Zweijährige im Zug

Mutter zeigt Bahn wegen Kindesentziehung an

Bahn-Chef Grube hat sich per SMS bei der Mutter entschuldigt, deren zweijährige Tochter fast eine Stunde allein im Regionalexpress fahren musste. Doch damit sorgt er für neuen Ärger

Foto: privat

Die junge Mutter, die auf dem Bahnhof Pritzwalk (Prignitz) von ihrem Kleinkind getrennt wurde, hat drei Tage nach dem Bahndrama den Schock größtenteils überwunden. Die Wut der 19-Jährigen auf die Deutsche Bahn ist aber noch nicht verflogen. Ulrike Kracht hat am Montag auf der zuständigen Wache Strafanzeige gegen die Bahn erstattet. Die Polizei ermittelt jetzt wegen Kindesentziehung.

Wie berichtet, hatte die junge Mutter am Freitag am Pritzwalker Bahnsteig mit ansehen müssen, wie ihre Tochter Marie-Luise plötzlich allein in dem Regionalexpress RE6 in Richtung Berlin davonfuhr, nachdem der Lokführer die Türen geschlossen hatte. Ulrike Kracht hatte zuerst den sperrigen Kinderwagen auf den Bahnsteig gewuchtet und wollte ihre Tochter gerade aus dem Zug heben, als der Regionalexpress anfuhr. Erst 45 Minuten später konnte das kleine Mädchen in Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) den Zug wieder verlassen.

Die Deutsche Bahn versucht sich unterdessen in Schadensbegrenzung. Zum einen sollen die Hintergründe des Zwischenfalls untersucht werden. Darüber hinaus kündigte ein Bahnsprecher am Montag einen persönlichen Besuch eines Bahnvertreters bei der Mutter in Wittenberge an.

Der Rückruf ist ausgeblieben

Die erste Kontaktaufnahme der Bahn am Sonntag hatte bei der jungen Frau eher Empörung ausgelöst. Zwar hatte Bahnchef Rüdiger Grube Ulrike Kracht persönlich angerufen, allerdings in einem ungünstigen Moment. Statt des angekündigten späteren Rückrufs erhielt die Mutter dann aber nur eine SMS mit einer Entschuldigung und dem Versprechen, den Fall aufzuklären. Von einer Entschädigung, in welcher Form auch immer, war in der elektronischen Mitteilung des Bahnchefs nicht die Rede.

Die Deutsche Bahn betont, das Kind sei während der Allein-Fahrt zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen. Zunächst habe sich eine Zugbegleiterin um die Zweijährige gekümmert und sie getröstet. Schließlich durfte die Kleine im Führerstand des Zuges beim Lokführer Platz nehmen, der während der Fahrt auch dafür sorgte, dass Marie-Luise im Bahnhof Neuruppin von einer Bahnmitarbeiterin in Empfang genommen wird. „Theoretisch hätte dies auch an einem früheren Halt, etwa in Wittstock/Dosse, erfolgen können“, sagte ein Bahnsprecher am Montag der Berliner Morgenpost. Offenbar sei das dem Lokführer aber in der Kürze der Zeit nicht möglich gewesen. Auch fuhr zum fraglichen Zeitpunkt kein Zug in die Gegenrichtung, der die Kleine wieder mit nach Pritzwalk hätte nehmen können. Nach seinen Erkenntnissen habe sich der Lokführer angemessen verhalten, so der Sprecher weiter. Ungeachtet dessen hatte die Bahn bereits am Sonntag ihr Bedauern erklärt und eine „lückenlose Aufklärung“ des Zwischenfalls angekündigt. Bei dem Fall handele es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände. Jetzt sollen die Bahn-Mitarbeiter befragt werden, um noch offene Fragen zu beantworten.

Mit Erstattung der Anzeige durch Ulrike Kracht werden die Beteiligten nun auch den Ermittlern der Landespolizei Rede und Antwort stehen müssen.

Die 19 Jahre alte Mutter interessiert sich vor allem dafür, warum der Zug nicht gleich gestoppt werden konnte. Sie habe sich in voller Panik umgehend an einen Bahn-Angestellten gewandt. Doch der habe mit Hinweis auf den Fahrplan abgelehnt, den Zug zu stoppen. Die Mutter erlebte die Szenerie wie einen Albtraum. Zwei Männer waren ihr noch zu Hilfe geeilt, liefen neben dem anfahrenden Zug her und klopften vergeblich gegen die Fenster.

Ulrike Kracht war dann voller Angst um ihre Tochter vom Bahnhof zur nahen Polizeiwache gelaufen und hatte die Situation geschildert. Die Beamten reagierten hilfsbereit. Nach Rücksprache mit der Bahn fuhren zwei Polizisten die Frau kurzerhand mit einem Streifenwagen nach Neuruppin. Nachdem die erleichterte Mutter die verängstigte Marie-Luise wieder in die Arme geschlossen hatte, brachten die Polizisten Mutter und Kind wieder nach Pritzwalk zurück – zur Großmutter, die die beiden besuchen wollten.