Lage die neue Synagoge entstehen. Die Pläne liegen derzeit wegen der Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde auf Eis.
Eine Auswahlkommission, in der Stadtplaner, Immobilienexperten und Kommunalpolitiker saßen, hat diese Sieger einer Ausschreibung für die neue Mitte gekürt. Die Stadtverordneten wollen voraussichtlich im Dezember über den Verkauf der Grundstücke an die Investoren entscheiden.
Ganz in der Nähe will zudem der Berliner Bauträger „Artprojekt“ in der historischen Mitte Potsdams 30 familiengerechte Townhouses mit Garten und zehn Wohnungen errichten. Baubeginn für das Quartier „Nikolaigärten“ nach Plänen der Architekten Patzschke-Schwebel, Potsdam-Berlin, soll Anfang 2012 sein. Das Unternehmen hat ein rund 6000 Quadratmeter großes Areal zwischen Yorck- und Dortustraße, Charlottenstraße und Wilhelm-Staab-Straße erworben. Die Townhouses mit fünf bis acht Zimmern und gehobener Ausstattung werden über Wohnflächen zwischen 140 und 225 Quadratmetern verfügen; die Eigentumswohnungen sollen zwischen 70 und 180 Quadratmeter groß sein.

