Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie zutreffend diese Redensart ist, das müssen seit einiger Zeit viele Autofahrer auf dem Berliner Autobahnring erfahren. Dort sind zahlreiche betrügerische Schmuckverkäufer aus Südosteuropa unterwegs und bieten angeblich wertvollen Familienschmuck zum Schnäppchenpreis von 50 oder 100 Euro an. Wer sich auf das Geschäft einlässt, wird bitter enttäuscht. Denn die angeboten Stücke sind in der Regel nicht anderes als wertloser Ramsch.
Einer der Betrogenen ist Wolfgang T. Auf einer Internetseite, die sich ausschließlich mit dieser Betrügermasche befasst, schildert er seine Erfahrungen mit den Betrügern. Anfang September wurde er auf einem Parkplatz in der Nähe der BAB-Anschlussstelle Schwanebeck (Barnim) von drei Südosteuropäern angesprochen. Die Männer erzählten ihm im gebrochenen Deutsch eine herzzerreißende Geschichte über ein krankes Kind daheim, das nur durch eine kostspielige Behandlung gerettet werden könne. Deshalb seien sie nach Deutschland gekommen, um das nötige Geld durch den Verkauf ihres wertvollen alten Familienschmucks zu beschaffen.
Die Masche ist nicht neu
„Du kaufen, ist viel 1000 Euro wert, du kriegen für 150, bitte kaufen, brauchen Geld für kranke Kind“, radebrechte einer der Männer und wedelte mit zahlreichen Ketten und Ringen vor dem Gesicht von Wolfgang T. herum. Als dieser ablehnte, wurde zunächst das Bitten flehentlicher, dann aber die ganze Haltung der Männer bedrohlicher, bis es T. schließlich mit Mühe schaffte, an der ihn massiv bedrängenden Gruppe vorbei in sein Auto zu gelangen und schleunigst das Weite zu suchen.
Die Masche ist nicht neu, die Täter, zumeist aus Rumänien stammend, sind bereits seit zwei Jahren rund um Berlin verstärkt aktiv. Doch seit einigen Wochen gebärden sie sich immer aggressiver, berichtet Rudi Sonntag, Sprecher des für den Westen Brandenburgs zuständigen Polizeipräsidiums Potsdam. Aus vielen Schilderungen von Betroffenen kennt Sonntag die Vorgehensweise der Betrüger.
Die stehen zumeist in Dreiergruppen mit einem alten Pkw auf Rast- oder Parkplätzen, immer häufiger auch auf dem Standstreifen des Berliner Autobahnrings. „Mit Benzinkanistern oder Abschleppseilen herumfuchtelnd täuschen sie eine Panne oder Benzinmangel vor und versuchen so, andere Fahrer zum Halten zu bewegen“, erzählt Sonntag. Dabei komme es immer häufiger zu gefährlichen Verkehrssituationen. „Inzwischen passiert es regelmäßig, dass die Männer einfach auf die Fahrbahn springen, um so die Fahrzeuge förmlich zum Anhalten zu zwingen. Je weniger Leute auf die Maschen reinfallen, desto aggressiver werden die Betrüger.“
Gesamtzahlen über die erfassten Fälle hat die Potsdamer Polizei noch nicht. Aber allein in den Monaten März und April 2010 registrierte die Behörde 61 Fälle. Und in den Sommermonaten haben die Aktivitäten der Betrügerbanden nochmals stark zugenommen. Die für den Osten Brandenburgs zuständige Polizei in Frankfurt (Oder) verzeichnete nach Angaben ihres Sprecher Peter Salender im vergangenen Jahr 512 Fälle, doppelt so viele wie im Jahr davor. Für 2010 erwartet die Behörde eine weitere Steigerung. Sowohl in Potsdam wie auch in Frankfurt (Oder) geht die Polizei zudem von einer erheblichen Dunkelziffer aus.
Ermittler sprechen von "Rumänen-Blech"
Wie viele dieser Betrügerbanden in Berlin und Brandenburg unterwegs sind, ist unklar. Man habe es hier mit ganzen Familienverbänden zu tun, die ausschließlich auf diese Weise ihren Unterhalt verdienen, heißt es aus dem Landeskriminalamt Düsseldorf. In Nordrhein-Westfalen wurden die Betrügerbanden als erstes auffällig, bei der dortigen Polizei nennt man den angeblich wertvollen Schmuck, den sie anbieten, schlicht „Rumänen-Blech“. Doch die rumänischen Banden sind ein bundesweites Problem. Zentral erfasst werden die Delikte beim Eichamt Köln. Ihre Ware besteht zumeist aus Messing, die Prägestempel, die echten Goldschmuck vortäuschen sollen, sind gefälscht. Neben Schmuck bieten diese Banden häufig auch „echte“ Lederbekleidung und „hochwertige“ Elektroartikel an.
In und um Berlin sind die Banden nicht nur auf dem Autobahnring aktiv, sondern auch entlang den Bundesstraßen B96 und B101 südlich der Hauptstadt. Die Polizei kann in den meisten Fällen nicht viel tun. Wird sie alarmiert, sind die Täter häufig über alle Berge, wenn die Beamten am Tatort eintreffen. Und der Betrug lässt sich oft nicht nachweisen. Können die Beamten die Täter festnehmen, erfolgt zumeist ein Strafverfahren wegen schwerer Verkehrsgefährdung, zumeist bleibt es aber bei einer Anzeige wegen Ordnungswidrigkeiten. Wird jemand erwischt, tritt er in diesem Gebiet nicht mehr in Erscheinung, sondern wechselt zu einer Gruppe, die in einem anderen Teil Deutschlands tätig ist.
Inzwischen warnt nicht nur die Polizei vor den betrügerischen Banden, auch Verbraucherschutzorganisationen schlagen Alarm. Sie empfehlen Autofahrern, auf keinen Fall anzuhalten, sondern weiterzufahren und die Polizei zu verständigen. Das diene dem eigenen Schutz und man umgehe durch den Anruf auch das Risiko eines Verfahrens wegen unterlassener Hilfeleistung, sollte es sich tatsächlich um einen Notfall handeln.




