Das Oderbruch hat offenbar ein tierisches Übervölkerungsproblem. Schätzungsweise 320 Biber tummeln sich in 85 Quartieren und toben sich in der durch ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem gebändigten Kulturlandschaft so richtig aus: Die nachtaktiven Tiere stauen Gewässer an, leiten das Wasser in Gräben um, bauen Burgen, holzen dafür ganze Alleen neu gepflanzter Bäume ab, machen auch vor jahrhundertealten Eichen keinen Halt. Das Resultat sind nasse Felder, vollgelaufene Keller, überflutete Straßen und jede Menge Ärger.
Erstmals haben jetzt Kommunalpolitiker offen den Abschuss von Bibern gefordert, um deren rasant gestiegene Population zumindest etwas einzudämmen. Der Landwirtschaftsausschuss des Kreistages von Märkisch-Oderland hat sich für gesetzliche Regelungen ausgesprochen, die auch Abschussquoten enthalten sollten. Das Thema wird demnächst auch im Kreistag behandelt, der sich anschließend für eine Gesetzesänderung an die Landesregierung wenden will.
„Statt unserer Arbeit nachzugehen, müssen wir mit hohem Zeitaufwand ständig kontrollieren, wo es neue Schäden gibt oder vom Biber geschaffene Staubarrieren beseitigt werden müssen“, sagt der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Märkisch-Oderland, Hendrik Wendorff. Der Kampf der Menschen gegen die dreisten Nager erinnert dabei an ein Katz-und-Maus-Spiel. „Kaum hast du einen Biberdamm weggerissen oder Schäden repariert, legt der Biber hinter deinem Rücken erneut los“, beschreiben Landwirte die Situation. Auch die Mitarbeiter des Gewässer- und Deichverbandes Oderbruch (GEDO), zuständig für die Wasserregulierungsanlagen, haben jetzt alle Hände voll zu tun.
Im Sommer haben sich die Biber auf den Äckern den Bauch vollgeschlagen. „Nachdem die Felder jetzt abgeerntet sind, ernähren sie sich von Baumrinde und bauen Dämme oder Burgen wie die Weltmeister“, sagt GEDO-Geschäftsführer Martin Porath. Die von den Pflanzenfressern verursachten Schäden sind keinesfalls geringfügig. Eine Studentin der Fachhochschule Eberswalde hat sie und den Reparaturaufwand auf einer 50 Hektar großen Fläche kartiert und berechnet. Sie kam auf eine Schadenssumme von 100.000 Euro. Die Betroffenen – in der Regel Landwirte und der GEDO – bleiben allerdings auf den Kosten sitzen, denn das Land Brandenburg lehnt eine Schadensregulierung bisher konsequent ab.
Lediglich Beschädigungen an den Oderdeichen werden im Interesse des Hochwasserschutzes vom Brandenburger Landesumweltamt beseitigt. Die Behörde finanziert mit Mitteln der Deichsanierung auch Maßnahmen zur sogenannten Vergrämung der tierischen Baumeister durch den Einbau von stählernen Gittermatten in den Erdwällen. Der laufende Meter kostet allerdings rund 130 Euro, deswegen werden die Schutzmatten nicht flächendeckend, sondern nur dort eingesetzt, wo eine potenzielle Bibergefahr besteht. Immerhin wurden bei der regulären Herbst-Deichschau im Oderbruch kürzlich elf neue Biberbauten in den Dämmen entlang des Grenzflusses entdeckt.
Keine natürlichen Feinde
Vor Jahrzehnten ausgerottet, sind die Tiere 1986 wieder im Oderbruch angesiedelt worden. Mittlerweile sind sie in ganz Europa streng geschützt, haben zudem keine natürlichen Feinde und breiten sich ungehindert aus.
Inzwischen greifen die genervten Bewohner des Oderbruchs zur Selbstjustiz, bevor die von ihnen ungeliebten Biber tatsächlich zur ernsthaften Gefahr werden können. Meldungen über Traktoren, die in Biberlöcher einbrechen, oder Straßen, die stellenweise absacken, häufen sich bereits. Der Abschuss der Tiere ist bislang zwar verboten, doch schon mehrfach sind tote Nager gefunden worden, die augenscheinlich keines natürlichen Todes gestorben sind.
Nach den Recherchen von Fachleuten hat die Biberpopulation nicht nur das komplette Oderbruch erobert, sondern auch die Höhenlagen um Bad Freienwalde und die Märkische Schweiz westlich von Müncheberg – Tendenz steigend. Experten zufolge sind langfristig erhebliche wirtschaftliche Schäden zu erwarten, wenn dem Treiben der Biber kein Ende gesetzt wird.




