Regionalverkehr

Die Odeg braucht dringend Züge

Die Ostdeutsche Eisenbahn übernimmt zwei weitere Regionallinien – doch noch fehlen die Bahnen. Morgenpost Online sprach mit dem neuen Odeg-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann über den Großauftrag.

Foto: Christian Kielmann

Morgenpost Online: Herr Schuchmann, Sie sind jetzt Chef der Ostdeutschen Eisenbahn. Zuvor haben Sie in Hamburg, Zürich und zuletzt in Salzburg gearbeitet. Was zieht Sie in die Großstadt Berlin?

Arnulf Schuchmann: Ich bin zunächst von den Odeg-Gesellschaftern gebeten worden, als Projektleiter die Übernahme der im Netz Stadtbahn gewonnenen Linien vorzubereiten. Das ist ja eine große Herausforderung für das kleine Unternehmen. Das Leistungsvolumen wird sich verdoppeln, auch etwa die Zahl der Mitarbeiter. Daraus ist mehr geworden, nun werde ich dauerhaft hierher ziehen. Ein Dach über dem Kopf habe ich inzwischen in einem kleinen Dorf am nordöstlichen Stadtrand von Berlin gefunden. Da fällt meiner Frau und mir der Abschied aus dem Salzburger Land nicht so schwer.

Morgenpost Online: Ab Dezember 2012 wird die Odeg nicht nur Nebenstrecken, sondern auch wichtige Regionalexpresslinien in Berlin und Brandenburg bedienen. Gibt es einen reibungslosen Wechsel von der Deutschen Bahn zu Ihnen?

Arnulf Schuchmann: Alles, was wir tun können, wird getan. Aber wir brauchen fahrbereite, zugelassene Züge. Ob die bestellten 16 Doppelstocktriebzüge vom Typ KISS von Stadler rechtzeitig zur Verfügung stehen, lässt sich noch nicht sicher sagen. Die Produktion läuft, das Zulassungsverfahren wird zwischen Hersteller und Eisenbahn-Bundesamt abgestimmt.

Morgenpost Online: Wenn die Züge nicht rechtzeitig verfügbar sind, haben Sie dafür schon einen Plan B?

Arnulf Schuchmann: Eigentlich sind wir zuversichtlich, dass die Züge rechtzeitig da sein werden. Wenn nicht, gibt es zwei Alternativen: Zum einen würden wir dann versuchen, Ersatz herbeizuschaffen. Wir könnten lokbespannte Züge mit etwa der gleichen Platzkapazität einsetzen. Lokomotiven würden wir sicher bekommen, aber mit den erforderlichen Reisezugwagen wird es schwierig – doppelstöckige Wagen bekämen wir wahrscheinlich nur bei DB Regio. Sollten einige, aber noch nicht alle unsere Züge da sein, könnten wir als Ersatz auch teilweise dreiteilige Flirt-Triebwagen in Doppeltraktion einsetzen. 600 Reisende könnten so pro Zug befördert werden. Das wäre kein vollständiger Ersatz für den KISS mit Platz für mehr als 800 Fahrgästen. Aber besser als nichts. Die zweite Variante ist, dass DB Regio auf den RE-Linien etwas länger fährt. Aber soweit ich weiß, sind deren Züge auch schon verplant.

Morgenpost Online: Sie haben bereits den Neustart der Berchtesgadener Land Bahn gemanagt. Auch da konnte die Industrie nicht liefern.

Arnulf Schuchmann: Da konnte die Industrie liefern, aber an der Zulassung haperte es. Die hat sich am Ende um rund drei Monate verzögert. Erst haben wir einen Ersatzverkehr mit Bussen organisiert, dann haben wir uns von überall her Ersatzfahrzeuge zusammengeborgt, darunter auch Wagenmaterial vom Traditionsverein in Stuttgart. Ich will aber auch klar sagen, Busverkehr als Ersatz ist für die langen RE-Linien durch Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern keine sinnvolle Lösung.

Morgenpost Online: Bei den Qualitätsbewertungen des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg bekam die Odeg zumeist sehr gute Noten. Wie wollen Sie dieses Niveau halten?

Arnulf Schuchmann: Da gibt es für mich drei Komponenten: Die erste sind die Mitarbeiter, die wir mit intensiven Schulungen möglichst perfekt vorbereiten wollen. Ganz wichtig ist der Service-Gedanke. Es gibt nichts Schlimmeres für den Fahrgast, als wenn sein Zug irgendwo steht und er weiß nicht warum. Das zweite sind die technischen Vorbereitungen. Wir installieren derzeit eine neue Leitstelle in Berlin. Damit können wir den Reisenden Informationen über Abfahrten und Verspätungen in Echtzeit geben. Die dritte Komponente ist eine möglichst enge Zusammenarbeit mit der Bahntochter DB Netze, die für den Zustand des Schienennetzes verantwortlich ist. Wir erleben ja gerade, wie die vielen Baustellen uns im Alltag schon zu schaffen machen.

