Stickstoff-Explosion

Koch verliert eine Hand bei Küchen-Experiment

Offenbar wollte ein junger Koch in Stahnsdorf in Brandenburg ein modernes Rezept ausprobieren – aus der sogenannten Molekularküche. Sein Hantieren mit Stickstoff endete mit einer riesigen Explosion. Der Mann verlor letztlich die rechte Hand, die linke wurde in einer mehrstünden Operation wieder angenäht.

Foto: Steffen Pletl

Vermutlich wollte der junge Koch einmal die Molekularküche ausprobieren. Einmal ein bisschen mit flüssigem Stickstoff experimentieren – doch das wurde ihm zum Verhängnis. Aus bislang ungeklärter Ursache verursachte der 24 Jahre alte Martin E. in einer Wohnung in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) eine folgenschwere Explosion. Dabei wurde er schwer verletzt.

Der junge Mann hatte gegen 23.20 Uhr in der Wohnung seiner Freundin mit einer Flasche flüssigen Stickstoffs für ein Rezept aus der Molekularküche hantiert. Vermutlich explodierte das Behältnis, weil der Druck darin durch die Erwärmung der Flüssigkeit massiv gestiegen war. Die Druckwelle erfasste die gesamte Wohnung im ersten Obergeschoss an der John-Gaudenz-Straße. Danach stand Martin E. blutüberströmt im Badezimmer, die rechte Hand war von der Wucht zerfetzt worden.

Im Unfallkrankenhaus Marzahn (UKB) wurde Martin E. noch in der Nacht zu Montag notoperiert. Zunächst hieß es, die linke Hand sei so schwer verletzt gewesen, dass sie amputiert werden musste. Diese Angaben wurden jedoch am Dienstag korrigiert.

Der "Handpapst" von Berlin rettete eine Hand

Die Hand konnte nach Angaben von Dr. Andreas Eisenschenk, Chef der Abteilung für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie am UKB, in einer achteinhalbstündigen Operation erhalten werden. Sie soll nur noch in Fetzen mit dem Unterarm verbunden gewesen sein, musste also wieder angenäht werden. Eisenschenk, der auch die nach einem Sprengstoffanschlag schwer verletzte Charlyn operiert hatte, geht davon aus, dass er die Funktion der linken Hand "zu 60-70 Prozent" wieder herstellen kann. "Das wird allerdings sehr aufwendig werden und bis zu einem halben Jahr dauern. Fünf bis zehn Operationen werden dafür notwendig sein", sagte der Chirurg Morgenpost Online. Eisenschenk ist Spezialist für schwierigste Verletzungen im Hand- und Armbereich. In den Medien wird er deshalb auch der "Handpapst von Berlin" genannt.

Martin E. erlitt außerdem Verletzungen im Genitalbereich und eine große Fleischwunde im Unterschenkel. Das könnte dafür sprechen, dass er die Flasche mit dem flüssigen Stickstoff vor seinem Körper hielt. Der 24-Jährige schwebte am Dienstag noch in Lebensgefahr und musste künstlich beatmet werden.

Seine Freundin Heike B. (16) blieb ebenso unverletzt wie deren Mutter, die sich zu der Zeit ebenfalls in der Wohnung aufgehalten haben soll.

Stickstoff explodiert nicht einfach

Das Badezimmer brannte nach Angaben einer Polizeisprecherin bei der Explosion komplett aus. „Stickstoff“, so die Sprecherin weiter, „explodiert aber nicht ohne weiteres.“ Daher müsse nun ermittelt werden, auf welcher Weise der Koch mit der chemischen Substanz umgegangen sei.

Am späten Sonntagabend hatte der junge Koch aus Teltow Feierabend gehabt und war zu seiner Freundin nach Stahnsdorf gefahren. Doch anstatt sich mit ihr gemütlich aufs Sofa zu setzten, verschwand er mit einer Flasche flüssigen Stickstoffs im Badezimmer. Dann kam es offenbar beim Hantieren mit der Substanz zu der folgenschweren Explosion. Flüssiger Stickstoff muss in einem speziellen thermoisolierenden Behälter gelagert werden, der dem Gas die Möglichkeit gibt zu entweichen. Oder in einem speziellen Druckbehälter, der nicht explodieren kann. Denn wenn sich der etwa minus 200 Grad kalte, brodelnde Stickstoff erwärmt, dehnt er sich aus.

Heike B. alarmierte die Rettungskräfte, die um 23.34 Uhr am Unfallort eintrafen. Martin E., der ansprechbar war, sagte zunächst, er habe lediglich versucht, ein Gasfeuerzeug zu füllen. Seine Freundin gab jedoch an, ihr Freund habe versucht, eine Stickstoffflasche zu entleeren.

Der Notarzt entschied, den lebensgefährlich verletzten Martin E. mit dem Rettungshubschrauber ins Unfallkrankenhaus Berlin nach Marzahn fliegen zu lassen.

Kein Verkauf an Privatpersonen

Am Unglücksort sicherten Kriminaltechniker Spuren und sammelten die Reste des zerborstenen Behälters ein, in dem sich der flüssige Stickstoff befunden hatte. Wie der 24-Jährige in dessen Besitz gekommen war, blieb zunächst unklar. „Es gibt gewisse Hürden, um an flüssigen Stickstoff zu kommen“, sagt Stefan Metz, Sprecher der Linde Group, Deutschlands führender Industriegasproduzent. „Wenn flüssiger Stickstoff verkauft wird, informieren wir die Käufer genauestens über die Sicherheitsvorschriften und lassen uns das unterschreiben. Flüssiger Stickstoff wird in der Regel auch nicht an Privatpersonen verkauft“, sagt der Sprecher weiter.

Köche benötigen flüssigen Stickstoff für die Molekularküche, um Gerichte mit neuartigen Eigenschaften zu kreieren. So verrührt man beispielsweise kalte Sorbetmasse mit flüssigem Stickstoff, bis dieser verdampft ist, um einen besonderen Schmelz zu erhalten. Vielleicht wollte Martin E. diese moderne Art des Kochens auch einmal ausprobieren. Seine Neugier endete tragisch.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.