Kind allein im Zug

Die längsten Minuten im Leben einer Mutter

Erst musste der sperrige Kinderwagen aus dem Waggon. Dann wollte Ulrike Kracht ihre zweijährige Tochter in Pritzwalk aus dem Regionalexpress heben. Doch da fuhr der Zug los. Die Mutter erzählte Morgenpost Online von den längsten Minuten ihres Lebens.

Foto: privat

Angsterfüllt presst sich Marie-Luise in die Ecke der Sitzbank eines Zugabteils. Weinen kann sie nicht, sie ist zu geschockt. Mit gerade einmal zwei Jahren ist sie im Regionalexpress unterwegs. Allein, ganze 45 Minuten lang, ohne ihre Mutter. Und die Landschaft fliegt nur so am Fenster vorbei. Erst als ihre Mutter sie wieder in den Armen hält, kullern Tränen über die Wangen des kleinen Mädchens. Ein Missgeschick oder eine Unaufmerksamkeit des Zugpersonals haben am Freitag zur Trennung von Mutter und Tochter geführt.

Am Bahnhof Pritzwalk beginnt das Unglück. Eigentlich soll es für die schwangere, 19 Jahre alte Ulrike Kracht und ihre zweijährige Tochter Marie-Luise ein entspannter Nachmittag mit einem Besuch bei der Oma werden. Doch die Bahn macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Wie gewohnt will Ulrike Kracht am vergangenen Freitag, von Wittenberge kommend, am Bahnhof Pritzwalk aus dem Regionalexpress R6 aussteigen. „Am Bahnhof angekommen, habe ich zunächst die Tür geöffnet und den sperrigen Kinderwagen aus dem Abteil bugsiert“, sagt die 19-Jährige. Mit einem Fuß habe sie noch auf der Einstiegsstufe zum Zug gestanden, wollte anschließend ihre Tochter mit beiden Händen aus dem Zug heben. Doch da schlossen sich plötzlich die Türen des Waggons. Panik stieg in der jungen Mutter auf. „Zwei Männer versuchten, mir sofort helfen“, sagt Ulrike Kracht. Die beiden Reisenden hatten auf dem Bahnsteig gestanden und das Geschehen beobachtet. Gemeinsam liefen sie neben dem anfahrenden Zug her und schlugen gegen die Scheiben, aber niemand reagierte.

Marie-Luise steht ganz alleine in dem Abteil. Die Mutter ist nicht mehr zu sehen, und eine andere Frau, die noch kurz zuvor mit Marie-Luise geschäkert hatte, ist ebenfalls in Pritzwalk ausgestiegen. Für Ulrike Kracht beginnen jetzt die wohl längsten Minuten ihres Lebens. Zunächst wendet sie sich an den Fahrer eines anderen Zuges, der auf dem Bahnhof gehalten hat. „Er konnte den Zug auch nicht mehr aufhalten, versprach mir aber, den Zugführer zu informieren, dass sich an Bord seines Zuges noch meine kleine Tochter befindet“, sagt Ulrike Kracht.

Nach Angaben einer Bahn-Sprecherin habe dann eine Zugbegleiterin umgehend das Mädchen gesucht, habe sich während der 45 Minuten langen Fahrt um es gekümmert. Warum der Zug in Pritzwalk losgefahren sei, obwohl die Frau mit ihrem Kind noch nicht ausgestiegen war, und warum der Zug nicht mit einer Notbremsung gestoppt werden konnte, ist den Angaben zufolge unklar. „Ich frage mich, warum der Zug nicht an den Bahnhöfen Wittstock oder Heiligengrabe anhalten konnte“, sagt Ulrike Kracht. Nach Angaben einer Sprecherin der Bahn sei zu dieser Zeit kein Zug in die Gegenrichtung unterwegs gewesen, der das Kind hätte wieder mit zurücknehmen können. „Daher haben wir entschieden, das Mädchen mit nach Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) zu nehmen und die Kleine dann dort zu übergeben“, sagt die Bahn-Sprecherin.

In der Zwischenzeit ist Ulrike Kracht zu der nur wenige Meter vom Bahnhof Pritzwalk entfernten Polizeiwache gelaufen und hat die Beamten um Hilfe gebeten. Kurz entschlossen und nach Rücksprache mit der Bahn beschließen die Polizisten, die junge Mutter in einem Streifenwagen zum Neuruppiner Bahnhof zu fahren. Doch damit nicht genug. Nachdem Mutter und Tochter wieder vereint sind, fahren die Beamten Mutter und Tocher zurück nach Pritzwalk und bringen sie wohlbehalten zur Oma. „Wie es meiner Kleinen in dieser Zeit im Zug ergangen ist, weiß ich nicht“, sagt Ulrike Kracht. „Ich hoffe, sie hat sich nicht zu sehr geängstigt.“ Als sie dann ihre Tochter endlich wohlbehalten in den Armen halten kann, fließen auch bei ihr die Tränen.