Noch kein Stein, noch keine Fliese ist gesetzt für Potsdams neues Freizeitbad. Doch bereits seit mehr als zehn Jahren schlägt es Wellen weit über die politische Landschaft Potsdams hinaus – und ein Ende ist nicht in Sicht. Gerade erst haben die Stadtverordneten die Verwaltung wieder beauftragt, sich drei Standorte für eine neue Schwimmhalle näher anzuschauen. Favorit ist eine Baufläche in der unendlich scheinenden Weite des Entwicklungsgebietes Bornstedter Feld im Norden der Stadt, genauer: die Biosphäre, die entweder entkernt werden und das neue Schwimmbad aufnehmen oder einen Schwimmbad-Anbau bekommen soll. Den Reiz dieser Lage für ein solches Projekt haben die Verwaltung und mit ihr als Investor die Stadtwerke erst jetzt entdeckt.
1996 sah noch alles danach aus, dass das Plattenbau-Wohngebiet Drewitz Ziel aller Badelustigen der Region würde. Die Flächen einer alten Brotfabrik sollten für 20 Millionen Euro in eine maßvoll-sachlich gebaute Freizeit- und Badeanlage verwandelt werden. Das Projekt war auch gut gelitten bei der damaligen PDS als stärkster Fraktion in der Opposition. Doch das Vorhaben kam nicht vom Fleck. Vier Jahre nach dem Baubeschluss für Drewitz sorgte der Bäderbericht des Landes für eine erste Ernüchterung. Die Förderung eines solchen Projekts war für Potsdam nicht vorgesehen.
Projekt Drewitz ist aus dem Rennen
Alle Hoffnungen ruhten fortan auf einem privaten Investor. Die Unternehmensgruppe Weber schien 2002 diese Rolle übernehmen zu wollen. Doch die Verhandlungen verliefen scheinbar zäh, während für den Standort Drewitz bereits die Chancen schwanden. Denn 2003 erschien ein neues Gutachten, das eine Landesförderung nun doch für möglich hielt – allerdings nicht in Drewitz, sondern am Brauhausberg. Dort, oberhalb des Hauptbahnhofes, steht seit den siebziger Jahren die Hauptschwimmhalle für die Stadt – mit knappen Kapazitäten für Freizeit-, Vereins- und Schulsport. Als die Weber-Gruppe nach wie vor ihre Finanzierungspläne nicht darlegen konnte, erklärte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) das Projekt Drewitz im Sommer 2004 für gescheitert. Die Mehrheit der Stadtverordneten folgte dem wenige Monate später und kürte den Brauhausberg als neuen Standort für ein auch touristisch orientiertes Freizeit- oder "Spaßbad" zum gleichen Preis wie in Drewitz: 20 Millionen Euro. Das geschah gegen den Willen der PDS-Fraktion.
Was dann passierte, sollte am Ende deutschlandweit für Negativ-Schlagzeilen sorgen. Die Zeit drängte, denn bis 2007 musste ein Neubau abgeschlossen sein, sollte die in Aussicht gestellte 80-prozentige Landesförderung dem Vorhaben zugute kommen. Schon im Januar 2005 präsentierten der Oberbürgermeister und Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Paffhausen Tatsachen: Der Chef des Versorgers hatte in Rio de Janeiro einen Vertrag mit dem über 90 Jahre alten Spitzenarchitekten Oscar Niemeyer unterzeichnet. Der Kontrakt erschien manchem als Handstreich – die Brandenburgische Architektenkammer war empört über die sogenannte freihändige, also ohne Ausschreibung erfolgte Vergabe des interessanten Auftrags. Jakobs und Paffhausen indes waren begeistert von der Kuppelarchitektur des transamazonischen Visionärs – und übersahen scheinbar das tropisch heftige Politgewitter, das sich über ihnen zusammenzog. Denn die Kosten von zunächst gut 48 Millionen Euro schockten Stadtparlament und Wirtschaftsministerium – Niemeyer trat erneut ans Reißbrett und speckte das Kuppel-Bad um zehn Millionen Euro ab. Für das Wirtschafts- und das Finanzministerium immer noch zuviel – beide traten nochmals auf die Bremse. Der Bau sei gegenüber vergleichbaren Objekten überteuert und so nicht förderfähig. Die Mehrheit der Stadtverordneten verständigte sich schließlich auf eine Baukostenobergrenze von etwa 33 Millionen Euro.
Prominentester Vorschlag war das Niemeyer-Bad
Skeptisch blieb die PDS, die an einer Obergrenze an etwas mehr als 31 Millionen Euro festhielt. Mittlerweile stachen die ebenso kühnen wie kostenträchtigen Pläne Potsdams auch auswärtigen Beobachtern wie Chlor in den Augen. Das Niemeyer-Bad machte Schlagzeilen, bevor es überhaupt stand. Politiker aus den westlichen Bundesländern witterten Prunksucht im armen Osten. Immer wieder schoben die Fördermittelgeber das Projekt auf ihrer Tagesordnung vor sich her – die Signale für das Scheitern wurden offensichtlich. Schließlich entdeckte sogar der Bund der Steuerzahler den freihändigen Drahtseilakt der Potsdamer Badplaner für sich. Der Verband nahm das Vorhaben in sein Schwarzbuch der Steuersünden auf. Das Wirtschaftsministerium forderte zuletzt mehrfach eine Neuausschreibung. Die Potsdamer Stadtspitze versuchte indes, den politischen "Supergau" noch zu verhindern. Ein letztes Mal nahmen sich Verwaltung und Stadtwerke den Finanzplan vor. Sie drückten das Projekt unter 30 Millionen Euro, allerdings zuzüglich der Sanierungskosten für die alte DDR-Schwimmhalle, die nun in das Niemeyer-Projekt integriert werden sollte.
Geholfen hat das nicht mehr: Im Frühjahr 2007 verlangten Oberbürgermeister Jakobs und Stadtwerkechef Paffhausen eine endgültige Aussage vom Land – und erhielten sie zur besten Freibadsaison: Am 22. Juni teilte Wirtschaftsminister Junghans die endgültige Ablehnung mit. Jakobs verkündete das Ende der Pläne – und war politisch schwer angeschlagen. Bis dahin waren vier Millionen Euro ausgegeben worden, unter anderem für die Bad-Entwürfe und die Sprengmittelberäumung am Brauhausberg. Die Potsdamer aber schwammen weiter in ihrer notsanierten Schwimmhalle. Die hat nur noch bis 2012 eine Betriebsgenehmigung. Der Neubau muss also wieder schnell fertig werden. Eine von der Linken geforderte Bürgerbefragung zum Standort haben die Stadtverordneten abgelehnt. Gebaut werden soll nun für höchstens 24 Millionen Euro – diesmal ohne Fördermittel.