Morgenpost Online: Stellen Sie auch neue Mitarbeiter ein?

Arnulf Schuchmann: Bereits jetzt haben wir ab Dezember 40 Mitarbeiter – darunter Lokführer und Zugbegleiter – eingestellt, weitere zehn kommen in der Verwaltung hinzu. In Vorbereitung der Übernahme der beiden Regionalexpresslinien stellen wir weitere 120 Mitarbeiter ein. Selbstverständlich freuen wir uns auch über jede Bewerbung eines erfahrenen Lokführers.

Morgenpost Online: Was werden die neuen Odeg-Züge den Fahrgästen bieten?

Arnulf Schuchmann: Zunächst alle Standards, die in modernen Schienenfahrzeugen heute üblich sind. Es gibt mehr Platz für Rollstuhlfahrer und geräumige Toiletten. Die Wagen werden alle klimatisiert sein und – was mich besonders freut – eine Fußbodenheizung haben. Und die Fahrten werden geräuscharm sein, die Züge sind sagenhaft laufruhig.

Morgenpost Online: Wird man im Zug auch mit Handy und Laptop arbeiten können?

Arnulf Schuchmann: Nach unseren Recherchen ist die Netzabdeckung entlang der Strecken recht gut. Wir sind aber noch im Gespräch mit dem Hersteller und den Aufgabenträgern, sogenannte Repeater einbauen zu lassen. Damit kann der Funkempfang im Zug deutlich stabilisiert werden.

Morgenpost Online: Bei einem Ihrer Partnerunternehmen können sich Stammfahrgäste vorab einen Sitzplatz reservieren. Werden Sie diesen im Berliner Regionalverkehr bislang unbekannten Service auch einführen?

Arnulf Schuchmann: Das ist derzeit nicht vorgesehen. Die Züge verfügen zumindest über kein elektronisches System zur Sitzplatzreservierung. Wir werden uns aber das Fahrgastverhalten genau anschauen. Prinzipiell ist zu sagen, dass wir Verträge mit den Bestellern der Verkehrsleistungen – also den Ländern Berlin und Brandenburg – haben, die uns kaum finanzielle Anreize geben, mehr als im Vertrag vorgesehen zu tun. Jeder im Ticketverkauf zusätzlich eingenommene Euro geht an die Länder, ohne dass sich unsere Vergütung ändert.

Morgenpost Online: Im Metronom gilt zudem seit zwei Jahren ein Verbot für Bier und andere Alkoholika. Seither gibt es weniger Gewaltvorfälle, auch der Vandalismus ist zurückgegangen. Halten Sie das auch hier für sinnvoll?

Arnulf Schuchmann: In der Frage müssen alle Verkehrsunternehmen an einen Tisch um zu beraten, ob ein Verbot sinnvoll und durchsetzbar ist.

Morgenpost Online: Die Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr wird in Berlin stark diskutiert, Fahrgastverbände fordern mehr Bahn-Mitarbeiter vor Ort. Wie werden Ihre Züge besetzt sein?

Arnulf Schuchmann: Die Verträge sehen vor, dass jeder Zug mit einem Triebfahrzeugführer und einem Zugbegleiter ausgestattet ist. Das ist sicherlich ausreichend bei Fahrten im Stadtbereich und zu normalen Zeiten. Etwas anders könnte die Bewertung für Fahrten außerhalb Berlins am frühen Morgen oder am späten Abend ausfallen. Da könnte mehr Personal notwendig sein. Das ist eine Frage, die der Auftraggeber beantworten und am Ende auch bezahlen muss.

Morgenpost Online: Wird es eine Videoüberwachung im Zug und Notruf-Knöpfe geben?

Arnulf Schuchmann: Videoüberwachung des gesamten Zuges: Ja. Darüber hinaus gibt es Notsprechstellen an jedem Einstiegsbereich und an den Rollstuhlstellplätzen, die direkt mit dem Triebfahrzeugführer verbunden sind.

Morgenpost Online: Zuletzt machte die Odeg Schlagzeilen, weil Lokführer monatelang für einen Tarifvertrag streikten . Auf einigen Strecken fuhren Busse statt Bahnen, manchmal auch nichts. Ist der Konflikt gelöst oder müssen sich die Fahrgäste auf neue Unannehmlichkeiten einrichten?

Arnulf Schuchmann: Wir befinden uns im Schlichtungsverfahren und ich habe die große Hoffnung, dass wir uns mit der Gewerkschaft der Lokomotivführer einigen können. Über die Details ist aber Stillschweigen vereinbart.