Als am 8. Juli 1908 das Wasser in das Becken des Stadtbades Steglitz eingelassen wurde, war die gesamte politische Prominenz der damaligen Landgemeinde zugegen. Man rühmte sich, Preußens modernste und größte Heil- und Bäderabteilung in dem Schwimmbad zu eröffnen, das ursprünglich nur für Männer gedacht war. Letztlich waren es aber die Frauen, die von Fango, Moor und Sauna reichlich Gebrauch machten.

Diese Historie geht aus alten Dokumenten hervor, die die neue Besitzerin Gabriele Berger überraschend hinter einer lange verschlossenen Tür gefunden hat. Heute, zum 100. Jubiläum des Stadtbades an der Bergstraße 90, will die Eigentümerin des Bades diese alten Unterlagen, wie Baupläne, Statistiken und Fotos, zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren. Nach einer Begrüßung mit Konzert um 17 Uhr in der Schwimmhalle wird um 19 Uhr die Ausstellung zur Geschichte des Bades in der Wannenbadabteilung eröffnet. Im Anschluss lädt das Clubtheater Berlin zu einem szenischen Rundgang vom Kesselhaus zur Sauna ein.

Anders als vor 100 Jahren ist bei Gabriele Berger zum Jubiläum nicht nur die Lokalpolitik, sondern auch die Öffentlichkeit willkommen. Auch anders als zur Eröffnung plätschert kein Wasser mehr in dem 21-Meter-Becken. Seit 2002 ist das sanierungsbedürftige Bad geschlossen. 2004 kaufte Sportlehrerin, die bereits das Bewegungsbad Marienfelde betreibt, das denkmalgeschützte Anwesen für einen Euro vom Liegenschaftsfonds. Die Kosten für die Instandsetzung und Modernisierung liegen jedoch bei sechs Millionen Euro.

Vor vier Jahren verfolgte Gabriele Berger ein ehrgeiziges Ziel: Sie wollte zum 100-jährigen Jubiläum das sanierte Bad wieder eröffnen. Geklappt hat es nicht. Das erfülle sie schon mit Wehmut, sagt die Besitzerin, aber auch ein wenig mit Erleichterung. "Aus heutiger Sicht hätte ich eine Menge Fehler gemacht, wenn ich sofort das Geld für die Sanierung gehabt hätte", sagt die 58-Jährige. Sie hat viel auf die Beine gestellt, um das Geld zu beschaffen: So veranstaltete sie Flohmärkte, Lesungen, Partys im Bad und vergab Patenschaften für Fliesen. Und sie hat auch einiges erreicht, wie die Eröffnung des Café Freistil. Aber ohne Kredit ist das gesamte Projekt nicht zu schaffen. Doch bislang ist keine Bank bereit, die Summe bereitzustellen. Jetzt überlegt die Stadtbad-Eigentümerin, einen Investor mit ins Boot zu holen. Gerade das wollte sie zwar immer verhindern, um unabhängig zu bleiben. Mittlerweile könnte sie sich aber eine Kooperation vorstellen.

Bis die Sanierung beginnen kann, bleibt das Jugendstilbad ein Kulturstandort. Das Clubtheater Berlin hat das Bad als Spielstätte entdeckt und mittlerweile ein Dutzend Inszenierungen auf die Bühne beziehungsweise in das trockengelegte Schwimmbecken gebracht. Jetzt bereitet der künstlerische Leiter Stefan Neugebauer sein erstes Stück mit Kindern vor. Am 29. August wird das Stück "Emil und die Detektive" Premiere im Stadtbad feiern. Noch werden kleine Darsteller gesucht: Kinder von neun bis 13 Jahren können am 12. und 13. Juli zu einem Casting ins Stadtbad kommen. Anmeldung unter Tel. 623 00 51 oder www.stadtbad-steglitz.de .